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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-12 · Heft 28 (12.7.1912) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 334 (sequence 10)
Language
German
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des Todes. Mit einem Wort, ein Gesamtbild von einer Uwruhe in den Formen und Farben, das im grellsten Gegensatz steht zur ewigen Ruhe'des Todes, die es doch verkörpern sollte. Nun kann man glücklicherweise sagen, daß seit einigen' Jahren ein Umschwung in der Auffassung von Grabmonument beim gebildeterer! Publikum eingetreten ist, dex gleichläuft mit . der.Geschmackswandlung 'im Kunstgewerbe, und man sieht schon hier und dort, erfreuliche Leistungen. Immer mehr verzichtet man. zum schmerz der Grabsteinlieferanten aus die kostbaren, aber galten und nichtssagenden polierten Gesteinsarten zugunsten.der Sand- und Kalksteine, die durch die Art der Bearbeitung und ihrer Struktur allmählich die Patina des Alters annehmen, die so reizvoll wirkt. In den Formen der Grabsteine herrscht aber heute noch - eine geradezu babylonische Verwirrung. Es gibt imtner noch Leute, die ihren Toten Monumente aus längst vergangenen Stilepochen geben. Aber auch da, wo die Hinterbliebenen so einsichtig sind, dem Verstorbenen ein dem Zeitgeschmack entsprechendes Monument zu errichten, treten architektonische Stilblüten zutage, die in ihrer Gesamtheit mehr wie ein Grabdenkmalsmarkt als wie eine Stätte ewigen Friedens wirken. Der Grund dieser Erscheinung ist ein recht komischer. Die Mehrzahl der jüdischen Familien weist heutzutage ein jugendliches Mitglied aus, das Architektur studiert. Und diese jungen Leute, die sich mit dem Monument für ihre verstorbene Tante die archtiketvnischen Sporen verdienen wollen, entfalten bei dieser Erstlingsarbeit die ganze Fülle des auf den technischen Hochschulen erworbenen, Formenschatzes, und unglücklicherweise sind nicht einmal alle jüdischen studierenden jungen Architekten künstlerisch begabt. Das Gegenstück zu dieser Entstehungsart von Monumenten ist leider noch viel kläglicher. Der studierende Architekt fehlt in der Familie. Dutzende von Grabsteinfabrikanten überlaufen die Hinterbliebenen. Der Glückliche, der die Ausführung bekommen soll, geht mit den Hinterbliebenen auf dem Friedhof Umher. Letztere bezeichnen einen Grabstein,, nach dessen Vor- . bild sie auch den ihrigen angefertigt haben wollen. Aus ' Scham über den Diebstahl, den sie am geistigen Eigentum des Schöpfers des Originals begehen, oder auch von dem Fabrikanten auf das Strafbare des geistigen Diebstahls -aufmerksam gemacht, ändern sie einiges am Entwurf ab und lassen das so entstandene neue Machwerk ausführen. Da haben sie nun einen neuen' Grabstein und haben noch dazu das Archiiektenhonorar gespart. Diesen Menschen, die überhaupt kein Verständnis dafür haben, daß ein Grabstein ein empfundenes in sich abgeschlossenes Kunstwerk aus einem Guß sein muß, ist nur in den seltensten Fällen, abgesehen von dem' Unwürdigen ihres Vorgehens, klar zu machen, daß ein so entstehendes. Neues stets eine Verschlechterung, Entstellung und Verkrüppelung darstellen muß. Aber selbst wenn der Steinsetzmeister einen eigenen Entwurf zu einem Monument macht, wird das künstlerische Ergebnis in der Regel nur ein mangelhaftes sein. Denn er mag sein Handwerkpraktisch und geschäftlich tüchtig verstehen, eine künstlerische Leistung gehört nicht zu seinem Gebiet. Den allergrößten Tiefstand in der Bewertung eines Grabrnonuments bezeichnet jedoch die Auswahl der Grabsteine aus einem gedruckten Katalog, der die Denkmäler als Dutzendware anbieteb Hier ist der letzte Funke künstlerischen und individuellen Empfindens erstickt. Für