Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229045--68630-3280899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gewahrter Vorzug ser. Tränenden Auges, gleich einem'Kinde, ' das die Gräber seiner Eltern verläßt, verließ Israel die in Trümmer und Schutthausen verwandelte heilige Stadt und zog hinaus in die weite Welt, getragen und getröstet durch das.alle seindlichen*Gewalten und.Strömungen überdauernde Vätererbe, in .dessen Pflege, Ueberwachung und Fortbildung es nunmehr seine eigentliche Ausgabe sah und in bangen Tagen, die unausbleiblich waren. Halt und Stütze sand. '--Wer in den eigenartigen Schicksalen des jüdischen Stammes nur das Walten eines blinden Zufalls wahrnimmt, der mag am neunten Ab mit dem Dichter des Weltschmerzes verzweifelnd klagen: „Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimat, Juda nur die Gruft." Wer aber in den rätselhaften Schicksalen Israels das Walten einer höheren Macht erblickt, jener unerforschlichen Macht, die über alle Vernunft und Spekulationerhaben die Geschicke der Menschen und Völker nach ewigen unabänderlichen Gesetzen leitet, der kann in den für Israel angesichts seiner Leidensgeschichte angestimmten Grabgesang nicht einstimmen. Trauernd, wie Kinder des Todestages ihrer Eltern, gedenken wir am neunten Ab Zions und Jerusalems als der Geburtsstätte unseres religiösen Bekenntnisses, die durch eine Fügung göttlichen Willens geschändet und zerstört und ihres Schmuckes und Glanzes beraubt worden ist. Doch unsere Trauer beugt uns nicht nieder, ruft in uns nicht Gefühle tiefer Niedergeschlagenheit wach, als wäre der Lebensfaden unseres Stammes für immer durchschnitten und alle seine sür sich und die Menschheit gehegten Hoffnungen in .das Grab, das sein nationales Leben verschlang, gesunken. — Nach einem sinnigen Worte unserer Weisen ist am neunten Ab, am Tage der Zerstörung Jerusalems der Messias geboren, d. h. der Erlösungsgedanke in Israel entstanden, der, wie unsere'Väter, so auch uns in die Worte Jehuda Halevis ein* stimmen läßt: Der nicht Ruh" kann finden Wie ein Schiff in den Winden — O mög' ihm verkünden Ein Ruf aus der Höhe: Du Glaubenstreuer! ' Es schwindet der Schleier — Schau! Himmlisches Feuer — Gott endet dein Wehe! 'Wl Sir Woche. Berlin, 16. Juli. on dem Bericht des D. I. G. B., dem erfolgten Rücktritt des bisherigen Vorsitzenden, Herrn Professors M. Ph ilippso n, ist schon im vorwöchentlichen „Gemeindeboten" die Rede gewesen. Unterdessen ist uns der gedruckte Bericht der Alliance Jsraelite Universelle und des Hilssvereins der deutschen Juden sowie der vorläufige handschriftliche der Jewish Eolomzation Association zugegangen; über alle drei soll ein selbständiger Artikel der nächsten Nummer handeln. Heute geben wir nur mit großer Freude folgender Notiz Raum: ' Die Friedenskommission der deutschen Mitglieder der Alliance Jsraelite Universelle hat am 7. Juli dieses Jahres in ihrer Gesamtsitzung die Statuten für die Gesamtorganisation der. deutschen Mitglieder der Alliance Jsraölite Universelle fertiggestellt. Es ist zu erwarten, daß nunmehr auch der . Friede mit Paris geschlossen wird. . O Das Hauptbureau des Iüdis chen Nationalfonds sendet uns nachstehende Miteilung: Der Iüdisch e N a t io n a l f o n d s, der bekanntlich den Erwerb von Grund und Boden in Palästina für die jüdische Kolonisation bezweckt, veröffentlicht soeben die Statistik seiner Einnahmen jm .ersten Halbjahre 1912. Diese Statistik, die mit einem Total- . ergebnis von. zirka 250 