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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-19 · Heft 29 (19.7.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 19. Jjili 1912 76. Jahrgang M 29 Gin unparteiisches Organ fiir alles jüdische Interesse Diese Zeitung - erscheint w 5 ch e n tli ch. Aöonnements-Preis: durch den Luchhandel öder'die Post '(in Berlin und Vororten durchs unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M.Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Sr. Ludwig Philipps»« - Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dp. Ludwig Geiger Verlag : Kuäolk Mosse, verlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46J49, zu rich'en. Verlag von Rudolf Rlosse, Verlin. Zum neunten Ab. Don Albert Kätz. — Die Woche — t/lUJuU« Justizrat Dr. Frankenstein. Von Dr. Coblenz in Bielefeld. — Die Feier von H. Cohens 70. Geburtstag. —/Die jüdischen Bergarbeiter in Oberschlesien. Von S. Wien er. — Maimonides. Von Jacob Guttmann. — Gedanken über das Buch „Ter Untergang der deutschen Juden" von Dr. Felix Theilhaber. Von Sanitätsrat Tr. S ch e rb el in Lisfa i. P. .— Feuilleton: Die mährische Kehillah. Von Gotthard Deutsch. — Tempelzerstörung. Von Ludwig Geiger. — Literarische Mitteilungen. — Lesefrüchte — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus dem oberschlesischen Jndustriebezirk, Hannover, Essen, Nürnberg, Homburg i. d. Pf., Worms, Wien, Nom, Petersburg. — Von Nah und Fern. Zum neunten flb. Von Alber t Katz. er neunte Ab ist ein ernster Gedenktag, für alle Juden, auch für diejenigen, die für Israels nationale Wiedergeburt weder den Wunsch noch die Hoffnung hegen. Ob wir die Auflösung des jüdischen Reiches, die Zerstörung Jerusalems und alles Ungemach, das. sich daran geknüpft hatte, als eine über unsere Väter wegen ihrer großen Sünden von Gott verhängte Strafe oder als eine ganz natürliche Folge der inneren Zerrissenheit, der vorangegangenen heftigen Parteikämpse betrachten: Der neunte Ab ist ein Tag, der in der Geschichte unseres Stammes mit Blut und Tränen verzeichnet ist, und wir dürfen und können nicht achtlos an ihm.vorübergehen. „Vergäße ich dein Jerusalem, so versage meine Rechte", war und ist ein von überwältigendem Schmerz diktiertes heiliges Gelöbnis, das auch nach Jahrtausenden die Nachkommen derer, die „an Babels Strömen faßen und weinten, als sie Zions gedachten", nicht der Pflicht entbinden kann, trauernd des Tages zu gedenken, an dem der aus tausend Wunden blutende jüdische Volkskörper, von grausamen Feinden umringt und dem guten Genius feiner Geschichte verlassen, seine von Verfolgung, Jammer und Unglück begleitete Wanderung durch die — ach so lange und finstere Golusnacht antreten mußte. Man versucht das bittere Geschick des jüdischen Stammes dadurch zu versüßen, daß man seine unsäglichen Leiden mit seiner Auserwähltheit, mit der ihm zuteil gewordenen Aufgabe, der Menschheit die Lehre von einer in der Welt waltenden göttlichen Vorsehung zu verkünden, in engen Zusammenhang bringt. Man ist geneigt, in Israels tausendjährigem Martyrium einen der vielen unerforschlichen Wege Gottes zu erblicken, der die ahnungslose Menschheit aus der finsteren Nacht beängstigender Wahngebilde zum lichtstrahlenden Morgen erlösender Erkenntnis führt und dem Märtyrers dem geduldigen Träger und Spender des Lichts, die Ruhmeskrone der Zukunft verbürgt. Fürwahr! es ist nicht in Abrede zu stellen, daß diese. Auffassung etwas Wahres und Versöhnendes in sich-birgt. Es ist nicht zu leugnen, daß Israel feit' dem Tage der Verbannung aus dem alten Heimatlande für die vielen Drangsale und Bitternisse, die es auf seinem dörnenvollen Wege durch die Geschichte der Völker und Länder erfahren/. Trost und Beruhigung in den zu seiner Aufrichtung und Stählung von den Propheten ihm vorgeführten Zukunftsbildern gesucht und gefunden hat. lieber der weiten Erde zerstreut, von den verschiedenen Völkern,, mit denen es in Berührung kam, bedrängt und gequält, ob seiner unerschütterlichen Treue im Glauben an einen gütigen und barmherzigen Gott verspottet und verachtet, hat Israel, als ob es zum Leiden und Dulden prädestiniert wäre, in die Welt hinausgerufen: „Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet,, und ich sträubte mich nicht, bin nicht zurückgewichen. Meinen Rücken bot ich den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht barg ich nicht vor Schmähung, und Verachtung. Gott,, der Herr, steht mir bei).darum werds ich nicht zur Schmach, darum machte ich mein Angesicht gleich dem Kiesel und wußte, daß ich nicht untergehen werde" (Jesaia, 51, 5—7). Nur dürfen wir nicht außer acht: lassen,; daß/ ohne die.'lebendige Erinnerung an Zion und Jerusalem im Herzen, ohne das sichere Gefühl, daß die Lehre, die ^,von Zion ausgeht", ihm. ' als schützender-Engel auch in die.Diaspora gefolgt sei,' Israel an den mannigfachen Wunden, die das finstere Galuth ihm geschlagen, schon längst, verblutet und nie und nimmer. aus/ den Gedanken gekommen wäre, seine Leidensgeschichtezu idea-/ lisieren.und vor der schmerzensreichen, trostlosen Gegenwart Schutz und Zuflucht suchend^ in eine ferne, nebelhafte Zukunft zu flüchten. Die Erinnerung an Zion und Jerusalem' mit den Wünschen und Hoffnungen, die in diesen Namen verkörpert sind, die auf. die wechselvollen Schicksale, dieser heiligen Stätten, und ihrer ehemaligen Bewohner sich beziehenden.erschüttere den und. aufrichtenden Prophetenworte. von, der ewigen Gerechtigkeit und unendlichen Gnade Gottes, entrissen Israel dem unabwendbaren Geschick anderer ihres Landes und St.äatslebens verlustig gegangenen Völker, indem sie seinen, trauerumflorten Blick auf ein anderes,- rein himmlisches Jerusalem, auf jenes ideale Zukunftsreich richteten,' ans dem kein Feind es verdrängen, das keine irdische Macht ihm mehr rauben und zerstören könne. „Wie bewundernswert" ^— sprach jemff Kais er Hadrian zu Rabbi Jos.ua ben Chanania — „ist doch die Stärke des vermeintlich. schwächen Lämmleins /(Israel), das/unter so vielen..blutdürstigenWölfen'cheidnisch.en-Böltern)^seiN'Hasein fristet." „Dieses große Wunder", entgegnete der/weise/Rabbi, „vollbringt unser.-Gott, der uns mit der Ueberwachüng :und Verbreitung seiner Lehre betraut hat, vor, deren ewigen: Wahrheiten die Heidenwelt in ihren Grundfesten mDterO.^ Ja, aus den Ruinen des eingeäscherten.. Heiligtüms auf/Zion erblühten für Israel neue Hoffnungen Md neue^LAen: der aufrichtende, erfrischende Glaube, daß seine Zerstreutheit unter den Völkern weniger eine äbzubflßende, entehrende/Shmfe/ als vielmehr ein ihm / zu seinem/'Und//der./ Menschheit.- Heil

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