die bisher besprochene Wahl des Materials und die Art der Formensprache kann der Besteller immerhin noch den Architekten oder den Gräbsteinfabrikanten, der ihn beraten hat, verantwortlich machen, aber das eine, was er selbständig anordnen kann, die Bepflanzung des Grabhügels, zeugt'allzu häufig von keiner hohen Stufe des Geschmacks. Auch hierbei entspricht Ruhe, in der Farbengebung am meisten dem-Ernst -und der. Würde des Ortes, und wie der Mensch in der Trauer ^dupkle Gewänder anlegt, so scheint die dunkle Farbe des .Efeus, ^des Lebensbaumes und der Zypresse am besten die Trauer um dön Tötep auszudrücken. Empfindet nicht auch derjenige . zarter, der auf Grabhügel nicht andauernd neue Blumen pflanzt und die alten entfernt, wenn' sie verblüht sind, sondern an dem einmal mit. Efeu besponnenen Grabhügel nicht mehr rührt und dem Toten einen stillen Hügel läßt? Der Friedhof soll ja ein Garten sein, aber doch ein Garten des Todes. . 'All diese vielen geschilderten Mängel lassen eine reine künstlerische Freude an unserem Friedhof nicht aufkommen, vielmehr muß man beklagen, daß trotz des Aufwandes so ungeheurer Kapitalien so wenig wahrhaft künstlerische Monumente geschaffen worden sind. Soll es besser werden, und man fühlt, daß von Jahr zu Jahr mehr gute Einzelleiflungen entstehen, so wirke jeder in seinem Kreise für Unterdrückung des Protzentums der Gräbmonumente, Wahl einfacher, aber monumentaler Gräbsteinformen in Anlehnung und Weiterbildung der herrlichen alten erhaltenen jüdischen Grabmonumente, Wahl geeigneter Steinsorten mit materialgerechter Steinbehandlung und Beratung durch einen reifen, künstlerisch empfindenden Architekten. Per neue Friedhof in Stahnsdorf wird schon in seiner Anlage W beweisen haben, daß er als ein Werk moderner großzügiger Friedhofskunft den trockenen Schematismus und die dürftige Reißbrettmache früherer Zeiten überwindet und das wird/was er sein muß, wenn er ein Denkmal der Größe und der Würde der Berliner Jüdischen Gemeinde bilden soll — ein erhabener Garten des Todes. Die mshrilchr lkehillsh. Erlebtes und Erzähltes , aus halbvergangenen Tagen. Von Gotthard Deutsch. . / III. ^^rotzdem täte man Unrecht, Rabbi Loeb einen Finsterling zu nennen. Er war, wie Nehemias Trebitsch, ein Kind seiner Zeit. Im übrigen besaß er einen urwüchsigen Humor; der beste Beweis, daß er nichts vom Pietisten an sich hatte. Jeden Morgen wurde der talmudische Vortrag gehalten, der bis gegen Mittag dauerte. Nach Schluß desselben verabschiedeten sich die Bachurim mit dem üblichen Wunsche: „Guten Appetit, Rebbe", worauf Rabbi Loeb erwiderte: „Ich darf euch keinen .guten Appetit wünschen, sonst würden mich euere Balbattim schelten." Die Jungen äßen alle Freitische (Kosttage), und wenn es auch ein gutes Werk war, einem armen Jungen beim Studium der Thora behilfliche zu sein, empfand man die Pflicht der Verpflegung der Bachurim, welche man in, der Regel bei der Ausnahme des Rabbiners diesem gegenüber kontraktlich eingegangen war, als eine schwere Last, wie schon die von Maria Theresia nach Aufhebung des Vertreibungsediktes im Jahre 1754 erlassene „General-Polizeh-Prozeß- und Kommerzialordnung für die Judenschast in dem Markgrafenthum Mähren" beweist, die in ihrem ersten Artikel festseA, „daß der Unterhalt deren armen fremden Scholaren nicht einer jeden, sondern nur zweyen deren größten und vermöglichsten Gemeinden jeden Kreises zu übertragen" sei. Die armen Jungen hatten, neben dem Kosttagen, deren Nahrungswert sehr verschieden war, auch ihre offiziellen Hungertage. Bei meinem Vater traf es sich so, daß ein solcher Hungertag mit dem Fasttage des 17. Tammus zusammenfiel, was ja

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