Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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tantenversammlung umfaßt notorisch alle Richtungenin drei Gemeindesynagbgen ist der konservative Ritus eingeführt, und erst jüngst ist ein Rabbiner gewählt worden, der der äußersten Rechten angehört. Aber die Petitionen verschweigen, daß in drei der sechs Synagogen der althergebrachte Ritus beobachtet wird, sie.verschweigen/ daß' die siebente sich aus Charlottenburger Boden befindet, sie verschweigen, daß zwei weitere Synagogen erbaut werden in Vorortgemeinden. Nun sagen sie: es fehlen, immer noch 10000 Plätze und stellen darüber eine.Rechnung aus. Es müßten noch viel mehr Synagogen gebaut werden. Aber das ist eine Vorspiegelung unerreichbarer Ziele, wenn sie so viele Synagogen verlangen, daß ein jeder, ganz gleich wo, in seinem Wohnbezirk einen Platz erhalte. Das Geschrei möchte er wohl hören, wenn für so viele Synagogen das Geld zum Bauen verlangt würde und eine Erhöhung der Steuern dadurch unumgänglich würde. Sie wissen, daß das ganze Jahr hindurch die Synagogen leer stehen und nur zu den hohen Festtagen der große Zudrang besteht. Der bisherige Weg der Veranstaltung von Festgottesdiensten ist der durchaus richtige und gegebene. Es wird weiter behauptet, daß für den Religionsunterricht, besonders in den Vororten, nicht genügend Vorsorge getroffen sei. Demgegenüber ist die Wahrheit, daß wir 20 Neligionsschulen haben, davon die Hälfte in den Vororten. Fortgesetzt ist die Verwaltung bemüht, in allen öffentlichen und privaten Prosanschulen — meistens mit Erfolg — Religionsunterricht einzuführen, -dort, wo wenig Kinder zerstreut wohnen, durch Wanderlehrer. Mit besonderer Zärtlichkeit nimmt man sich in jenen Kreisen der Petenten Wilmersdorfs an. Dort sei keine Schule. Aber die Schreier wissen eben nicht, welche schweren Kämpfe wir führen, um auch dort das Erforderliche zu schaffen. Seit 1903 dauern die Kämpfe mit dem Magistrat von Wilmersdorf. Der Herr Referent gibt eine aktenmäßige Darstellung der bezüglichen Vorgänge, die aufs Evidenteste dartun, daß nichts unversucht geblieben ist, um auch dort eine Religionsschule einzurichten, die-provisorisch in der Joachimsthaler Straße untergebracht werden mußte. „Sie sehen, wie leichtfertig, leichtsinnig, jene Herren Beschwerden erheben. Hiernach wird man den folgenden Satz aus einer der Petitionen wüdigen: Obwohl in Wilmersdorf 28 000 Juden wohnen, gibt es dort keine Synagoge, keinen Rabbiner, keinen Religionsverein. Und dann heißt es: Kein Wunder, daß unter solchen Bedingungen die jüdische Jugend, einem krassen Materialismus und Atheismus zugeführt wird. Das ist eine Beleidigung zugleich des Schul- und Tnlmud-Thora-Vorstandes, es ist. eine schmähliche Denunziation und Spekulation auf die Gesinnung der Herren, an die man sich wandte. Das Verfahren ist mit aller Wucht des gerechten Zornes gebrandmarkt. Und dieses Kartenhaus schien dem Herrenhaus stark genug, um darauf hin die Vorlage abzulehnen." Aber auch als Staatsbürger fühle er sich deprimiert über die ganze Verhandlung. Die Herrenhausmitglieder standen ausschließlich im Banne der Petitionen, deren Darstellung sie als bare Münze nahmen. Vergebens hat der Ministerialdirektor Wirkt. Geheimrat Freund daraus hingewiesen, daß die Rewrmsrage mit jenen Fragen, die in der . Petition behandelt sind, in gar keinem inneren Zusammenhang stehen. Mit Recht ist erklärt worden, daß die Annahme des Gesetzentwurfes im Interesse der Petenten selbst läge, daß sie mehr Aussicht hätten, in die Vertretung zu kommen bei Annahme des Gesetzes und einer Vermehrung der Repräsentanten lind der Vorstände. Das alles aber prallte ab an dem Panzer des Herrenhauses. Und noch eins. Selbst in den Petitionen ist kein irgend wie erhebliches Bedenken gegen das Gesetz vorgebracht. Aber im Herrenhause war man päpstlicher als der Papst. Ein Jahr warten, meint der Herr v. Zedlitz-Trützschler, könnte ja nichts schaden. Darauf antworten wir dem Herrn: „Wir fühlen uns ganz gewaltig geschädigt, wenn die Verwaltungsmaschine in Hemmung gebracht wird. Wie kam das ablehnende Votum zustande? Beide Reden der Kommissionsmitglieder ließen jede Objektivität vermissen. Sie haben aus Seelenverwandtschaft gehandelt. Der Herr Referent zitiert dann einige charakteristische Stellen aus den Reden der beiden Hervenhausmitglieder Zedlitz und v. Dziembowski, um diese Auffassung zu begründen. Die Herren kennen das Judentum nicht, dennoch aber urteilen sie über innerjüdische Verhältnisse. Wir fragen nun den Vorstand, wie er den ganz gefährlichen Agitationen, der dauernden Maulwurfs- und Wühlarbeit entgegentreten will." Sehr eingehend beschäftigt sich sodann mit demselben Gegenstand der Syndikus - Herr Justizrat Lilienthal. Der Gemeindevorstand habe gleichfalls das Bedürfnis die Tatsachen zur Kenntnis der Gemeindemitglieder zu bringen und das Urteil der Oeffentlichkeit zu