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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-12 · Heft 28 (12.7.1912) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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- 332 .- Beraubten zu Erholung des Ihrigen in alleweg verhilflich sein sollet. Wonach sich nun männiglich zu richten und vor Schaden zu hüten, auch danach Unfern Allergnädigsten Willen und Meinung gehorsamst zu vollbringen wissen wird. Geben Ebersdorsf, den 18. Sept. 1700. Leopold. Johannes Franciscus ä Würben. Boh. Supr. Cancekrius. Lin Leluch in der jüdilchen Llindenanltalt in Steglitz. Von Lehrer A d o l s N o t h s ch i l d - Achim. er Liebenswürdigkeit meines Kollegen Friedberger verdankte ich eine Einladung zum Besuch der von ihm geleiteten jüdischen Blindenanstalt in Steglitz, der ich mit großem Vergnügen Folge leistete. Hatte ich doch schon so unendlich viel Segensreiches gehört von dem Wirken und den Erfolgen dieser jungen, vor kaum erst zwei Jahren ins Leben gerufenen Institution, daß ich wohl begierig sein durfte, sie in ihren Einrichtungen durch den Augenschein kennen zu lernen. Meine Anwesenheit in Berlin zum Gemeindetag gab mir die erwünschte Gelegenheit. Eine kurze Fahrt auf der elektrischen Bahn brachte mich nach Steglitz, und eine breite mit Linden eingefaßte Villenstraße an ein großes Gebäude, das nur durch die Aufschrift „Jü-. dische Blindenanstalt" an seiner Front verriet, welchem Zwecke es dient. Stattlich und einladend steht es in einem großen blühenden Garten, und der ganze Frieden des großstädtischen Villenvororts ist darüber ausgegoffen. Bei meiner Ankunft war Kollege Friedberger gerade damit beschäftigt, einem 20 jährigen Patienten Nechenunterricht zu erteilen. Nach der Begrüßung nahm er diese Tätigkeit wieder aus, wobei die leichte Auffassungsgabe des Schülers mich in nicht geringes Erstaunen versetzte. Nach Beendigung des. Unterrichtes schritten wir zu Besichtigung der Anstaltsräume. Ein breiter weißgestrichener Korridor, an dessen Wänden Laufstangen für die Blinden angebracht sind, verbindet die einzelnen Zimmer miteinander. Außer diesen Stangen und vielleicht der völligen Schmucklosigkeit und Kahlheit der Wände ist im ganzen Hause kaum etwas Ausfallendes zu bemerken. Die Schulräume enthalten Bänke, Pulte, einen Wandschrank, aber selbstverständlich weder Tafel noch sonstiges Anschauungsmaterial. Die Kinder sehen hier sozusagen mit den Händen. Ein 10 jähriges Mädchen las, kaum langsamer als ein gleichaltriges sehendes Kind, aus einem Buche vor, indem es seine Fingerchen mit großer Gewandtheit die erhöhten Punktlinien entlangführte. Ein kleiner Knabe rechnete mit großer Sicherheit seinem Alter angemessene Ausgaben schriftlich und mündlich, und zwei der Kleinen lasen sogar fließend Hebräisch, natürlich gleichfalls in Blindenschrift. Selbst Zeichnungen wurden mir gezeigt, die von den Kranken mit Lunten Nadeln und nur vermittels des Tastsinnes hergestellt waren. Auch in den übrigen Schulfächern, wie Geographie und Geschichte, wiesen die Kinder Leistungen auf, die keineswegs hinter denen ihrer glücklicheren Altersgenossen zurückstehen. Im Erdgeschoß befinden sich noch die Schlafräume der Kinder. Diese sind luftig und freundlich und werden von den Insassen selbst in Ordnung gehalten, wie sogar zwei 15 jährige Mädchen in der Küche der Anstalt beschäftigt werden. Im Oberstock sind die Wohnräume der Erwachsenen. Hier hat man vielleicht noch weniger als unten .das Gefühl, in einem Hause der Blinden zu sein. Auch die in weiteren Kreisen wohlbekannte Klaviervirtuosin Fräulein Wehrend hat hier ihr Zinuner, wo