Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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Israelitische Gemeindebund", der „Zentralverein - deutscher i Staatsbürger jüdischen- Glaubens" und eine überaus. große Zahl anderer jüdisch-humanitärer Vereine werden geleitet und materiell gefördert vorzugsweise von Nichtzugehörigen der streng-traditionellen Richtung, aber-sie werden geleitetim Sinne de s gesetze s tr^eu en Iud enLums, und säst ihre' ganze Arbeit ist dem gesetzestreuen Judentum und dessen Förderung gewidmet. In der Schächtsrage, in der Säbbatruhe, in der Schulfrage, in der Sorge für dievielfach der streng gesetzestreuen Richtung angehörenden Zweiggemeinden, itt der Sorge für die rituellen Lebensmöglichkeiten der Aus-, Durch- und Rückwanderer usw. wird das meiste und tüchtigste im ' Sinne des gesetzestreüen Judentums zu einem großen Teile gerade durch Anhänger des nichtorthodoxen Judentums geleistet. Trotzdem aber wird.9 e g e n diese Vereinigungen, an deren Bestrebungen sich gerade mit Ausnahme der Separatisten fast die gesamte übrige deutsche Judenheit in anerkennenswertester Weise beteiligt, von diesen Leuten, den Separatisten, jede mögliche und unmögliche Gelegenheit ergriffen, ja eigens geschaffen, um Absichten und Ziele zu durchkreuzen, die schließlich überhaupt nichts mit rituellen und kulturellen Angelegenheiten zu tun haben (wie in dem erwähnten Falle . Der Vergrößerung der jüdischen Gemeindekörperschaften in Berlin), oder die zur Förderung von Wünschen anderer Richtungen dienen sollen, ohne daß dabei das Interesse der Separatisten im geringsten berührt wird. In Wahrheit ist es allgemach dahingekommen, daß die Gefahr besteht, die deutsche Judenheit sei mit Haut und Haaren diesen Separatisten und den mit ihnen verbrüderten Zionisten ausgeliefert, die sich überall als die Herren und Präzeptoren der deutschen Judenheit aufzuspielen erdreisten. Die ewig nörgelnde Politik, die der Nadelstiche und der Unterminierungsarbeit dieser Elemente, droht die besten aus unseren Reihen und aus der Mitarbeit an den großen Gemeinschastsausgaben der deutschen Judenheit und deren Organisationen hinauszuekeln. Dabei ist es eine lächerlich kleine Minderheit, die jene Gruppen bildet und sichanmaßt, den Ton der deutschen jüdischen Jnnenarbeit anzugeben. Mit dem allgemach zum Unfug gewordenen Komödienspiel, das „R e ch t der Minorität" vorzuschieben, wo es sich lediglich um persönliche Wichtigtuerei, allenfalls um engherzigen.und herrschsüchtigen Parteiegoism u s handelt, sollte die deutsche Judenheit doch endlich einmal ein Ende machen! Würden die Besonnenen und Ehrlichen unserer Religionsgemeinschaft auch nur. ein paar Jahre hindurch gegen diese prinzipiellen Störenfriede aller jüdischen Gemeinsamkeitsarbeit den vierten Teil der skrupellosen Rücksichtslosigkeit aufwenden, wie jene lärmende separatistisch-zionistische Clique, die sich ad hoc immer zusammenfindet, dann würden uns all die beschämenden Szenen und alle jene , das Gefühl des Ekels' auslösenden Ereignisse und Geschehnisse erspart worden sein, deren Zeuge wir in den letzten Jahren gewesensind. Gewiß, wir verstehen es, wenn Männer von vornehmer Denkart und gesellschaftlicher Kultur es ablehnen, sich zum Objekt der „Beredtsamkeitskünste" von Elementen herzugeben, die vielfach s y st e m a t i s ch von Parteipäpsten — um mit Sombart zu sprechen — „zur R es p e k t l 0 s i g k e i t vor Menschen und Dingen", erzogen werden. Aber es werden sich, soll die Planmäßige prinzipielle Unterminierarbeit aller Gemeinschaftsausgaben der deutschen Judenheit nicht zu weiteren unabsehbaren Schädigungen des jüdischen Gesamtinteresses führen, doch die Männer mit stählernen Nerven finden müssen, die endlich einmal rücksichtslos