überlassen. Auf das Materielle in den Petitionen gehe er nicht ein, nur die Methode des Kampfes soll gekennzeichnet werden. Die vielen unwahren Angaben habe man. bei der^täatstzMerung bereits mit Erfolg richtiggestellt. Ihr möchte er hier^ Dank aussprechen für die Einbringung des Gesetzentwurfes 'und 'dessen energische Vertretung im Herrenhaus. Aber auch an anderen Stellen der königlichen Staatsregierung bestehen noch ' Jrrtümer,'die zu beseitigen man sich angelegen sein lassen soll. Er wendet sich mit scharfen. Worten und. starken Argumenten gegen den Vorwurf des einseitigen Parteiregiments und weist nach, daß der Vorstand allen religiösen Richtungen gerecht zu werden stets bemüht sei. . Allerdings Politik gehöre nicht in eine religiöse Gemeinschaft. Daher lehne er es ab, den Zionisten die Gemeindeverwaltung auszuliefern. Sie gehörten dort nicht hinin. Das Recht der Opposition erkenne er an, aber an die Staatsregierung dürfe man sich nur soweit wenden, als es sich um den äußeren Nahmen der Verwaltung handelt. Man habe auf seiten der Petenten nur die Gelegenheit benutzt, um andere Zwecke, die durchaus außerhalb des Gesetzes lagen, zur Geltung zu bringen. Sehr eingehend spricht er über das Subventionswesen der Gemeinde und zeigt, daß man dabei von keinerlei Voreingenommenheit geleitet werde. Die Petenten hätten sich bis zur Denunziation der Gemeinde bei der Regierung verstiegen, indem sie der Gemeinde die Erziehung der Jugend zum Materialismus unterschiebe. Die Ausschreitungen der Agitation überschritten jedes Maß. Auch er weist eine ganze lange Reihe von Unrichtigkeiten und Unwahrheiten in den Petitionen nach, und zeigt, wie oft man sich der Verdrehung der Wahrheit schuldig gemacht hat. Man habe in der Charlottenburger Petition gesagt, Charlottenburg zahle 400 000 Mark Steuern und erhalte dafür nur 35 000 Mark zurück. Ja, sind denn diejenigen, die die 35 000 Mark erhalten dieselben, die die 400 000 Mark Steuern zählen? Die drei Vereine, denen die Subvention von 35 000 Mark zugute kommt, zählen insgesamt ungefähr 400 Mitglieder. Zahlen diese 400 Mitglieder die 400 000 Mark Steuern? Die Charlottenburger Juden halten in überwiegender Majorität zur Großgemeinde Berlin und benutzen deren.Institutionen. Weiter: Der Synagogenverein Biswarckstraße bringt an Steuern 3685.— Mark, die Subvention an ihn beträgt 7200:— Mark. Die Israelitische Brüdergemeinde in Neukölln bringt 3731.— Mark Steuern, die Subvention beläuft sich auf 7400.— Mark und ganz Neukölln bringt nur 12633— Mark Stenern auf. Der demagogischen Art der Agitation müssen wir entgegentreten. Der Vorstand des Verbandes der Shnagogengemeinden hat, was durchaus anerkennenswert ist, beschlossen, seine Wünsche an die Gemeindeorgane zu richten. Die Drahtzieher der Petition aber haben gegen den ausdrücklichen Beschluß aller Vereine die Petition dem Minister und dem Herrenhause zugesandt. Einzelne Religionsvereine haben die Petition überhaupt nicht unterschrieben, so Gesundbrunnen und Karlshvrst. Kurz, es sind Unwahrheiten über Unwahrheiten verbreitet worden von Leuten, die zn einem großen Teile allerdings — und das entschuldigt sie — erst kurze Zeit Mitglieder der Gemeinde sind. Er schloß nach weiteren Ausführungen mit einem Appell, mitzuhelfen, daß derartige Agitationen unterdrückt werden und der Frieden in der Gemeinde gewahrt bleibe. Es sprachen daun noch die Herren Geheimrat B lu m e n t h a l, der sich glekchsalls in sehr scharfen Worten gegen die Agitatoren wandte und Herrn Professor Ka-> lischer für seine vortrefflichen Ausführungen dankte. Herr Justizrat Veit Simon wies auf die prinzipiellen. Unterschiede des Liberalismus und der Orthodoxie hin und geißelte gleichfalls unter Anführung einer Reihe von Tatsachen die Nnwahrhaftigkeit der gegnerischen Wühlereien. Schließlich gelangte die folgende Resolution einstimmig mit allen 20 Stimmen der anwesenden Repräsentanten zur Annahme: Die Versammlung erklärt, daß alle religiösen Richtungen in gleicher Weise seitens der Gemeinde berücksichtigt werden. Sie weist die gegenteilige Behauptung, die in einigen an das Herrenhaus gerichteten Petitionen enthalten sind, mit Entrüstung zurück und spricht ihr Befremden über den Inhalt der nicht in einwandfreier. Weise zustande gekommenen Petition aus, durch welche innere Angelegenheiten der Juden in unrichtiger Darstellung dem Herrenhause unterbreitet worden sind. Sie spricht dein Gemeindevorstand ihr volles Vertrauen aus.'—In den Ausschuß II wird anStelle des verblichenen Herrn Moritz Rosenow Herr Emil Pinküs und in die Stiftungskommission Herr Lewinsky, an Stelle von Herrn Oscar Loewenberg gewählt, der deshalb ausscheidet, da er der Schwiegervater des früher in die Stistungskommission gewählten Herrn Dr. Hirsch ist. — Aus . der Zuwendung der Abrahamschen Eheleute in Höhe von 20000.— Mark, sollen an hilfsbedürftige Verwandte der Erblasser Abfindungen in Höhe' von 4650— Mark