sie sich von den Anstrengungen ihrer Vortragstourncen durch die meisten Großstädte Deutschlands erholt. Ihr Zimmer enthält einen prachtvollen Flügel, der schon oft dazu gedient haben mag, den übrigen Insassen des Hauses über trübe Stunden hinwegzuhelfen, deren ja in ihrem Leben noch manche sein mögen. Eine andere junge Dame erteilt ihren jüngeren Schicksalsgenossen Klavierunterricht. Auch prachtvolle Handarbeiten, Perlen- und Smyrnastickereien sogar, sah ich hier oben, die aus den kunstgeübten Händen der Insassinnen hervorgegangen waren. Auch eine Synagoge ist im Hause, und in ihr mag inniger und tiefer gebetet werden, als. in vielen anderen Gotteshäusern, da die Andacht der in ihr Weilenden kaum durch äußere Eindrücke gestört werden kann. Im Keller sind die Arbeitsstätten untergebracht. Vorläufig beschränkt man sich noch aus die Bürstenfabrikation, jedoch ist bereits alles Notwendige für Stuhl- und Korbflechterei vorgesehen. Die Anstalt nimmt Kinder schon von sechs Jahren an auf, und zwar deswegen schon so früh, weil da noch nicht jede Aussicht auf Heilung geschwunden ist. Die Anstalt steht unter ständiger ärztlicher Aufsicht, und es konnten in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits zwei Kinder als geheilt oder wenigstens gebessert, also für das Leben in der Welt tauglich, entlassen werden. Welches Werk ist hier geschaffen worden! dank der aufopfernden Tätigkeit seiner Gründer! Und besonders sind es die Herren Professor Dr. H. Nosin und William Neumann, die sich hier ein Denkmal gesetzt haben, dauernd und unzerstörbar, in den Herzen der vielen, die hier ihr ihnen anderswo versagtes Lebensglück gefunden haben und noch finden werden. Hier ist vielleicht auch der Ort, darauf hinzuweisen, wie unendlich viel Liebe und Verstehen dazu gehört, um den Aermsten der Armen, die ein ganzes Leben im Dunkel hinzubringen verdammt sind, ihr Los .zu erleichtern, ihr Gebrechen nicht fühlbar zu machen. Aber nicht auszudenken ist es, welche Sunune von Arbeit und heißer Mühe geleistet werden muß, uux die praktischen Resultate solcher Fürsorge zu erzielen. Man muß den Leiter des Hauses, vor allem aber auch seine Gattin am Werk gesehen haben, um diese Erfolge ganz begreifen zu können. Eltern können sich kaum inniger ihren Kindern hingeben, als sie sich ihren Kranken. Kinder aber können auch den Eltern ihre Hingabe kaum durch tiefere Zuneigung erwidern, als sie ihnen von jedem einzelnen ihrer Zöglinge entgegengebracht wird. Nach dem Abendessen pflegen Herr und Frau Friedberger ihren Schutzbefohlenen aus der Zeitung und aus Büchern vorzulesen. Unterstützt werden sie hierin von Damen, die in uneigennützigster Weise eigens zu diesem Zweck dahinkommen. Jedem Besucher muß das blühende Aussehen der Patienten auffallen, die in ihrem ganzen Wesen dem unbefangenen Zuschauer nichts von der auf ihnen liegenden Last verraten. Für die Vergnügungen im eintönigen Alltagsleben der Blinden sorgen gemeinsame Ausflüge mit ihrem Leiter und Konzertbesuche, für die sie ganz besonderes Interesse und Verständnis zeigen, ferner kleine Festlichkeiten und Aufführungen innerhalb des Hauses. Und ein hübscher, sehr nachahmenswerter Brauch beginnt sich einzubürgern: Wo in Berlin eine häusliche Feier, vielleicht eine Barmizwo stattfindet, gedenkt man Der Kinder und läßt sie durch Ueberfendung von Kuchen und Süßigkeiten auch ihren Teil haben an der Freude. Ein neuer Anbau sorgt dafür, daß die zahlreich vorliegenden Anmeldungen, besonders -von Erwachsenen aus allem Teilen Deutschlands, nach Möglichkeit Berücksichtigung finden können.

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