Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 5 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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schreiten, um die Demonstranten zu zerstreuen: Fünf Personen wurden dabei arretiert. Besonders erhebend wirken derartige jüdische Demonstrationen nicht' — Vor einigen Tagen starb hier Frau Mary Porges, die eine segensreiche Tätigkeit aus humanitärem Gebiete entfaltete. Insbesondere halt ihre Tätigkeit der Jugendfürsorge, und manch armes Kind hatte seine Winterbekleidung der Hilfsbereitschaft der Verstorbenen zu verdanken. Den Gefühlen der Trauer über den frühen Heimgang dieser edlen Frau gab Rabbiner Dr. Grunwald beredten Ausdruck. — Vom 27. bis' 30. d. M., fand in den Sälen des Kaufmännischen Vereins in der Johannesgasse eine Konferenz -der Delegierten aller jüdisch-territorialistischen Organisationen (Ito), statt. An der Spitze des Komitees steht Dr. I. Samuely. Obmannstellvertrcter sind die Herren Dr. Jakob Engel und Dr. S. Kreuberger. Unter den Delegierten befindet sich auch als Präsident der „Ito" der Schriftsteller Israel Zangwill. Näheres darüber im nächsten Bericht. ÜuszlÄNd. — Odessa, 26. Jum. lieber das am 16. d. M. stattgefundene Leichenbegängnis von dem um die russische Judenheit hochverdienten M. G. Marguli es entnehme ich einem russischen Blatt folgende Schilderung: Ein regnerischer Sonntagmorgen. Der Himmel ist mit bleiernen Wolken bedeckt. Es gießt in Strömen. In der Wohnung des Verblichenen in dem Landhause ist es überfüllt. Trotz des Unwetters und trotzdem, daß die sterbliche Hülle des Verklärten in die Stadt gebracht-wird, eilen sehr viele ins' Sterbehaus. Am Sarge befinden sich sehr viele hervorragende Mitglieder, der Odessaer jüdischen Gemeinde. Da erblicken wir den Vorsitzenden des lokalen Komitees der Gesellschaft zur Verbreitung der' Bildung unter den Juden, mehrere Rechtsanwälte, Ingenieure, Vertreter des Rabbinats, des Handels u. n. v. a. Die Leiche ruht in einem schwarzen, mit goldenen Ornamenten verziertem Sarge, unter einem Glasdeckel , durch den die. Gesichtszüge des Verewigten mit einem kalt gewordenen Lächeln auf den Lippen sichtbar sind. Alle Wände der Wohnung sind mit Kränzen überfüllt, die am Sarge keinen Platz finden. Gegen 11 Uhr vormittags wird am Sarge eine Trauerandacht'verrichtet. Hierauf wird der-- selbe arts den Leichenwagen gehoben, und der Kondukt bewegt'sich nach der Stadt. Der Himmel wird immer trüber. Der Regen strömt, ohne aufzuhören. Am Gebäude der Handwerkerschule „Trud" erwartet eine unzählbare Menge die Ankunft des Sarges Im Hauptsaale wird derselbe, hingestellt. Das Schullokal ist in Trauer gehüllt. Auf den Sarg werden noch neue Kränze niedergelegt. Von einer ch r i st l i ch e n Deputation, .bestehend aus dem Rechtsanwälte Li t w i z ky und den Herren I i t k o w, Ts ch auschansky und Tschudnowsky wird ein prächtiger Kranz,' mit der Inschrift: „Dein Kämpfer für Volkssreiheit M. G. Marguli es von der Gruppe der Wähler in die 1. und 2. Reichsduma" . niedergelegt. Allgemeine Aufmerksamkeit zieht auf sich, der schöne Kranz mit der Inschrift: „Dem Ehremnitgliede des „Bildungsvereins" M G. Mar- . gulies, von den verwaisten und tiefträuernden Komiteeschulen." Sehr schön und prachtvoll ist der Kranz mit der Inschrift: „Dem Träger der Humanitütsideen von der verwaisten'Jugend." Schön durch seine Einfachheit ist der Kranz mit der Inschrift: „Dem Freunde des; arbeitenden Volkes, von einer Gruppe Arbeiter." Ferner: „Dem unvergeßlichen Kämpfer für Aufklärung — von den Zuhörerinnen der Kurse", „vom. jüdischen Waisenhause", von den gewesenen Zöglingen der Handwerkerschule „Trud", von den Rechtsanwaltsgehilfen — „dem- Stolze der Körperschaft" u. n. v. a, Um 2 Uhr mittags kann der. weite Raum alle Erschienenen nicht mehr fassen, und viele müssen im ' Hausflur bleiben. Oberkantor Minkowsky, vom Kultustempel, ver-' richtete das Seelengebet. Sodann tragen, die Vorstandsmitglieder, mit dem Vorsitzenden an der. Spitze, den Sarg hinaus: Aus der .Straße übernehmen ihn die gewesenen und jetzigen Zöglinge des „Trud", von denen ein Teil eine Kette rings des Sarges'bilden, um denAndrang der vieltausendköpfigen Menge abzuwehren. Der Leichenkondukt'bewegt sich. zum Kultustempel. Voran schreiten. die Zöglinge des „Trud" und die Schüler von 13 Komitee'schulen. Der für wenige Momente aufhörende Regen beginnt 'wiederum, mit neuer Kraft Nichtsdestoweniger wächst immer mehr und mehr die Menge, dem Sarge folgend. Der Sarg wird in das Innere der-Synagoge getragen, wo wiederum eine Seelenandacht verrichtet wird, worauf der Kondukt den Weg zur neuen Synagoge in der Katharinenstraße nimmt. Die 