in das Wespennest greifen und gegenüber dem Mißbrauch des „Rechtes der Minorität" die Gleichstellung des „R e ch t e s d e r M a j o r i t ä t" zur Anerkennung bringen. Das ist vonnöten im Interesse unserer Zukunst und auch im Interesse unserer Jugend, die die Zukunft bedeutet. Tagaus, tagein, besonders hier in Berlin, vielfach aber auch anderswo von den Schaumschläge.reien de- ' magogischer Künste eingefangen- und irregeleitet, hat ein nicht unerheblicher Teil der jüdisch interessierten Jugend.allgemach jedes Augenmaß für den Unterschied der Begriffe „selbstbewußte Würde" und „Chuzpe" verloren,. Es ist nicht.nur das „Recht"/ sondern, die „P s l i ch t der Majorität", her Verwilderung der Sitten unserer Jugend, wo sie sich zeigt, entgegen-. zuwirken Wir dürfen es nicht ruhig mit ansehen, wenn, wie neulich in Frankfurt a. M. geschehen, ein junger, ausländischer Jude, der noch.nicht einmal das Mündigkeitsalter erlangt hat, unter dem Beifall seiner Jugendgenossen die unverfrorene Dreistigkeit besaß, in öffentlicher Versammlung den deutschen Juden das Recht zu bestreiten, sich mit deutschen nationalen Angelegenheiten zu beschäftigen, „in Die wir deutschen Juden nichts hineinzureden hätten." Natürlich war es ein Zi0nist! Das also sind die Erziehungsfrüchte der zionistischen Agitationsmethoden, daß uns hier von jüdischer Seite, die doch das Patentjudentum zu vertreten vorgibt, frech ein Wort entgegengeschleudert wird, das wir sonst nur in der „Staatsbürgerzeitung" zu lesen gewohnt sind. Soweit also ist es schon nicht nur mit der Verwilderung der Sitten, sondern auch mit der Verwirrung der Köpfe unserer Jugend durch das zionistische Erziehungssystem gekommen! — Solche Erscheinungen konnten nur gezeitigt werden durch die Passivität und das laisscr aller der „Maj0rität" der deutschen Juden, die statt ihr Recht und ihren Standpunkt zu wahren und zur Geltung zu bringen, sich allgemach terrorisieren läßt durch eine Minorität, deren Koalition auf keinerlei innerer Gemeinschaft noch Endziele basiert, sondern lediglich auf dem gemeinsamen Widerwillen gegen jede Gemeinsamkeitsarbeit, bei der nicht die Eigensucht des P a r t e i interesses einen Triumph feiern kann. Der Weg durch die Moraste aber wird doch über kurz oder lang gegangen werden müssen. Will man sie trocken legen, dann darf man den Schmutz nicht scheuen, von dem jeder besudelt werden kann, der Hand an das Werk legt. Gegenüber dem Mißbrauch des „Rechtes der Minorität" erscheint es. an der Zeit, in der Öffentlichkeit etwas stärker zu betonen, daß doch auch die Majorität ein gewisses Recht verlangen darf, und daß sie. die geistige und moralische Sklaverei, die ihr die Minorität überall auf Schritt und Tritt'auferlegen möchte, widerstandslos zu dulden nicht verpflichtet ist. Modestus. Dir Macht Berlin, 9. Juli 1912. ^^Xenn diese Zeilen erscheinen, erfreuen sich viele Leser der wohlverdienten Ferien. Wir wünschen ihnen, daß diese ungetrübt verlausen, vom Wetter begünstigt seien und rhnen zum Heile gereichen. Die Zeitgeschichte nimmt sich keine Ferien. Wenn im allgemeinen auch die Sommerszeit keine rege politische Betätigung kennt, so gibt es keinen Stillstand, weder in de^ Natur, noch in der Geschichte. ~ “ ■ Auch für das Judentum ist der Sommer die stille Zeit. Außer der zionistischen finden während der Ferien .keine großen Versammlungen statt. Mögen unsere Freunde aber in dieser freien Zeit ihres Judentums nicht vergessen. Wir sprechen nicht speziell für unser Blatt. Freilich, wäre es ganz-gut, wenn unsere Freunde bei Kurdirektionen und Tn Hotels nach der „grünen Zeitung" fragten und zu den alten Abonnenten neue erwürben. Unsere Mahnung ergeht vielmehr an die Gesinnungsgenossen, sich in den Ferien ihres Judentums zu erinnern.