Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 27 Berlin, 5. Juli 1912 Bet läge zur „Allgemeinen Leitung deK IudentumK°°. Sorrelpondrn?rn und Kachnchten. Deutschlauli. y. Berlin, 30. Juni. Nicht weniger als 62 Punkte Hatte die Tagesordnung der heutigen, letzten Sitzung der Nepräsentantenversannnlung vor den Ferien aufzuweisen. Nach Verlesung des Protokolls der vorigen Sitzung machte Herr Louis Sachs zunächst einige geschäftliche Mitteilungen.Eine von Herrn Oscar L ö wen b e r g der Altersversorgungsanstalt gemachte Zuwendung von 12 000 Mark zur Errichtung einer „K o m m e r z i e n - rat- Als r e d -L ö wenb e r, g - S ti s tu tt g" wird angenommen, desgleichen die Zuwendung der Herren Dr. Alfred und Fritz Marcus e in Hohe von 2500 Mark für die von ihrem verblichenen Vater I a c o b M a r c u s e der Lehrerbildungsanstalt gemachten Marcuse- Stistnng. Der Annahme eines für die Armenkommission ausgesetzten Vermächtnisses des verstorbenen Herrn Adolf Roth stein in Höhe von 5OO Mark stimmte die Versammlung gleichfalls zu. — Sodann gelangte die folgende von 17 Repräsentanten Unterzeichnete Int e rpellation „über verschiedene bei der Königlichen Staatsregierung eingereichte Petitionen" zur Beratung: „Beabsichtigt der Gemeindevorstand die f a ls ch en An g ab e n in. den Petitionen richtigzustellen, die uns Anlaß der Gesetzesvorlage. über Vermehrung der Zahl der Vorstandsmitglieder und der Repräsentanten an den Herrn Mi ni st er des Innern unb an das H err enh aus gerichtet wurden?"' Im Bejahungsfälle: In welcher Weise?" Nachdem vom Vorstandstisch erklärt worden war, daß der Vorstand zur sofortigen Beantwortung bereit sei, ergreift der erste Unterzeichner der Interpellation, Herr Professor Kalischer, das Wort: Schmerz und Schau: werde wie bei ihm bei weiten Kreisen unserer Gemeindemitglied'er und darüber hinaus der Vorgang ausgelöst haben, der "den Anlaß zu. dieser Petition gegeben hat, Schmerz und Scham darüber, daß Juden, die einer gewissen Richtung änzugehören vorgeben, sich soweit vergessen konnten, schwere Anschulvigungen gegen die Gemeindeverwaltung bei den gesetzgebenden Körperschaften des Staates vorzubringen, die selbst dann, wenn sie nicht unwahr wären, nicht vor das Forum der staatlichen Instanzen gebracht werden müßten. Da aber die Anklagen im wesentlichen unwahr sind, so stehe er nicht an, das Beginnen als freventlich zu bezeichnen. Die Gemeindeinstanzen hätten sich niemals der Erfüllung religiöser Wünsche, die an sie herantreten, entzogen, soweit das in ihrer Macht liegt. Der rein verwaltungstechnische Antrag des Gemeindevorstandes fei von der Staatsregierung als berechtigt anerkannt worden und ein dementsprechender Gesetzentwurf bekanntlich dem Herrenhause zugegangen. Bier Petitionen sind daraufhin zu diesem mit religiösen Dingen.in gar keinem Zusammenhang stehenden Gesetzentwurf an Minister und Herrenhaus eingesandt woroen. Eine vom „Neuen Jüdischen Gemeindeverein", eine vom „Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums", eine von der „Jüdischen Brüdergemeinde in Neukölln" und eine, die von Charlottenburger Juden ausgeht. Sämtliche Petenten geben sich als Vertreter des gesetzestreuen Iüdentms aus. Der Antrag des Gemeindevorstandes an die Staatsregierung aber sei von allen Repräsentanten einstimmig seinerzeit angenommen. Die gesetzes- . treue Richtung und diejenigen, die sich, als solche ausgeben, haben sich .mit Leuten zusammengetan, die das Judentum als religiöse Macht überhaupt nicht anerkennen und im schroffsten Gegensatz zueinander in dieser Hinsicht stehen. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Das kennzeichne schon den äußeren Wert der Petition und tue die Schwäche der Petenten dar. Der Neue Jüdische Gemeindeverein zählt angeblich 13OO Atitglieder. Wieviel davon mögen die Petition vorher gekannt haben? Die Petition Charlottenburger Juden ist unterzeichnet von 600 Leuten. Bei der Hälfte derselben ist entweder eine Adresse überhaupt nicht oder nur'die Straße ohne Hausnummer angegeben. Diese Hälfte scheidet dadurch ohne weiteres aus, . Man hat Boten ausgesandt in die Häuser der Leute, die angäben, es handle sich bei der Petition lediglich darum, die Dezentralisation der 'Gemeindeverwaltung zu erbitten. Selbst Dr. Minden sei zur Unterschrift ausgefordert worden. Als er den Boten um Vorlegung der Petition ersuchte, erklärte dieser, daß er keine habe. Anderswo wurde gesagt, es handle sich bei der Petition um die „Rettung des