Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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während wir früher daran dachten, Arbeiter aus den galizischen Bergwerksdistpikten, die nur einen kümmerlichen Lohn verdienen, heranzuziehen,'sind wir davon abgekommen, da wir es für zweckmäßiger halten, Leute, die gar nichts verdienen, also der öffentlichen Unterstützung zur Last fallen, oder aus Scham, diese Unterstützung anzunehmen, langsam verhungern, hier unterzubringen. Ich darf es Wohl als selbstverständlich betrachten, daß niemand annimmt, wir wollten für irgendwelche materiellen Vorteile den Gruben jüdische Bergarbeiter schaffen. Ob die Gruben Arbeiter haben oder nicht, ist uns ziemlich gleichgültig, und Vorteile haben wir allerdings davon, aber nur ideelle, da wir das Bewußtsein haben, armen, gequälten, arbeitsfreudigen Menschen zu helfen. Materiell haben wir Lasten an Zeit und Geld. Die Sorgen des Herrn Dr. Theilhaber wegen Streik usw., sind doch eigentlich mehr die Sorgen der Sozialdemokraten. Wenn diese nichts darin finden, so braucht Herr Dr. Theilhaber wirklich kein Obersozialdemokrat zu sein. „ Tatsächlich sind die oberschlesischen Arbeiter sehr zufrieden , damit,' da die jüdischen Arbeiter zunächst nur als Hilfsarbeiter angenommen werden, und der gelernte Bergarbeiter bei dem derzeitigen Mangel an Hilfskräften, ein Mangel, der von Tag zu Tag sich steigert, es nur freudig begrüßt, wenn er seine gut bezahlte Akkordarbeit sortsetzen kann, und ihm ausreichend Hilfsarbeiter zur Seite stehen. Die Sache ist nämlich folgende: Der gelernte Bergarbeiter (Häuer genannt) sprengt und haut die Kohle. Er hat etwa fünf Schlepper (Hilfsarbeiter) zur Seite, die die Kohle aufladen, sodaß der Häuer in seiner Arbeit nicht gestört ist. .Hat nun der Häuer nicht genügend Hilfskräfte zur Seite, so muß er unnötige Pausen Machen oder selbst zugreifen und büßt dadurch an seiner besser bezahlten Häuerarbeit ein. Nun zur Streikgefahr. Wenn man als Streik das plötzlich ungesetzliche, weil ohne Einhaltung der Kündigungsfrist, erfolgte Einstellen der Arbeit bezeichnet, so ist es allerdings wahr, daß wir zu ungesetzlichen Maßnahmen unsere Hand nicht bieten werden, und daß die ausländischen Arbeiter tatsächlich Gefahr lausen, bei ungesetzlichem Verhalten mit den Behörden in Konflikt zu geraten. Das ist dann auch ganz in der Ordnung. Handelt es sich aber um eine gesetzmäßige Einstellung der Arbeit, also unter Einhaltung der 14 tägigen Kündigungsfrist, so wird ihnen die Behörde kein Haar krümmen. Tatsächlich liegt die Sache so, daß seit 23 Jahren in Oberschlesien kein Streik war. Das liegt daran, daß noch nicht 20% der oberschlesischen Arbeiter organisiert sind, somit also über 80% keine Streikunterstützung erhalten. Ein Streik in Oberschlesien ist daher in hohem Maße unwahrscheinlich. Bricht aber wirklich ein Streik aus, so streiken vor allen Dingen die gelernten Arbeiter, die Häuer. Wenn diese streiken, so ist die Arbeit der Hilfsarbeiter damit erledigt, diese feiern und müssen von der Grube bezahlt werden. Außerdem haben wir noch keinen Streik gehabt, der 4 Wochen gedauert hätte, und für eine 30-Ps.