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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-12 · Heft 28 (12.7.1912) · p. Seite 328

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
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totdftung des Grundsatzes des allgemeinen Wahlrechts" innerhalb der * herrlichen „neu begründeten gesetzgeberischen Ordnung der Dinge." ■*; Aber auch offene Gewalttaten geschehen. Das „Verl. Tagebl." erzählt: In. dem Flecken Sdunskaha-Wolja, in der Nähe von Lodz, starb jüngst eine christliche Magd im Hause eines Juden ganz Plötzlich, worauf die Leute des Echtrussischen Verbandes eine Hetze begannen, und ein Pogrom seinen Anfang nahm. Die Inden des Fleckens wurden gehauen, in ihren.Häusern die Scheiben eingeschlagen, ihre Läden geplündert und ihr bewegliches Gut ruiniert. Truppen sind zur Herstellung der Ruhe aus Lodz beordert worden. Bisher fehlen Nachrichten über Tote, dagegen steht fest, daß viele schwer mißhandelt worden sind. * In einem Falle wenigstens, in dem Ritualmordprozeß, siegt das Recht. Die Zeitungen verkünden: Im Ritualmordprozeß hat einer telegraphischen Meldung aus Kiew zufolge der Appellhof gemäß dem Antrag des Bezirksgerichts seinen Beschluß, gegen Beilis die Anklage zu erheben, annulliert uud eine Neuuntersuchung des Mordes an dem Knaben Juschtschinski angeordnet. ' Könnte man doch diesen Beschluß als Anfang einer neuen Aera bezeichnen! Aber man glaubt es kaum mehr, daß es im Osten tagt. Doch wir wollen nicht verzweifeln. Auch in Deutschland ward es erst Licht nach vielen trüben Zeiten, wir wollen glauben und hoffen, daß das Dunkel auch aus den finstersten Ländern weicht. Arthur Schnitzler und Ludwig Fulda. Aon Rahel Edelstein. er von den deutschen Zeitgenossen kennt nicht diese beiden Namen, deren Träger so recht das verschiedenartige Temperament ihrer Heimat in ihren Werken zum dichterischen Ausdruck bringen? Wer verdankt nicht diesem Süddeutschen und jenem Norddeutschen Stunden rein künstlerischen Genießens? Wer kann sich dem Zauber entziehen, mit welchem die anmutbelebten Gestalten des einen über die tieferen Abgründe des Daseins sanft-selig uns hinübergeleiten; wer aber möchte nicht, gestützt auf die sichere Hand des anderen, selbst mitbeseelt, einen Blick in diese Abgrundtiefen wagen? Beide Männer,, auf der Sonnenhöhe des Lebens angelangt — Arthur Schnitzler vollendete am 15. Mai fein 50. Lebensjahr, Ludwig Fulda wird dasselbe am .15. Juli erreichen —, sind deutsche Dichter, deren Platz in der Literaturgeschichte des deutschen Volkes ein schon heute sestgestellter ist. Beide werden durch ihre Schöpfungen typisch sein für ihre Zeit und ihre Heimat; für jene haben sie neue Ausdruckssormen geschaffen, und dieser reiche, farbenfrohe Ausdrucksmittel verliehen. Und beide sind — was durchaus nicht ein bloß sinniger Zufall ist — Juden, treumeinende, ehrliche Juden, die sich selbst als gar nichts anderes denken können und wollen, und Juden bleiben, wie sie als Juden geboren sind. Sie wissen eben beide, daß es der Juden Schicksal und Bestimmung ist, den ganzen geistigen Inhalt jeglicher Epoche auszuschöpsen und in einen ihrer Individuen auf dieselbe zurückstrahlen zu lassen. Wir sagten: Schicksal und Bestimmung; wir meinen aber jenes der jüdischen Psyche eigene Feingefühl, welches dieselbe jedem geistigen Eindruck empfänglich gemacht und sie mit jenen Reagenzien versehen hat, welche diese Materie zu verdichten und sie in innigere Kohäsion zu bringen geeignet sind. Sie wissen auch beide, daß sie nicht die ersten in der langen Geschichte des Judenvolkes sind, welche zu Trägern dieser Bestimmung ausersehen wurden. Selbst Jesus, der Nazarener, ist nur ein einzelner in dieser Reihe von Schicksalshelden, welche vielleicht mit