Judentums" und man unterschrieb, weil man doch auch „retten" wollte. Die Ver- 'einigung für das liberale Judentum hat bei 340 Unterzeichnern ■ der Charlottenburger Petition eine Rundfrage veranstaltet und darauf bisher 88 Antworten erhalten. Die ersten vier Unterzeichner, mit deren Titeln man prunken wollte, die Herren Professor Finder und Hermann, Magistratsrat Dr. Simonsohn und Dr. Guttmann haben ihre Unterschrift ohne weiteres zurückgezogen, nachdem sie erfuhren, was in der Petition gestanden hat. Der eine von ihn'en hat an den Veranstalter der Petition sogar das Verlangen gestellt, daß der Staatsregierung mitgeteilt werde, er habe seine Unterschrift nur „irrtümlich", gegeben. Aus der Fülle der Briefe seien hier nur noch'zwei erwähnt. Ein. Unterzeichner schreibt, daß die Petition von seiner Ehefrau in seiner Abwesenheit unterzeichnet worden sei, und er die Unterschrift, als er von oer Sache erfuhr, zurückgezogen habe. Er schließt seinen Brief mit den Worten: „Uwnei Korach lau meissu“ (Die Söhne Korachs sind nicht gestorben). In einem anderen Schreiben. teilt der Briefschreiber mit, daß eines Sonntags zu ihm ein Herr kam, der sich . als A b ß e s a n d te r d -e r I ü d i s ch e n G e m ei nde zu Be r i i n " . ausg äv un d erklärte, im A u s t r a g e des Vor st and e s un d per R ep r äs ent an ten zu Handeln.. Er erzählte ihm dann, daß die Gemeinde die Dezentralisation Plane und er dazu doch seine Unterschrift geben möge. Er zog die Unterschrift zurück, als er erfuhr, daß er düpiert worden war. Aus den 88 eingelausenen Antworten der Rundfrage ergibt sich, daß 7 Unterzeichner überhaupt nicht unterschrieben zu Häven behaupten, 54 ihre Unterschrift zurückgezogen haben, 11 erklärten, ihnen wäre die Sache überhcnqu vollständig gleichgültig, und nur 16 hielten ihre Unterschrift ausrecht. Die Petition, ist „im Flamen der Unterzeichneten Juden" von einem Herrn Aron 'Adler unterzeichnet. . Woher nimmt dieser Herr das Mandat, im Namen der Charlottenburger Juden auszutreten? Er hat kein Recht dazu. Die Zahl. der Unters cyripen l,cmach genauer Prüfung aus höchstens 250 zu schätzen. Die Petenten verlangten vom Herrenhaus 'die Ablehnung besoldeter Vorstandsmitglieder, weil dies der jüdischen Tradition widerspreche- Die Regierung resp. das Parlament wird also hier ausgesordert, in einer Frage der jüdrschen Tradition eine Entscheidung zu treffen,, sich in innersudische reugiöse Fragen einzumischen. .Welcher. Wahnwitz. Wie kann der Staat beurteilen, was. jüdische Tradition ist oder nicht. Haben die Herren hedacht, zu welchen Konsequenzen das führen kann und daß auch bei ihnest selbst einmal die Zeit kommen kann, da sie klagen werden: „Die Geister, die ich ries, werü ich-nun nicht , los." Aus die sachliche Seite der in Frage stehenden Dinge, Dezentralisation, besoldete Vor--' standsmitglieder usw. gehe er hier nicht ein. Die. Petitionen bezeichnen die Verwaltung der Berliner Gemeinde als seit Jahrzehnten in „liberal-reformerischer", in „einseitig religiös-radikaler", in „religiösfreidenkerischer" Richtung geführt. Er erinnere die Herren, die doch wohl die Bibel rennen (?), an das Buch M'ofes 11. Kapitel 23, Vers 7: „Von trügerischen, unwahren Worten /sollst du dich sernhalten". Sie unterdrücken die Wahrheit. Ein Drittel der Repräsentanten. ist konservativ. Wenn 1910 bei der letzten Repräsentantenwahl kein Konservativer gewählt worden ist, so verschweigen.'siedaß nur Repräsentanten der liberalen Richtung ausschieden. ,-Seit Jahrzehnten herrsche die einseitig radikale Richtung", behauptet die Petition des „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums". Aber es ist noch vor einem Jahrzehnt eine konservative Majorität' in der Repräsentantenversammlung vorhanden gewesen. Der Herr Redner erörtert dann die Frage,- wer denn, zu sagen imstande wäre, welche religionsgesetzlichen Quellen maßgebend seien. Der Talmud teilt nur Meinungen mit, fällt aber keine Entscheidungen. Zu alten^Zeiten w.echselten die Meinungen.' Es ist nicht wahr, daßdie jüdische''Gemeindedas Religionsgesetz bei Neuerungen ignoriert, währ ist vielmehr, daß keine Neuerung, ohne die Gutachten -der Rabbiner einz-uholen, eingesührt -wird. Keinem Vorstandsmitglied sind die persönlichen Neigungen in der amtlichen Tätigkeit maßgebend. Es geht im Gegenteil so, wie im Staatsleben: Wird ein Liberaler Minister, dann hört er auf liberal zu sein: Auch bei uns klagen die Liberalen, daß die Konservativen bevorzugt werden. Die Repräsen-