Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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gelegentliche Aeußerungen, bei denen Maimonides, von keinem theoretischen Interesse geleitet, sich nicht selten dem Herrschenden Sprachgebrauch anbequemt, als den Ausdruck seiner Ueberzeugung festzuhalten und sie als Baustein^zur Abrundung seines Systems zu'verwenden. Aber immerhin hat der Verfasser den dankenswerten Versuch gemacht, das Gedankensystem des Maimonides in einer Vollständigkeit darzustellen, in der es uns bisher noch von keinem anderen dargeboten - wurde. Das ist ein Verdienst, das seinem Buche noch einen besonderen Wert verleiht. GehsnKm über bss Luch „Der Nntersang der deutschen Juden" von Dr. Felix Theilhader. Von Snnitcitsrat Dr. Scherbe! in Lissa i. P. er Titel des Buches ist unheilverkündend und läßt an eine nahe Katastrophe für die deutsche Judenheit denken- Aber dann liest man in diesem interessanten Werke, welches soviel Aussehen erregt hat, und in dem mit Bienenfleiß bedeutsame statistische Zahlen zusammengetragen und mit außerordentlichem Scharfsinn gedeutet worden sind, daß im Jahre 1816 in Preußen 123 938 Juden vorhanden waren und daß sie im. Jahre 1905 bis aus 409 601 angewachsen sind. In den 100 Jahren seit ihrer Emanzipation hat sich also die Zahl der preußischen Juden nahezu vervierfacht. Ebenso liest man, daß bei Begründung des Kaiserreiches im Jahre 1871 612 000 Juden in Deutschland anzutrefsen waren, und daß im Jahre 1905 von ihnen 607 802 im Reiche ermittelt wurden. Gewiß, das ist kein imponierendes Wachstum, und wenn man bedenkt, daß die Zunahme der übrigen Bevölkerung im Deutschen Reich von 1871 bis 1905 die gewaltige Zahl von 12 Millionen betrug, so ist das zweifellos für die deutschen Juden recht beschämend, um so mehrals sie es — wie der Verfasser nachweist — an Fleiß hinsichtlich des Familienzuwachses nicht haben fehlen lassen. Aber es ist doch ein, wenn arnch langsam ansteigendes Wachsen in der Zahl der deutschen Juden, dem gegenüber man doch kaum von dem „Untergang der'deutschen Juden" sprechen kann?) Als sehr bedrohlich wird die Zahl der Judentausen bezeichnet. Im 19. Jahrhundert soll es mindestens 204 500 Judentausen gegeben haben. Wir halten diese Zahl für übertrieben. In den Jahren 1873 bis 1908, also in 35 Jahren, waren es in Berlin 2209, die zum Christentum übergetreten sind. Das sind nicht wenige, und es waren nicht immer welke Blätter und die schlechtesten Früchte, welche vom Baum des Judentums verlorengegangen sind. Aber waren die Not- und Zwangstaufen in den Schreckenszeiten des Mittelalters nicht noch zahlreicher, und haben sich die Juden nicht trotzdem in ansehnlicher Anzahl aus ihnen herausgerettet? Und als in der Nach-Mendelssohnschen Zeit die Uebertritte zum Christentum noch viel, viel häufiger waren als in der *) „Daß eine Abnahme der Geburten nicht bloß bei den Juden vorhanden ist, sondern allgemein festgestellt worden ist — sie soll neuerdings sogar zum Gegenstände einer staatlichen Untersuchung gemacht werden — ergibt sich aus den n e u e st e n amtlichen Zusammenstellungen über „Das Gesundheitswesen des preußischen Staates", wonach die allgemeine Geburtenziffer im Laufe des letzten Jahrzehnts von 1301092 auf. 1266 613 zurückgegangen ist, und? zwar zwischen 1910 und dem Vorjahr allein um 30 417. In Berlin hat sie sich im Laufe von 34 Jahren um mehr als 100 Prozent vermindert!" Das sind doch Dinge, die zu denken geben und daraus hindeuten, daß tiefe Wunden im allgemeinen sozialen Organismus vorhanden sein müssen." ‘ - Gegenwart, hat die Judenheit nicht auch diese Krise überwunden, üm sich dann in langsam