Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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einen Juden, durch akademisches Studium seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, in der medizinischen Praxis lag, die infolge der Beschränkungen des Wohnrechtes ein nur enges Feld bot, und weil trotz des antisemitischen Geschreis von dem Reichtum der Juden die ungeheuere Mehrzahl in bitterer Armut lebte, und froh war, wenn die Kinder so weit herangewachsen waren, um beim Broterwerbe mithelfen zu können. Ueberdies war eine höhere weltliche Bildung für die große Mehrzahl der Juden nur ein Mittel zu einem vornehmeren Erwerbe und zu einer höheren gefellschaftlichen Stellung, während eigentliche Kultur. doch nur in dem Studium der talmudischen Literatur lag. Einen klaren Beweis für diese Anschauung liefert uns Nahum (Nehemias) Trebitsch, mährischer Landesrabbiner 1832 bis 1842, der in seinen Noten zum Talmud Jeruschalmi (eä. Wien, 1821), Sabbak, I, 4, jtol. 3, c, mit Bezug auf das dort mitgeteilte Verbot der Sprache der Heiden sagt: „Davon ist eine wichtige Lehre für unsere Zeit zu entnehmen." Der mährische Landesrabbiner, welcher zur Zeit, als Josua Weih ein Knabe war, fungierte, hatte noch immer die Hoffnung, die geistige Isolation des Judentums zu erhalten^). Wie rasch und gründlich sich die Zeiten änderten, geht schon daraus hervor, daß seine Enkel Nehemias und Adolf Brüll waren, der erstere innerhalb Jahresfrist nach dem Tode seines Großvaters geboren und nach ihm benannt. In den dreißiger Jahren, als die Jeschibah noch immer für die Majorität - der mährischen Juden eine akademische Bildungsanstalt bedeutete, war mein Vater Schüler des Pohrlitzer Rabbiners, Rabbi Loeb Berlin, oder, wie er mit seinem offiziellen Namen hieß, Loebel Freund. Er war aus Holleschau in Mähren gebürtig und starb 1855 als 87jähriger blinder Greis. Warum er Berlin genannt wurde, wie sein Namensvetter, der aus Fürth gebürtige Loeb Mayer Berlin, als Konsistorialrabbiner des Königreichs Westfalen 1814 zu Kassel gestorben, weiß ich nicht. Wie die Namen von Jesaiah Berlin, Jonathan Eybeschütz, Jakob Emden, Judah Hildsum (für den Berliner Hofjuden Jost Liebmann) und noch in unserer Zeit Israel und Samuel Salant beweisen, wurden solche Namen oft durch einen vorübergehenden Aufenthalt in dem Orte, auf welchen der Name verweist, bedingt. Rabbi Loeb Berlin, der unmittelbare Vorgänger Weist, war noch der richtige Typus des achtzehnten Jahrhunderts. Für die Stellung, die er zum modernen Geistesleben einnahm, ist eine Erzählung meines Vaters höchst charakteristisch. Zu den älteren Studenten gehörte Rabbi Eiseck Mischyel, mit seinem Familiennamen, wenn ich nicht irre, Löwi, der Sohn eines ungarischen Rabbiners, Gedaljah aus Paßtö, (Chatam Sofer, Oradi Chajim, Nr. 64, wonach R. Gedaljah gleichzeitig Destillateur war), und meines Vaters Korrepetitor (Chaserbocher, nichtvon Chasir, sondern von dem neuhebräischen Worte n?n' wiederholen, abzuleiten). Eisek Mischoel, der später Rabbiner von Groß-Kanißa wurde, und weil er den Anforderungen der Fortschrittspartei nicht entsprach, Leopold Loew Platz machen mußte, war ein Modernist, natürlich ein heimlicher. Groß war daher das Erstaunen des Rabbi, als der einem Besuche am Sabbat, während der Rabbi eifrig über ein schwieriges Thema aus dem Talmud diskutierte, und dabei sein großes blaugeblümtes Taschentuch fallen ließ, Eisek Mischoel, sich danach bückend, ein französisches Wörterbuch aus der Tasche verlor. Zur Sicherheit gegen ein etwaiges Mißverständnis will ich bemerken, daß es sich dabei nicht um die Entweihung , des Sabbats durch Tragen einer . Last handelte, denn Pohrlitz war, wie alle Judengassen, durch die Erubgesetzgebung geschützt, und wenn ich mich recht erinnere, y Leopold Loew: Gesammelte Schriften, Bd. II, S. 203 bis 211. Szegedin, 1890. von der Natur noch besonders günstig