Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die mährische kehillah. Erlebtes nnb Erzähltes aus halbvergangenen Tagen. Von Gotthard Deutsch. II. ußer diesen Städten dürste es kaum noch nennenswerte Judenniederlassungen gegeben haben. Die Städte, die sich nicht mit Unrecht darüber beklagten, daß die Juden den Schutz städtischer Einrichtungen genossen, ohne zu deren Erhaltung beizutragen, weil ihre. Steuerkraft eifersüchtig von dem deutschen Könige in Anspruch genommen wurde, mußten — allerdings aus Kosten der Juden — ausgesöhnt werden. So wurde die Judenniederlassung eine erwünschte Einnahmequelle für die Städte, um das man sich, wie das Beispiel Jglaus zeigt, eifrig bewarb?) Wie im dreizehnten Jahrhundert die Territorialfürsten das Recht des Judenschutzes, oder, Nue es mitunter logischer genannt wird, der Judennutzüng, der Reichsgewalt abdrangen, so beginnt im vierzehnten Jahrhundert das Streben der Vasallen, diese Einnahmequelle den Landesfürsten abzuschneiden oder abzutrotzen. Im Jahre 1322 erhält der Bischof von Olmütz von König Johann das Recht, in vier. Städten seiner' Diözese jeeinen Juden zu halten (Frankl-Gruen: Geschichte der Juden in Kremsier, Breslau, 1896, S. 10). Der hohe Herr konnte freilich nicht ahnen, daß sein eigener Thron fast 600 Jahre' später von einem Theodor Kohn etwas unrühmlich eingenommen werden würde, der allerdings den Judenschuß nicht' Mehr auszuüben in der Lage war. Mittlerweile hatte sich an den Juden die Weisheit Koheleths (V, 7) erfüllt. Sie seufzten, unter dem Drucke von Hohen, Höheren und Höchsten über diesen. Die fortschreitende Entwicklung der Städte und besonders des Kreditwesens kam mit den Interessen der Bürger in Konflikt, und überall in deutschen Landen von Köln bis Laibach begann man sich im Verlauf des fünfzehnten und im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts der Juden zu entledigen. In den Ländern der böhmischen Krone kam ein religiöses Interesse, der Kampf gegen die hussitische Ketzerei, hinzu. Die neueste Geschichte bietet uns Parallelen. Der.Kulturkampf in Deutschland kündigt sich unter anderem durch das Erscheinen von Rohlings „Der Talmudjude", 1871 an. Der erste Anlauf zur Trennung von Staat und Kirche in Frankreich zeitigt die Dreyfusasfäre, ebenso wie die Reformation sich durch Pfefferkorn, den Strohmann der Dominilkäner, ankündigt. In Mähren ging es den Juden allerdings nicht so schlimm, wie in dem benachbarten Schlesien, wo Capistrano sich das Vergnügen eines Autodafe leisten konnte, 1454, Immerhin wurden sie aus Brünn, Znaim, Olmütz und Neustadt im selben Jahre verbannt. Jglau, das sich zweihundert Jahre früher so lebhaft um das Recht der Juden- Haltüng beworben hatte, war mit der Austreibung schon 1426 vorangegangen. Andere Städte, wie Hradisch, Neutitschein und-Sternberg folgten später, und im sechzehnten Jahrhundert waren die Juden Mährens wie auch Böhmens, mit Ausnahme von Prag, von allen bedeutenden Städten verbannt. 'Ihre Zuflucht waren, wie auch in anderen deutschen Ländern, besonders in Bayern, die -Herrschaften", von den Juden in wörtlicher Uebersetzung „Serores" genanntwofürder polnische Jude bezeichnenderweife das Wort „Poriz", Tyrann, gebraucht. Der adlige Grundherr erhielt für wertloses Weideland einen Grundzins, der dem Werte städtischen . h Quellen in Jewish Encyclopedia, Artikel „Moravia". Grundeigentums entsprach; er konnte als Obrigkeit für jedes Recht der Juden, vom Geborenwerden bis zum Sterben, von der - Anstellung des „Rebbe" bis zu der des „SchuMoPPers" Gebühren erheben, und ihre Geschäftstätigkeit