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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-05 · Heft 27 (5.7.1912) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
Seite 319 (sequence 7)
Language
German
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Im Todesjahre Friedrich des Großen dursten Juden nur in vierzig (von 13b) schlesischen Städten wohnen, von denen Zülz und Glogau ein besonderes Judenprivileg besaßen, schon 1728 umfaßte die Glogauer Gemeinde 1564 Seelen. Zur selben Zeit dursten Juden in Liegnitz nicht wohnen, ja nicht einmal übernachten. Erst das Toleranzedikt vom 11. März 1812 össnete den Juden auch die Tore dieser schönen Stadt, an deren Aufblühen sie fortan tätigen Anteil nehmen sollten. Die ersten Ansiedler kamen aus Glogau herübergezogen. Eine schmucklose Stube in dem Hause Ritterstraße, Ecke Ring, diente als erste Andachtsstätte für die kleine Gemeinde. Ein Streifen Landes jenseits der Katzbach wurde als Friedhof erworben, zu dem eine „Judensteg" genannte Holzbrücke führte (1899, nach ihrem Umbau, erhielt »diese Brücke den Namen „Kaiser - Friedrich - Brücke"). Die junge Gemeinde finden wir alsbald an einem Werke echtjüdifcher Toleranz beteiligt: als im Jahre 1823 die Liebfrauenkirche von einer FeuersbrunWeimg'esuchtwurde, welcher die beiden Türme zunr Opfer fielen, spendete auch die jüdische Gemeinde einen Beitrag zum Wiederaufbau. Leider mußten die Stätte der Gottesverehrung und der Friedhof mehrmals verlegt werden; erst 1836 konnte die Gemeinde ihren Toten eine bleibende Ruhestätte neben dem städtischen, für alle christlichen Konfessionen bestimmten Kirchhofe bereiten. Im folgenden Jahre wurde die noch heute segensreich wirkende Beerdigungs- und Wohltätigkeitsbruderschaft „ CH e'b r a K a - d i s ch a " („das heilige Stift") gegründet. Wieder ein Jahr später war die inzwischen auf 236 Seelen angewachfene Gemeinde in der Lage — zunächst allerdings nur vorübergehend — einen Rabbiner (Dr. Sammler) anzustellen, der sich später als Chronist der Stadt Liegnitz sowie als belletristischer Schriftsteller („Der Rabbi von Liegnitz") einen Namen gemacht hat. Dieser erste Liegnitzer Rabbiner nahm fein Amt sehr ernst, namentlich ließ er sich die Pflege des Religionsunterrichtes angelegen fein. Auf fein Betreiben gründete der Vorstand (Raphael Prausnitzer, Isidor Kronecker und Markus Lew in) eine Religio ns- und Elementarschule, die bei der Eröffnung 19, nach vier Monaten bereits 28 Schüler zählte, in einer Selekta wurden die Zöglinge zur Konfirmation vorbereitet. Von den schönen Erfolgen der Schule zeugt die öffentliche Prüfung mit anschließender Einsegnung, die unter Anwesenheit der staatlichen und städtischen Behörden sowie der Geistlichkeit am 26. Oktober 1839 stattfand. In seinem, im „Liegnitzer Stadtblatt" abgedruckten Referat äußerte sich der Erzpriester der katholischen Gemeinde überaus anerkennend über den Eindruck der Feier wie über die Leistungen der Zöglinge und knüpfte daran den Wunsch, die Gemeinde möge bald in den Besitz eines würdigen Gotteshauses gelangen. Sechs Jahre später ging dieser Wunsch in Erfüllung. Pfingsten 1847 wurde der Tempel eingeweiht. Zu Ehren der Gemeinde legten die Stadtbehörden der Straße, in der das »Gotteshaus nach allen Seiten hin frei liegt, den Namen „Synagogenstraße" bei. * Hand in Hand mit der zunehmenden Wertschätzung der > Juden von seiten ihrer Mitbürger ging die Verinnerlichung » und ästhetische Ausgestaltung des Gottesdienstes. Wie überall in den vierziger Jahren, so wurde auch in Liegnitz für eine Reform des Gottesdienstes gekämpft. Auch in Liegnitz splitterte — vorübergehend — eine Schar von Reformern ab; die Mehrzahl der Gemeindemitglieder blieb jedoch in der „Aelteren israelitischen Gemeinde" vereinigt. Diese verlieh ihrer auf treuem Festhalten an dem Althergebrachten gegründeten Ueberzeugung dadurch Ausdruck, daß sie 1854 den mit den edelsten Gäben des Geistes und Gemütes ausgestatteten, aber fest auf dem Boden des überlieferten Judentums stehenden Dr. Moritz Landsberg, einen nahen Verwandten und s Schüller des berühmten Rabbi! Akiba Eg er, als Rabbiner und Prediger berief. Mit dem Amtsantritt dieses | herrlichen Mannes (13. Januar 1 1855) beginnt für die Liegnitzer Gemeinde eine Zeit höchster Blüte, wie sie seit seinem Hinscheiden nie wieder erreicht worden ist und — bei der abnehmenden Seelenzahl — leider auch nie wieder erreicht werden wird. Wenn sich heute — fast dreißig Jahre nach seinem Tode! — Kinder der Liegnitzer Gemeinde, die ihn kannten, treffen, so lenkt sich ihr Gespräch unwillkürlich auf diesen beispiellos verehrten Seelsorger, und seine vornehme, hohepriesterliche Erscheinung tritt ihnen vor die Seele. Sein kluger Rat und sein sanftes Trostwort wurden von den Juiden und Christen begehrt, wie feine schwungvollen Predigten auch gern von Christen besucht wurden. Er war ein tiefgründiger Gelehrter und schrieb ein klassisches Hebräisch. Der Reform war er abhold; darum widersetzte er sich mit aller Kraft der Ausstellung einer Orgel, als 1879 die Synagoge umgebaut wurde. „Landsberg will keine Orgel" — folglich muß sich die Gemeinde die Erfüllung ihres allgemein gehegten Wunsches versagen! Dagegen legte Dr. Landsberg in seiner Neujahrspredigt 1863 seiner Gemeinde den Bau eines Schul- und Gemeindehauses ans Herz — und bereits im April des folgenden Jahres konnte er das Gebäude feierlich einweihen. Eine hierbei veranstaltete Sammlung bildete den Grundstock zu einer Prämienstiftung für fleißige Schüler. Ebenso legte er eine reichhaltige Gemeindebibliothek an, deren Benutzung freilich seit feinem Tode aufgehört hat. War somit durch die Gründung eines Gemeindehauses ein Stützpunkt für alle jüdischen Bestrebungen der Stadt geschaffen, so konnte nunmehr auch eine Organisation zu umfangreicher Liebestätigkeit in dem „Israelitischen Frauenverein" ins Leben gerufen werden, der 'qqx Dr. Moritz Lanösberg (1825—1882). Rabbiner und Prediger in Liegnitz von 1855—1882.

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