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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-12 · Heft 28 (12.7.1912) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
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' Nicht, daß sie immer und überall den Juden hervordrängen sollen: in den Ferien gilt es zunächst, sich «frei zu fühlen und Mensch zu sein. Aber wenn-Angriffe gegen das Judentum laut werden, so sollen sie ihre Zugehörigkeit nicht verleugnen und sich und ihren Glauben verteidigen. Ünd noch ein anderes: sie sollen die Lauen und Gleichgültigen erwecken und anregen, sie sollen unter den Halben und Irregeleiteten richtige Anschauungen verbreiten. - Gerade in der Sommersrische knüpft sich leicht ein Gespräch an. Mancher, der in der hastenden Tätigkeit - des Alltags keine Zeit und keine Stimmung -hat, über seine Stellung zu religiösen Fragen^ nachzudenken, rst während des Freiseins von täglicher Arbeit empfänglichfür ein ernstes Gespräch. Ihn aufzurütteln, ihn auszuklären gilt es. Wieviele lassen'sich durch Schlagworte trügerischen Sinnes betören; ihnen die Wahrheit zu zeigen, ist verdienstlich. Das geschriebene und gedruckte Wort bleibt vielen unerreichbar und unverständlichem Rede und Wechselrede kann man leichter belehren und überzeugen. Solch Reisegespräch hat schon manch Schwankenden gefestigt, manch Lauen erwärmt, manch Irrenden auf den Weg geführt; scheut euch nicht, Freunde, solch gutes Wort zu sprechen. In diesem Sinne allen, die den Staub der Städte von ihren Füßen geschüttelt haben: Vergnügte Ferien! * Dem „Berliner Tageblatt" entnehmen wir nachstehenden kräftigen Artikel: „ Unser Kai s e r und die I ü den" überschreiben die „Deutsch-Sozialen Blätter" einen- Artikel, der an Ungebührlichkeit selbst die sonst üblichen antisemitischen Stilübungen noch in den Schatten stellt. In Erinnerung an das Wort Wilhelms II., daß er . für jeden seiner Untertanen ein offenes Ohr haben werde, erlaubt sich das Blatt die Bemerkung: „Wie bei so manchem anderen Kaiserwort, so blieb es auch bei diesem beim schönen Wollen, in.Wirklichkeit aber hat in den mehr denn 20 Negierungsjahren des dritten Kaisers die Person des allerhöchsten Herrn die Fühlung mit seinem Volke in einem Maße verloren, wie es in Preußen-Deutschland kaum jemals dagewesen ist.. Kaiser Wilhelm lebtabgeschlossen von seinem Volk. Die Stimmungen, die Wünsche, die Sehnsucht der Besten unter uns finden keinen Weg, um hinaufzudringen zum. Thron." Zu dieser „Abgeschlossenheit" des Kaisers vom Volk wird dann auf den Verkehr des Kaisers mit reichen Amerikanern hingewiesen; ebenso übe das Judentum einen bedauerlichen Einfluß auf den Kaiser aus. lieber die „Ratgeber" des Kaisers wird zum Schluß gesagt: „Man denke nur an den verhängnisvollen Einfluß, den der „liebe Nathenau" haben kann. Der Beherrscher der gesamten deutschen Elektrizitätsindustrie, dessen Geschüstspolitik schon vielfach die Kleinen und Mittleren in seiner Branche ausgeschaltet und vernichtet hat, der an der Spitze des Elektrizitätstrustes steht und-der vor allen Dingen von einer Elektrisierung der deutschen Eisenbahnen den alleinigen Nutzen haben kann! Durch , den Einfluß dieses einen Mannes kann gerade unter einem Kaiser, der geneigt ist, den entgegengesetzten Willen seiner Ratgeber weniger schwer zu bemessen, dem deutschen Volke, ein unermeßlicher Schaden zugefügt werden. Es ist nicht angängig und kann nicht zum Segen werden, daß das Ohr des Kaisers denen gehört, deren Stammesbrüder in der ganzen Welt die Fäden schürzen und knüpfen zum Netz, in dem das Deutsche Reich eingefangen werden soll, die im Lande selbst die Zwietracht und das Feuer der Revolution schüren. Von seinem Onkel Eduard. VH. mag unser Kaiser die Vorliebe für den Verkehr mit Geldsürsten gelernt haben: Eduard VII. aber war der größte Feind des Deutschen Reiches, war der schlimmste Gegner der Politik Wilhelms II.! Ein deutscher Kaiser, möge daraus entnehmen, daß die Freunde des Zielbewußten und zähesten Feindes seines Reiches nicht zugleich seine Freunde sein können! Kaiser, höre dein Volk!" . . ' . Es genügt, dieses giftige Pamphlet niedriger zu -hängen. Nur. daraus darf wohl hingewiesen werden, daß dieselbe antisemitische Clique, die sich in Verdächtigungen des Kaisers nicht genug tun kann, sich in ausdringlichster Weise als sicherste Stütze von Thron und Altarauszuspielen liebt. m :y Eine feltsame Nachricht aus Bulgarien, über die unser bulgarischer Korrespondent uns vielleicht nähere Aufklärung sendet, verbreitet die „Vossische Zeitung". Sie lautet: Gew a l t s a m e M a s s e n selb st h i l f e b u l g a r i s.ch e r Obdach los er. Sofia,.?. Juli.