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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-12 · Heft 28 (12.7.1912) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
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schließlich so sehr an diesen Zustand, daß sie bei ihren Etataufstellungen der Schule nur geringen Raum gewährten. Sie leisteten den - ihnen zukommenden Teil der Schulausgaben und überließen alles andere der bewährten Führung der beiden großen Verbände Alliance und Hilfsverein. Erst mit..'dem Eindringen westlicher, insbesondere deutscher Kultur, dämmerte auch in den bulgarischen Juden, spät zwar, doch noch rechtzeitig genug die Erkenntnis auf, daß die Erziehung ihrer Kinder nicht Sacha ausländischer charitativer Hilfsverbände sein darf, bei der ihnen bloß die Rolle des Zuschauers eingeräumt wird. Von^ nicht geringem Einfluß auf die Haltung der Juden in der Schulfrage war ferner die Beobachtung, welche guten Erfolge die Bulgaren auf dem Gebiete des Schul- und Erziehungswesen aufzuweisen hätten, seitdem sie selbst Hand anlegen. Gleich nach der Befreiung — März 1878 —- in richtiger Erkenntnis der hohen Bedeutung der Schule bei dem friedlichen Wettstreit der Völker, nahmen die führenden Geister der Vulgaren, insbesondere der damalige Minister M'a rine D r i n o f f eine vollständige Umgestaltung des bulgarischen Unterrichtswesens vor. In der Volksschule galt Oesterreich, im Höheren und Hochschulwesen Rußland als Vorbild. ’ - Das Unterrichtswesen Bulgariens bietet folgendes Bild: Auf einen fakultativen dreijährigen Kindergartenkursus — die Kinder werden mit 4 Jahren angenommen — folgt obligatorischer vierjähriger Völksschulunterricht, dann wiederum fakultativ drei Jahre Progymnasium (gehobene Volksschule) und dann weiter, je fünf Jahre, >7 Gymnasium, Realgymnasium oder Seminar für^ Lehrer / und Lehrerinnen. In einer. JLC alma mater,. die nur zwei ' Fakultäten hat, eine juri- 0 0 * stische und eine philofo- Phische, findet die Ausbil- ' rr *4-**~v£ /ip. bald ein Lehrermangel für das Deutsche fühlbar machte. Die 1 Regierung sah sich daher veranlaßt, eine Anzahl'Abiturienten nach Deutschland zu schicken, um sie nach Absolvierung ihrer Studien als Lehrer für das Deutsche an den Progymnasien zu verwenden. > Das jüdische Schulwesen zeigt den gleichen Ausbau wie das bulgarische Schulwesen; drei Jahre Kindergarten, vier Jahre Volksschule, drei resp. zwei Jahre Progymnasium. Trotzdem , die jüdischen Schulen im großen und ganzen das Staatsprogramm für Volksschule und Progyrnnäsium angenommen haben, 'werden sie von den Behörden, wie alle anderen Konsessionsschulen, katholische und protestantische, als Privatschulen angesehen. Doch wird der Uebergang ins Gymnasium bzw. Proghmnasium dem jüdischen Kinde nicht allzusehr erschwert, ein Kolloquium in den Hauptgegenständen öffnet ihm alle Staatsanstalten. Das Progymnasium ist zugleich Präparandum für das Lehrerseminar, von dem Bulgarien gegenwärtig 8 Anstalten besitzt, 5 für Lehrer und 3 für. Lehrerinnen. Das Schülermaterial dieser Anstalten ist fast ausschließlich orthodoxer Konfession. Unter den -2938 Zöglingen sind 6 katholisch (6 Mädchen), 12 protestantisch (davon 10 Knaben), 124 Juden (davon nur 16 Knaben), 5 Armenier, 1 Mohammedaner. Die im Verhältnis große Zahl der jüdischen Mädchen in den Seminaren erklärt sich daher, daß in den ersten 3 Jahren — im ganzen beträgt die Seminarzeit 5 Jahre — mehr das Programm der jetzt in Deutschland vorhandenen Mädchenlyceen gelehrt wird, und erst in-den letzten 2 Jah- / düng ihren Abschluß. An dem Ausbau der Universität zu einer Vollanstalt, an der Schaffung einer Technischen und Handelshochschule wird gegenwärtig im Unterrichtsministerium eifrig gearbeitet. Das Unterrichtsministerium unter S. S. B 0 b t f ch e f, dein. früheren Universitätsprofessor und jetzigen Leiter des Ministeriums, plant ferner die Gründung einer Akademie für bildenden und angewandte Kunst, die Schaffung von gewerblichen Fachschulen, um einerseits eine Industrialisierung des Landes zu ermöglichen und anderseits das Aufkommen einer geistig proletarischen Schicht, wie sie jetzt bei uns im Wachsen ist, zu verhindern. Das gleiche Ziel, die Industrialisierung und Kommerzialisierung des Landes, haben auch die Bestrebungen, das Lehrermaterial an den Progymnasien durch.wissenschaftliche. Ausbildung zu heben. . In. den Progymnasien ist nämlich eine Fremdsprache.obligatorisch, doch wird es dem Schüler überlassen zwischen Französisch und Deutsch zu wählen. Die.... Beteiligung, am deutschen Unterricht indes ist in den letzten Jahren eine so große gewesen, daß sich, ren werden die künftigen Lehrer und Lehrerinnen für den eigentlichen Lehrerberuf vorbereitet. Die auffallend geringe Zahl der Knaben zeigt, woran die jüdischen Schulen in Bulgarien von jeher und jetzt ganz besonders kranken; an dem Mangel an seminaristisch Vorgebilde-.. ten Lehrkräften. 19 jüdische Schulen hat Bulgarien, und zwar 9 Knabenschulen, 4 Mädchenschulen, 6 Knaben- und Mädchenschulen. Es wirken an ihnen 66 Lehrer und 40 Lehrerinnen, davon hat kaum ein Drittel eine seminaristische Ausbildung erhalten. Dazu kommt, daß das Verständnis für die Wichtigkeit einer guten Schule in unseren Gemeinden in nur sehr geringem Maße vorhanden ist. Daher auch die ausfallend geringen Summen, die die Gemeinden bislang für ihr Schulwerk bereitgestellt haben. In P h i l i p p 0 p e l, der zweiten Hauptstadt Bulgariens, unterhält die Gemeinde eine Schule mit, über 900 Kindern und 24 Lehrern und Lehrerinnen mit einer Summe von 30 000 Franken jährlich, in Sofia, der Residenz Bulgariens, 2 Schulen mit Zusammen 1600 Kindern und 32 Lehrern und Lehrerinnen mit einer Summe von 36 000 Frank jährlich. Schlechte Bezahlung mnd unzureichende Leitung hält wirklich brauchbares Lehrmaterial von der jüdischen -Schule fern. Was sich jetzt der jüdischen Schule für das

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