stand ihm nicht im Wege, wie das bei den Ratsherren in Brünn oder in Jglau der Fall war. - So entstand die mährische Kehilla, wie sie sich unverändert fast vier Jahrhunderte erhielt, bis Freizügigkeit, Eisenbahn und Großindustrie mit ihrer Enge, aber'auch mit ihrer Poesie aufräumten. Natürlichwurden für die neuen Ansiedlungen Orte in der Nähe großer Städte gewählt. In der Nähe Brünns lagen Kanitz, Eibenschütz und Pohrlitz. So gibt es auch Gruppen von Kehillas in der Nähe Von Olmütz, Znaim und . Jglau. Von dieser Heimstätte wanderte der Hausierer am Sonntag nach der Stadt, kaufte, verkaufte, lieh auf Pfänder, oder wenn er ein „Takkif" war, schacherte er mit Heiratsniederlasfungs- und anderen Privilegien. Am Freitag kehrte er in seine Heimat zurück und entzauberte sich aus dem gestoßenen und getretenen Paria zum Vorsteher, zum Vorbeter oder gar zum „Schiursager", der einem Zirkel Raschi zum Pentateuch, Mischnah, En Jakob oder Schulchan Aruch vortrug, und nur Mitleid, nicht nur mit dem Amtsschreiber, vor dem er gestern noch katzbuckelte, sondern selbst mit dem gnädigen Herrn Oberamtmann und Gubernalrat hatte, der weder Schofar blasennoch Raschi lesen, noch Gott so energische Wahrheiten in den Selichoth sagen, noch den Priestersegen sprechen konnte, noch auch Anspruch auf' einen Fauteuil, in Vater Abrahams Empfangssalon erhalten konnte, der dem Glücklichen zuteil wird, welcher so viele Kinder in den Bund Abrahams ausgenommen hatte. Rabbi Josuä Weiß war einer der wenigen Ueberlebenden, welche diese Glanzzeit der. alten Kehilla' in ihrer letzten Abenddämmerung noch persönlich durchlebt haben. Das Jahr 1848 hat mit. scharfem Besen den Wust der Feudalzeit.hinweggefegt. Die tatsächlichen Errungenschaften und. noch mehr die optimistischen Hoffnungen, die man auf die Zukunft setzte, haben das geistige Leben mit unglaublicher Schnelligkeit geändert. Zur Zeit, als Weiß ein Knabe war, zitterte man. noch vor dem Willen des Oberamtmanns, suchte und-kaufte man noch seine Gunst bei den elementarsten Rechten des Menschenlebens, und wisperte bei jeder Aeußerung des Selbstgefühls den Kindern ins Ohr:. Sei vorsichtig; wir leben ja im Golus, Nicht, anders war es in geistiger Beziehung. Wohl hatte Kaiser Franz Josef II. die Gründung der Normalschulen angeordnet, und, soweit das vormärzliche Oesterreich Gesetze durchführte, war auch dieses Gesetz verwirklicht worden. Die meisten Männer, um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts geboren, die ich noch kannte, konnten lesen und schreiben. Die Frauen, die diese Kunst nicht praktisch verwerteten, vergaßen sie in der Regel bald, da sie beim Schreiben sich des Jüdischen bedienten und ihre Lektüre sich auf das „Teitsch-Chumesch" und ähnliche jüdisch-deutsche Erbauungsschriften beschränkte. Für höhere, geistige Bildung genügte das talmudische Studium noch ausschließlich. Ausnahmsweise mochte ein sehr reicher Mann, wie Philipp Gomperz in Brünn, Vater des Hosrats und Universitätprofesfors Theodor und seines kürzlich verstorbenen Bruders, des Herrenhausmitgliedes. Julius. v. Gomperz, feine Kinder studieren lassen. Gelegentlich, mochte auch ein fortschrittlich gesinnter Lehrer, der an sich die..Unzulänglichkeit des Autodidaktentums erfahren hatte, seinen Sohn dem Studium der Medizin widmen, wie denn auch der erste jüdische Oberstabsarzt der österreichischen Armee, der. 1866 in Budapest verstorbene Dr. Jacob Böhm, ein Altersgenosse und Landsmann meines 1819 geborenen Vaters war. Das waren jedoch noch* seltene Ausnahmen, schon deswegen, weil die einzige Möglichkeit für