- Gegen 3000 Einwohner von Sofia, die sich Asyllose nennen, aber eher Wohnungsnotleiden^e sind, griffen heute zu einer seltsamen Selbsthilfe. 2600 Vulgaren und 420 Juden gelobten mit Eid und Unterschrift ihren Rädelsführern, die ihnen durch das Los von einer besonderen, aus ihrer Mitte ernannten „Kommission" selbstherrlich bestimmten- Baugrundparzellen auf Gemeindegrund abzustecken und in Besitz zu nehmen. Die Anführer sandten ein Huldigungstelegramm an die Königin Eleonore, benachrichtigten auch die Behörden, und forderten die' Asyllosen auf, heute ohne jedwede Waffe zu erscheinen, was diese in frühesten Morgenstunden auch taten, so daß die erst irn Laufe des Vormittags eingetrosfene Polizei nur feststellen konnte, daß die Absteckung der verschiedenen Parzellen schon vollzogen war. Die Ansiedlung wurde, aus den Namen der Königin getauft. Bauplätze für eine Kirche, eine Synagoge, je eine bulgarische und eine jüdische Schule wurden gewählt, und als Wahrzeichen wurde eine Flagge mit der Aufschrift „Gott schütze uns" gehißt. Die Behörden erklärten, sie würden diese Expropriation nicht anerkennen, konnten aber die Rädelsführer nicht umftimmen. Blutige Zusammenstöße scheinen nicht ausgeschlossen, wenn dieser Tage die Polizei sich weniger nachsichtig. zeigt und das Bürgermeisteramt die Wohnungsnot nicht lindert. * - :*■: : Von der Beschlagnahme des „S e m i - G o t h« a" - ist hier mehrfach die Rede gewesen. Ob es sich dabei um ein antisemitisches oder ein gegen den Adel gerichtetes Unternehmen handelt, ist nicht recht klar; charakteristisch ist, daß. sich die „Deutsche Tageszeitung" gegen das Werk wendet und manche angegriffene Familie von dem Makel (!) verteidigt, von Juden abzustammen. * Aus Rußland ist immer Schauderhaftes zu berichten. Ein Artikel der „Vofsischen Zeitung" meldet von einem Verfassungsbruch, der die W a h l e n t r e ch t u n g vieler Juden zur Folge haben würde. Die Auslegung des Senats, wonach die Juden mit bedingtem Wohnrecht für nichtwahlberechtigt erklärt werden, beraubt alle außerhalb des Ansiedelungsrayons wohnhaften jüdischen. Handwerker, Apothekergehilfen,. Zahnärzte usw. des Wahlrechts; diese Auslegung hat keine Stütze im Wahlgesetz selbst. Ein Absatz des vom Kaiser Nikolaus II. Unterzeichneten Oktober- Manifests, erklärt es als „unbeugsamen Willen" des Kaisers,_„auch jene. Klasse der Bevölkerung, welche.jetzt des Wahlrechts'völlig entbehren", mit der Wahlberechtigung auszustatten, „wobei sodann die weitere Entwicklung des Grundsatzes des allgemeinen Wahlrechts der neubegründeten gesetzgeberischen Ordnung der'Dinge überlassen wird." So geschrieben) versprochen und mit der kaiserlichen Namensunterschrift versehen am 30. Oktober 1905. Das war Grundlage und Vorspielder ersten Duma. Es folgte die zweite Duma — nicht unter Entwicklung, fondern im. Gegenteil unter beträchtlicher Einschränkung des Grundsatzes des allgemeinen Wahlrechts. Es kam die dritte Duma mit neuer starker Abbröckelung des Wahlrechts. Heute stehen die Wahlen für die vierte Duma bevor, und eifrig lugt die Regierung aus, wo sie einsetzen kann, um die kaiserlichen Worte vom Oktober 1905 noch illusorischer zu machen, als sie ohnehin sind. Einen Punkt hat sie glücklich schon gefunden. Einem großen Teil der Juden wird das Wahlrecht einfach entzogen.- Welche Beschränkungen in der Wahlberechtigung sonst noch folgen werden, ist noch Geheimnis der Negierungsgötter. Das Ganze nennt man ehrerbietige Befolgung der kaiserlichen Willensmeinung vom der „weiteren Ent-

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