000 Mark abschließt, zeigt' gegenüber dem Vorjahre eine- Steigerung der Einnahmen von zirka 20 000 Mark. v Insbesondere fällt es auf, daß trotz, der überaus traurigen VGhältnisse in Rußland die Eingänge aus diesem Lände sich ganz bedeutend gehoben haben. Sie weisen mit einer Totalsumme von zirka 60 000 Mark gegenüber denen des ersten Semesters 1911 (unter Abzug .einer testamentarischen Zuwendung. von 10000 Mark) eine Steigerung von nicht weniger als 50 Prozent auf. Aus Deutschland gingen 26 000 Mark ein, aus Oesterreich 60 000 Mark und aus den Vereinigten Staaten 40000 Mars In den letzten Jahren hat das zweite Semester regelmäßig 100 000- Mark mehr gebracht als das erste, so daß sür 1912 mit einer Jahreseinnahme von mindestens 600 000 Mark gerechnet werden darf. (Im Jahr 1911 550 000 Mark). Diese günstige Entwicklung ist um so freudiger zu begrüßen, als gerade jetzt große Aufgaben in. Palästina zu bewältigen sind. Insbesondere stellt die immer Zunehmende Einwanderung der jemenitischen Juden/ die in einem Jahre schon die Bevölkerung der jüdischen Kolonien um zirka 20 Prozent gesteigert hat, große Anforderungen an die Kolonisationsinstitutionen und namentlich an den Jüdischen Nationalsonds, der sich der jemenitischen Juden, die ein außerordentlich wertvolles Kolonisationsmaterial bilden, besonders angenommen hat. Das Juli-Augusthest der Monatsschrift „Im Deutschen Reich" enthält an leitender Stelle das während des Wahlkampfes in 100 000 Exemplaren verbreitete Flugblatt: „ D a s Talmudslugblatt des Zentralvereins, eine Betrachtung antisemitischer Wahrhaftigkeit." Wir machen unsere Leser nachdrücklich aufmerksam aus diese Veröffentlichung und hoffen zuversichtlich, daß diese sachkundige Belehrung dazu beitragen wird, die beständig wiederholten, der Wahrheit zuwiderlaufenden Anschuldigungen zu zerstören, die von den Antisemiten vorgebracht werden, als sei der Talmud und infolgedessen die Juden christenseindlich. Es wird in diesem Artikel gezeigt, wie die Antisemiten Stellen aus dem Zusammenhang reißen, den Sinn klarer Worte verdrehen, vieles geradezu fälschen und ohne Scheu beständig Behauptungen äußern, die längst selbst von christlichen Forschern zurückgewiesen worden sind.. Ob's Helsen wird? Unsere Gegner sind unbelehrbar. Wir aber wollen nicht ermüden, die Wahrheit zu verkünden. Der, Zentralverein verdient durch diese Veröffentlichung warmen Dank. ' . Ein anderer Antisemit, Adolf Bar t e l s, ergreift im „Deutschen Schrifttum" das Wort, um H. Heine zu brandmarken. Jüngst sind in einem Auktionskatalog Briese Heines an Meyerbeer ausgetaucht, aus denen sür Unbefangene nur hervorgeht, daß Heine im Interesse von Meyerbeer tätig gewesen (wie Meyerbeer sich übrigens auch für Heine verwandte). Ich habe nie zu denen gehört, die eine besondere Feinfühligkeit Heines in Geldsachen behauptet haben, muß mich aber gegen die gänzlich unwissenschaftliche Art wenden, in der Bartels, von blindem Haß irregeleitet, die Worte des Dichters auslegt. Er folgert aus ihnen, daß Heine von Meyerbeer bezahlt worden sei. Wenn ersterer den letzteren um 500 Francs ersucht, „die er im Interesse Meyerbeers an deutsche Hungerleider spenden muß, um sie mundtot zu machen", so, folgert Bartels unverfroren daraus, „diese deutschen Hungerleider haben natürlich von den 500 Francs nie etwas gesehen. Heine hat sie selbstverständlich ganz vergnügt für sich verwendet." In ähnlich beweiskräftiger Weise benutzt Bärtels andere Stellen. Und daraufhin entblödet