dem biblischen Joseph, dem Schöpfer der ersten Reichsversassung, ihren Anfang nimmt. In der uns geläufigeren nachchristlichen Geschichte wird sich in jedem Zeiträume ein Mann jüdischer Abkunft.Nachweisen lassen, der alles geistige Streben seiner Zeit erfaßt und zusammengefaßt hatte und dasselbe in veredelter Form seinen Zeitgenossen wieder Zuströmen ließ. Wenn wir für die griechische Philosophie Philo von Alexan-. drien erwähnen, für die römische Geschichtsschreibung Flavins Josephus, sodann für die Zeit Karls des Großen jenen jüdischen Vornehmen, den der Kaiser als Unterhändler an den maurischen Hof entsandte, so haben, wir nur einen kleinen Teil jener Juden genannt, in welchen sich die geistige Physiognomie ihres Landes und ihrer Zeit, erhalten hat. Für das spatere Mittelalter wollen wir nur die Juden Samson Pinö und Isaak Wallich anführen, welche nach Pros. Geiger „Die deutsche Literatur und die Juden" sich durch die Uebersetzung des Parzival-Stosfes aus dem Spanischen, resp, durch die Sammlung deutscher Volkslieder für immer um deutsches Geistesleben verdient gemacht haben. Auch die von den judenfeindlichsten Fürsten und Päpsten als Aerzte und Finanzmänner an die Höfe, gezogenen Juden waren es, welche das gesamte Wissen ihrer Zeit in sich vereinigt haben. Rücken wir nun gar in die Neuzeit ein, so begegnen wir in dem Rabbiners- Enkel Josef v.. Sonnensels unslrerrig dem markantesten Vertreter der Aufklärungsepoche, neben welchem auch Marx, Mendelssohn in literarischer Richtung sich behauptet. Das 19. Jahrhundert aber ist reich an jüdischen Abkömmlingen, welche das in ihrer Zeit vorherrschende geistige Leitmotiv am konzentriertesten erfaßt und in Worte oder Töne gekleidet haben. Das Sehnen nach der Einigung des Deutschen Reiches wurde am lautesten zuerst von Heinrich Heine verkündet, Berthold Auerbach aber stärkte das Selbstbewußtsein des deutschen Volkes durch die ethische Verklärung, welche er demselben in seinem schlichtesten Gestalten zuteil werden ließ. Halevy und Ossenbach waren es, welche in der französischen Operette jene Kunstform geschaffen haben, welche dem nach seichteren Anregungen lechzenden, als erstes gegen die Nervosität ankämpsenden Zeitalter entsprach — ein Zeitalter, welches zu wohlerzogen war, um sich an Sentimentalität oder Vulgarismus allein genügen zu lassen. Ein Vierteljahrhundert früher hatte Meyerbeer die deutsche und die historische Oper geschaffen. Was Marx und Lassalle als Begründer der sozialistischen Weltanschauung für den Fortschritt des Menschengeschlechtes getan haben, wird erst in kommenden Jahrhunderten zu vollkommener Würdigung gelangen. Ludwig August Frankl ist aus einem freiheitlich gesinnten Dichterkreise derjenige, dessen Stimme am vernehmlichsten erscholl, und I. I. David hat als erster die jetzt so geschätzte Heimatspoesie gepflegt. Daß Adolf Fischhof jenes Wort gesprochen, das den Bann von Tausenden von Herzen löste, geschah gleichfalls im Zuge jener von den Juden unbewußt geübten Fähigkeit, das Sprachrohr für die Tagesgeschichte zu sein. Und so liegt es nicht etwa an den Juden selbst, sondern wurde ihnen im Sinne jener höheren Psychologie zuerteilt, welche Begabungen in scheinbarer Regellosigkeit da oder dort aussprießen läßt, daß sie jeder Lebensäußerung ihrer Zeit zum Durchbruche verhelfen, ja geradezu die Verantwortung für dieselbe auf ihre Schultern laden müssen. So kam es, daß der Dichter und Komponist der rührseligsten Wiener Lieder, Alexander Krakauer, ein Schneiderssohn und Enkel eines Schochet, der im Alter von 25 Jahren an Lungentuberkulose starb, ein Jude sein mußte, ebenso, wie Bernhard Pick, der Verfasser des als urwienerisch geltenden „Fiakerliedes". Und so kommt es auch,

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