Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 320 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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kurzem ba§; Fest seines fünfzigjährigen Bestehens gefeiert hat (jetzige Vorsitzende ist die verdienstvolle Frau Auguste Danzig er geb. Krimmer). . . , Nachdem die Gemeinde in den siebziger Jahren auf mehr als. 750 Seelen angewachsen war, erwies.sich das bisherige Gotteshaus als zu klein. Es wurde -bedeutend erweitert und verschönert und bildet seither eine Zierde der an Sehenswürdigkeiten reichen Stadt. Am 23. Mai 1879 fand die glanzvolle ' Einweihung der restaurierten Synagoge statt. Landsbergs Predigt und die von dem damaligen ersten Kantor Eduard Ha mbur g er (jetzt in Wersiwalde) komponierten Gesänge veranlaßten den anwesenden Regierungspräsidenten von Seydewitz und die anderen 'Vertreter der Behörden zu Aeußerungen wärmster Anerkennung. Der Umbau des Tempels ist hauptsächlich auf die Bemühungen des damals neugewählten Vorstehers Heinrich Cohn zurückzusühren, eines Mannes, der sich in mehrmals dreißigjährigem Wirken nicht nur um die Gemeinde sondern als Stadtverordneter und später als Stadtverordnetenvorsteher auch um das städtische Gemeinwesen die größten Verdienste erworben hat. Als er hochbetagt seine Aemter niederlegte, verlieh ihm die Stadt das Ehrenbürge r r e ch t, eine Auszeichnung, die außer ihm und einem christlichen Mitbürger (Kittler) nur noch einem anderen hervorragenden Glaubensgenossen, Stadtrat P r. a g e r, widerfuhr. Zurzeit gehört ein jüdischer Stadtrat, Anton So ch ac z e w s k i, dem Magistratskollegium an. ein ideal gesinnter Mann und darum ein begeisterter Jude; er ist u. a. Präsident der Handelskammer. Dank eines herzlichen Einvernehmens mit den christlichen Mitbürgern war es der Synagogengemeinde ein leichtes, die Einführung des obligatorischen jüdischen Religionsunterrichtes in den städtischen höheren Lehranstalten — im Gymnasium bis Oberprima! — durchzusetzen. Das Königliche Gymnasium Johanneum (Ritterakademie) freilich nimmt — als Stiftungsfchule für den schlesischen Adel — keine jüdischen Schüler aus. Auch in der feinen „Bürgerressource" finden Juden keine Aufnahme. Statt dessen haben sich die Juden zur Pflege der Geselligkeit in der „Gesellschaft der Freunde" zusammengeschlossen, deren Mitglieder im März 1899 die „Silestaloge" 11. O. B. B. begründeten. Eine „reiche" Gemeinde, wie z. B. Glogau, ist Liegnitz nicht: ihre Mitglieder erfreuen sich „nur" eines gediegenen Wohlstandes. Das beweist die Tatsache, daß die Zahl der Seelen abgenommen (1910: 820), die der Steuerzahler hingegen zugenommen hat. Eine jüdische Aristokratie, wie sie noch in den achtziger Jahren dort vorhanden war, ist inzwischen verzogen, verstorben, verdorben, ausgetaust ... Die Gemeinde steht auf gemäßigt-liberalem Standpunkte, gleich ihrem Rabbiner, Dr. Moritz Peritz, der nach dem tiefbeklagten, plötzlichen Tode Dr. Landsbergs (am 26. Dezember 1882) als Rabbinatsverweser, ein Jahr später als Rab-. biner berufen ward (1. Februar 1884). In den 28 Jahren seiner Amtstätigkeit.hat sich Dr. Peritz durch die Lauterkeit seines Charakters, durch die Milde -und Versöhnlichkeit seines Wesens und durch 'die vornehme Zurückhaltung seines Auftretens bei Juden und Christen Sympathieerworben. Ihn erfüllt der beste Wille und die innigste Liebe zu seinem Glauben und zu seinem ehrwürdigen Berus. Daß er sich auf dem Gebiete der arabischen Sprachforschung einen Namen gemacht hat, sei nur nebenbei erwähnt.. . Im Gegensatz zu seinem Vorgänger zeigte sich Dr. Peritz allen aus eine zeitgemäße Ausgestaltung des Gottesdienstes abzielenden Bestrebungen geneigt. So konnte bereits Pessach 1884eine Orgel den Gesang eines gemischten Chores begleiten. Pessach 1891 fand die erste Konfirmation vyn Mädchen statt, eine Feier, die leider nur einmal (1901) wiederholt werden konnte. Mach Berliner Muster und nach der nämlichen Liturgie fanden feit dem 6. Mai 1893 in regelmäßigen Abständen Jugendgottesdienste, statt. Hatte Landsberg die Synagogen der Filialgemeinden Steinau und Lüben eingeweiht, so konnte sein Nachfolger die nämliche gottesdienstliche Handlung in Haynau und Löwenberg vollziehen. Die Sorge für die Filialgemeinden, zu denen noch Jauer, Striegau und Goldberg gehören, läßt sich ganz besonders der neue Vorsteher, L u d w i g D a nz i - ger, Chef des Leinenhauses Wolfs Krimmer, angelegen sein, der seit dem am 19. März 1911 erfolgten Hinscheiden des hochverdienten Heinrich Cohn die Geschicke . der Gemeinde leitet. Sein tatkräftiger Wille und seine Liebe zum Väterglauben berechtigen zu der schönen Hoffnung, daß die Gemeinde unter seiner Leitung nicht stillstehen, sondern fortschreiten wird. So ist beispielsweise die Ersetzung des seit 1898 gebrauchten Joelschen Gebetbuches durch das Berliner nur eine Frage der Zeit. Aber auch in seiner jetzigen Form läßt der Gottesdienst nichts zu wünschen übrige In einem Punkt übertrifft die dortige Gemeinde sogar viele Großgemeinden: in der weihevollen Ausgestaltung der Trauungen. Hierbei ist z. B. 'das „Bedecken" ein. Teil des mit Chor und Orgel zelebrierten Minchahgottesdienstes. Schade, daß die beiden uralten, anheimelnden Trauungslieder „Herr, vor Deinem Angesichte" und „Lobet ihr Himmel, den heiligen Namen" abgeschafst sind: sie sollten vor der Vergessenheit gerettet werden! In jüngster Zeit hat sich die dortige jüdische Jugend zu einem „Jugendbund" zusammengeschlofsen. Wenn der bis jetzt betätigte Eifer seiner Mitglieder von Dauer ist, dann steht zu erwarten, daß die Ideale des Judentumes dort auch den künftigen Geschlechtern heilig sein werden, und daß die Liegnitzer Gemeinde auch im zweiten Jahrhundert ihres Bestehens „durch ihre Ziele und durch ihre Leistungen stets ein edles und wertvolles Glied der großen Gesamtheit" bilden wird. ' MMM NUß V: VW::*! Synagoge in Liegnitz. ■mm „ v , -"W