'sterbliche- Hülle des Verblichenen wird auch in diese getragen. Und auch-hier sind, die Trottoirs und. angrenzendewGebäude mit einer Volksmasse besät. Auf den Ballonen machen Photographen Aufnahmen von der Prozession. Die letzte Etappe der Trauerprözession ist — der neue jüdische Friedhof. Die verstärkte Polizeiwache tritt mit der vielzähligen Volksmenge in Kampf ,welche sich bestrebt, in die Pforte einzudringen. Nur mit Mühe gelingt es, die Menge zurückzudrängen, um den Sarg nach dem Friedhofe zu bringen. Am frischen Grabhügel verrichtet Oberkantor Minkowsky das letzte Seelengebet. Noch einige dumpfe Schläge des Niederfallens der Erdschollen, und was sterblich an Margulies war, wird dem Schoße der Erde übergeben! — Friede seiner Asche! — L. A. Trachtende r g. Von MH und Mm. — Professor Dr. Martin Philippson hat sein Amt als geschäftsführender Vorsitzender des „Deutsch-Israelitischen Gemeind.ebundes",. wie wir erfahren, unmittelbar nach dem letzten Gemeindetag niedergelegt, verbleibt aber im Ausschuß des „D. I. G. B." Sein Rücktritt wird mit seinem vorgerückten Alter begründet. Vom Ausschuß ist ihm in einer Dankadresse seine Ernennung zum Ehrenvorsitzenden mitgeteilt. Eine Würdigung dessen, was Professor Philippson dem „D. I. G. B." während seiner Präsidentschaft gewesen, behalten wir uns für die nächste Nummer vor. — Das Berliner Kupfer st ichkabinett hat als Geschenke Max Lieber manns und des Geheimrats Eduard A r n h o l d eine Anzahl graphischer Arbeiten Liebermanns erhalten. - Darunter ragt an Wert und Schönheit das erste radierte Blatt des Künstlers hervor, von^ dem überhaupt nur ein Exemplar existiert. Außerdem sind in der Schenkung die letzten graphischen Arbeiten Liebermanns gesammelt. — Der Nationalökonom Professor Dr. Otto Warschauer, der früher an der Darmstädter Hochschule wirkte und über Bank- und Handelsgeschäfte Vorlesungen hält, ist zum Honorarprofessor in der Abteilung für allgemeine Wissenschaften an der Technischen Hochschule zu Berlin ernannt worden. Herr Stadtrat a. D: Gimkiewicz in Berlin - Wilmersdorf ist zum Handelsrichter am Landgericht III ernannt worden. — Der Archivar am Königlichen Staatsarchiv zu Posen, Geheimer Archivrat Professor Dr. Warschauer, ist zum 1. Oktober d. I. in seiner bisherigen Stellung an das Königliche Staatsarchiv in Danzig versetzt worden. — Anläßlich des ersten Jährzeittag'es seiner Tochter Frau Dr. Erna L e v y spendete Herr Stadtältester Dr. Weigert, Berlin, dem Israelitischen Frauenverein in Hohensalza einen Betrag von 5000 Mark, deren Zinsen zur Vergrößerung des Erna-Levy-Ferienheims Verwendung finden sollen. Außerdem schenkte er dem Heime zur dauernden Erinnerung an dessen verdienstvolle Gründerin ein prächtiges Bild der Verstorbenen. — Am 1. d.- M. beging Herr Lehrer Max Cohn in Wreschen sein 25jähriges Amtsjubiläum. — Aus Nakel wird uns geschrieben: Ein namhaftes Legat hat der vor kurzem in Berlin verstorbene Rechtsanwalt Herr Krimmer dem hiesigen Gymnasium ausgesetzt. Die Zinsen von 3000 Mark soll alljährlich ein bedürftiger und begabter Schüler jüdischen Glaubens als Stipendium erhalten. — Im Patriarchenalter von 84 Jahren ist in Breslau Herr Louis Burgfeld gestorben. Der Entschlafene war seit 1894 Mitglied des Gemeinde- Vorstandes, nachdem er lange Jahre vorher der Repräsentantenversammlung angehört hatte. Er widmete sich hauptsächlich der Armenpflege und war seit 1898 Vorsitzender der Armenkommission. — Aus Beuthen O.-S. wird berichtet: Der Aufsehen erregende Raubmord an dem jüdischen Geldwechsler Chapper aus Rußland, welcher am 6. November v. I. durch den Fleischermeister Felix Kaczy und dessen Gesellen Thimothäus Konziolka in der Wohnung des ersteren begangen wurde, stand vor dem Schwurgericht zur Verhandlung. Nach zweitägiger Verhandlung wurden Kaczy und Konziolka wegen Mordes zum Tode und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Frau Kaczy erhielt wegen Beihilfe 3 Jahre Gefängnis. — Das Bayerische Ministerium gestattete eine Sammlung in sämtlichen Synagogen des Königreichs zur Aufbringung eines Teiles der Mittel für den Neubau einer Synagoge in Westheim, Bezirksamt Haßfurt. — Dieser Tage feierte Frau Josef Scheuer Wwe. als älteste Einwohnerin von Obrigheim (Pfalz) ihren 90. Geburtstag rn ziemlicher Frische. — Im Elsaß ist eine neue Partei aus den Plan getreten: die elsässische Fortschrittspartei, die alle liberalen und fortschrittlichen Organisationen sammeln will. Sie ist nicht partikularistisch und will den konfessionellen Frieden, alle konfessionellen Momente sollen aus dem Politischen Kampfe entfernt werden. Von bekannten jüdischen Persönlichkeiten gehören dem Vorstände der Partei an: die Herren