bedacht, indem es, zwischen der Jglawa und einem Mühlgraben gelegen, den Charakter einer Insel hätte und danach ebenso wie Großbritannien nach der Ansicht Zebi Aschkenazis (Responsen, •Q!St D3ri Nr. 37), als eine große Mietskaserne betrachtet werden konnte, in der mach ebenso wie in einer Privatwohnung, Bücher, vorausgesetzt, daß sie koscher waren, von einem Platze zum anderen tragen konnte, ohne für sein Seelenheil, oder im Falle der Realisierung des Baseler Programms, für Leib und Leben fürchten zu müssen. Meinem Vater schüttete Rabbi Loeb später seinen tiefen Kummer aus. Wer hätte das denken sollen, „daß Eisek Mischoel wird am Schäbbes so ein großes, dickes Trefe Possul bei sich tragen." Sieben Jahre nach seinem Tode wurde ein Rabbiner gewählt, der eine ganz tüchtige, wahri^einlich zumeist auf autodidaktischem Wege erworbene, humanistische Bildung besaß . und seine Söhne mit Erfolg für den Eintritt in eine höhere Gymnasialklasse * vorbereiten konnte. (Fortsetzung folgt ) Mersrilche Mitteilungen. — Sinai. Briefe an meinen Sohn Fritz. Eine moderne Glosse von einem Rechtsgelehrten. Neuwied a. Nh. I. Meinekes Verlag. Die sieben Briefe sind gut gemeinte Auseinandersetzungen über religiöse Dinge. Sie sind allgemeiner Art, und wenn sie trotz des Titels auch tvohl von einem Christen herrühren, sind sie für jedermann lesbar und gewiß in manchem zu beherzigen. Die Briefe knüpfen an die zehn Gebote an, die in einen: der ersten Briefe in einer nicht ganz einwandfreien Uebersetzung mitgeteilt und konnnentiert werden. Weil die Anknüpfung des ganzen Buches an die zehn Gebote erfolgt, darum ist wohl der Titel, der einigermaßen irreführend genannt werden muß, gewählt. Das Buch ist in einer recht frommen, eindringlichen Sprache geschrieben, ernste Mahnungen eines denkenden Menschen, die, wenn sie auch häufig Widerspruch Hervorrufen, wohl der Beachtung wert sind. L. G. — Wilhelm v. Humboldts Briefe an eine F r ennd i n. Ausgewählt und herausgegeben von Albert L e i tz m a n n. 1912. Im Insel-Verlag zu Leipzig. 2 M., geb. 4 M.' Die von der Empfängerin Charlotte Diede geb. Hildebrand 1847 veranstaltete Ausgabe der Briese, die europäische Berühmtheit erlangt hat, war eine unvollständige. Sie hatte eine Anzahl Briefe dem Feuer überliefert. Sie hatte ferner eigenmächtig zahlreiche Veränderungen vorgenommeu, nicht nur längere Stellen, sogar ganze Briefe fortgelassen, und dadurch Humboldts wahre Meinungen verhüllt, verfälscht und entstellt, sie ihrem beschränkten Standpunkt anpassend, auch aus Eitelkeit, um sich in ein möglichst günstiges Licht zu setzen. Der Glorienschein, der die Freundin Wilhelm v. Humboldts lange umgab, ist natürlich hierdurch sehr geschwunden. Daß der große Denker eine so lange Reihe von Jahren der ihm geistig auch nur annähernd keineswegs ebenbürtigen Frau unentwegt seine Anteilnahme bewies,' sie eines so regen Briefwechsels würdigte, ist ebenso der Neigung Humboldts, sich mitzuteilen, wo er ein geneigtes Gehör fand, als der großen Güte seines Herzens, die Vereinsamte dadurch auszurichten, zuzuschreiben. Das Beste, was ihn erfüllte, hat er in diesen Briefen der Freundin gegeben. Neben den tiefsten Gedanken finden wir die einfachsten Berichte über alle Vorkommnisse des täglichen Lebens, und nicht minder beschäftigen ihn alle Einzelheiten von Charlottens Tun und Treiben, wie er ihr auch unentwegt seine materielle Fürsorge zuteil werden läßt. J:n Jahre 1909 hat A. Leitzmann nach den Originalen die Briefe verbessert und vervollständigt. Ungemein wertvoll sinö" uns hier die Urteile Humboldts über Goethe, Herder, Stolberg, Henriette Herz, Nahel, Frau v. Staöl, Bettina v. Arnim, Karoline Schlegel-Schilling, Therese Huben, Mary Wolstonecrast, und manche Aeutzerungen des großen Weisen bekunden, wie hoch er, der eine der idealsten ihres Geschlechts seine Lebensgefährtin nennen dürfte, von-Frauen überhaupt dachte.