aufsteigender Linie kräftig weiterzuentwickeln? Die vielfache Teilnahme jüdischer Kinder am christlichen Religionsunterricht, die Austritte, die Taufen, die Mischehen . sind zweifellos Krankheiten, die am Mark des Judentums zehren. Aber es sind Krankheiten, wie sie der jüdische Stamm in dieser und ähnlicher Weise im Laufe der Jahrhunderte schon des öfteren durchgemacht und jedesmal siegreich überwunden hat. Immer wieder blühte er in der Sonne der Aufklärung und Freiheit, in den warmen Lichtstrahlen der Humanität wieder auf und trieb neue kräftige Zweige, erzeugte Früchte, die der Menschheit zur Zierde, dem Judentum zum Ruhm gereichten. Mag sein, daß die Vermehrung der deutschen Juden in den letzten Jahrzehnten zum Teil der Zuwanderung von Glaubensgenossen aus dem Auslande zu verdanken ist; mag sein — was unbestreitbar ist —, daß eine Flucht der Juden von dem Lande und aus den kleinen Städten nach den Großstädten und namentlich nach dem alles verschlingenden Berlin stattfindet. Das sind Erscheinungen, die in den sozialen und Zeitverhältnissen begründet und kaum zu ändern und anders zu gestalten sind, wenngleich sie tief zu bedauern sind. Denn mit Recht hebt Dr. Theilhaber hervor, daß die Dorfjuden und die Juden der Kleinstädte ein unverwüstliches Kapital völkischer Gesundheit und Fruchtbarkeit repräsentieren, ganz abgesehen davon, daß diese Juden zumeist ein festwurzelndes Judentum in sich tragen, daß sie belebt sind von jüdischem Geist, jüdischer Sitte, jüdischem Gebote. Mischehe, Taufe, Assimilation sind Dinge, die nicht an ihr Herz rühren, die'in den kleinen Gemeinden nicht platzgreisen können.. Bemerkenswert ist es, daß die jüdischen Dienstboten säst nur aus dörfischen Gemeinden stammen. Also der allmähliche Verfall der kleineren Judengemeinden ist sicher zu beklagen. Aber ihre Mitglieder gehen ja nicht verloren; sie werden von dem Sammelbecken der Großstädte ausgenommen, und wenn auch in diesen der ansteckende Einfluß von religiöser Gleichgültigkeit, Taufe und Mischehe sich leider oft gar sehr bemerkbar macht', deshalb erscheint eine übertriebene Schwarzseherei hinsichtlich der Zukunft des Judentums nicht berechtigt zu sein. Die Verminderung der Zahl der Ehen überhaupt, die Abnahme der Geburten und andere Mißstände machen sich ja auch in nichtjüdischen Kreisen mehr oder minder bemerkbar (in Frankreich werden sie als ein allgemeines Volksunglück bezeichnet) und sind wohl als „Zeichen der Zeit" aufzufassen. Es kann ja damit wohl auch wieder einmal anders werden. Dr. Theilhaber ist Arzt; er begnügt sich nicht damit, die Sonde in eine tiefe, fressende Wunde am Körper des Judentums zu legen, die Krankheit zu erkennen und ein böses Ende Fu prophezeien. Er gibt auch einige Mittel an, an deren Heilwirkung er aber, selbst nicht'glaubt; denn er fügt hinzu: „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Als Gegenmittel meint er; könnte eine kräftige nationale Bewegung mit religiöser Grundlage wirken. Er befürwortet die Besteuerung des Junggesellentums und der kinderlosen Ehen und eine Unterstützung aller der Bewegungen, die eine körperliche Regeneration der Juden erstreben. . - Sicherlich sind diese letzteren Bestrebungen nicht zu unterschätzen. In einem gesunden, kräftigen Körper wohnt auch ein gesunder Geist. Dadurch kann auch jener Idealismus wieder geweckt werden, vor dessen bewundernswürdigen Taten, wie Goldmann sagt, jedes Blatt der jüdischen Geschichte zu berichten weiß, und der die Juden auch bis in unsere prosaische und nüchterne Zeit hinein begleitet hat. Ein großer Teil der Jugend preist den Zionismus als das einzige Mittel, um den Untergang der Juden abzuwehren> na