-Fahrkarte sind die Leute in ihrer Heimat, aus russischem oder galizischem Boden, wo sie das Ende des Streiks abwarten können. Brauchen wir uns wirklich den Kopf jetzt zu zerbrechen, was im Streikfalle geschehen soll? Wir werden uns dann schon in Berlin Rat holen. Es ist auch unzutreffend, daß die Regierung die Einwanderung jüdischer Arbeiter begünstigt. Das genaue Gegenteil ist richtig. Die Regierung macht zurzeit allerhand Schwierigkeiten, die wir allerdings zu überwinden hoffen. Es ist auch unrichtig, daß die Grubenverwaltungen in ihrer nichtswürdigen Dividendenpolitik jüdisches Menschenfleisch einführen wollen. Wir haben bei den Gruben petitioniert und haben bei diesen, allerdings mit Rücksicht aus die Notlage in der sich auch die Gruben befinden, Entgegenkommen gesunden. Daß die Gruben mit diesen Leuten, die doch an Arbeit gar nicht gewöhnt sind, einen Sprung ins Dunkle machen, möchte ich nur nebenbei erwähnen. Tatsächlich haben die Gruben mit den Leuten große Mühe, sie anzulernen, und etwa 50% der Leute geben die Arbeit nicht nur aus Mangel an Energie, sondern weil sie unterernährt und der Arbeit nicht gewachsen sind, wieder auf. Tatsächlich bringen auch die Gruben Opfer, indem sie die Leute von der Arbeit am Sabbat befreien und sie dafür am Sabbatabend Nachtschicht machen lassen, indem sie ferner den Leuten besondere Wohnhäuser zur Verfügung stellen und in diesen nicht nur Schlafzimmer, sondern auch Speisezimmer ein.richten, dann Räume, in welchen die Arbeiter nach der Arbeit sich durch Lektüre, die wir ihnen zur Verfügung stellen, erholen, (die Leute verlangen u. a. die jüdische Geschichte, von Graetz) und in welchen sie auch ihre gemeinsamen Gebete verrichten. .Wir haben jetzt schon einen Stamm arbeitswilliger Leute auf den einzelnen Gruben untergebracht. Die Leute sind glücklich,- daß sie sich und ihre Familien aus anständige, ehrliche Weise ernähren können. Am frühen Morgen 4% Uhr verrichten die Leute ihr gemeinsames Gebet mit Minjan, bevor sie in die Grube einsahren und am Abend ebenso. Dazu werden die Leute von uns nicht etwa genötigt, sondern sie tun es so, wie sie es von Hause gewöhnt sind. Es sind auch jüdische Kantinen eingerichtet, wo die Leute sich in zuverlässiger Weise ihre Nahrungsmittel beschaffen können. Manche verdienen schon 4 M. 50 Pf. täglich (im Akkord), sie können mit der Zeit bis 6 M. steigen. . - An unserer Unterstützungskasse in Kattowitz haben wir die Einrichtung getroffen, daß ein Beamter von uns anwesend ist, der den arbeitskräftigen Wanderarmen anstatt Almosen Arbeit zureicht. Das hat schon zur Folge gehabt, daß Arbeitsscheue Kattowitz in weitem Bogen umgehen. Wir haben, wie Sie sehen, auch das Problem gelöst, trotz der Sabbatfeier und der Sonntagsruhe den Leuten 6 Tage in der Woche Arbeit zu schassen. , Im übrigen sind die Leute, natürlich in Krankheitsfällen versorgt wie die anderen Arbeiter, bei Betriebsunfällen und im Todesfälle haben sie resp. ihre Angehörigen genau dieselben Ansprüche an die Berufsgenossenschaft (Knappschaft) wie die deutschen Arbeiter. Die Leute werden mit der Zeit in der Lage fein, nicht nur für sich und ihre Angehörigen zu sorgen,, sondern auch einige hundert Mark im Jahren zu sparen, mit denen sie nach Belieben am Ende des Jahres in das Land der Freiheit auswandern oder in die Heimat zurückkehren können, um einem neuen Trupp Platz zu machen. Wir gedenken aus diese Weise alljährlich 6000 Mann die Mittel zur Auswanderung zu beschaffen. Daß sie in Amerika, mit einem Zeugnis der deutschen Grüben versehen, sofort lohnende Arbeit finden, ist wohl zweifellos. . . ' Wir dachten ein KUltürwerk allerersten Ranges zu vollbringen und werden uns durch Ausdrücke wie „Schachtfutter" usw., und Ansichten, die durch keinerlei. Sachkenntnis getrübt sind, keineswegs beirren lassen. Wir lösen die Judensrage nicht, aber wir Helsen sie lösen. Möchte doch überall ein so soziales Empfinden herrschen, namentlich bei unseren österreichischen Glaubensgenossen, so würde die Judenfrage weit schneller gelöst werden.