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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-05 · Heft 27 (5.7.1912) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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hatten, wie Papst und Kaiser sie als Sklaven bezeichneten und behandelten, trotzdem das Urchristentum in ihnen zwar verirrte Brüder, aber Träger unwiderruflicher Verheißungen sieht. Trotz dieses erschütternden Schicksals, betont Dvllinger, blieben die Juden während der ganzen Zeit aus h v h e r s i t t - lich er Stufe. Fleiß, Mäßigkeit, Keuschheit, Reinheit des Familienlebens waren immer ihre besonderen Tugenden. Erst mit der Reformation gestaltete sich ihr Schicksal günstiger, und in hundertjährigem Ringen erlangten sie dann in fast allen europäischen Stagten die bürgerliche G l e i ch b e r e ch - tigung^ Die Döllingersche Denkschrift schließt mit dem Hinweis, daß ganh besonders die deutschen Juden das Geistesleben der Nation in sich aufnehmen und die Interessen der Nation zu den ihren machen, und fordert zur Toleranz auf mit dem sophokleischen Worte: „Nicht m i t z u h a f s e n, mitzulieben bin ich da!" So berichtet der über jeden Verdacht Philosemitischer Gesinnungen erhabene Referent der „Münchener Neuesten Nachrichten" über wissenschaftliche Versammlungen, v. H., in deren Nummer 147. Uebrigens war die glänzende Abhandlung Döllingers,.so wie er sie dargeboten, dem geltenden Brauche gemäß in den Denkschriften der Kgl. Bayer. Akademie der Wissenschasten erschienen, ist auch später in seine wundervollen „Akademischen Vorträge", I (1888), 209—241, ausgenommen. Die oben gesperrt gedruckten Stellen stehen im Original so. Auch diesem Döllinger-Abend im März wohnte eine größere Anzahl Münchener Israeliten, darunter Rabbiner Dr. Werner, bei, und die überaus würdevolle Gedenkfeier trug zugleich den Charakter gegenseitigen Verständnisses und Respekts beider Minderheitskonfessionen. In diesem Zusammenhänge mag Parallel auch daran erinnert werden, daß der berühmte Münchener Naturhistoriker, Geheimrat,Professor Dr. S i e g m u n d Günther (jetzt Rektor der Technischen Hochschule), bekannt als Veteran freisinniger Politik und in Oesfentlichkeit wie Parlament, obwohl überzeugter Protestant, ein fast feuriger Verteidiger vollster Gleichberechtigung der deutschen Juden, in den Münchener Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur und zur Abwehr des Antisemitismus ebenfalls gediegene Vorträge über kulturelle Bedeutung und wissenschaftliche Leistungen des Judentums gehalten hat. Herr Pfarrer A. Gatzenmeier aber, selbst ein Jünger Döllingers, hat für obige Mitteilungen liebenswürdig genaue Auskunft, sowie die betreffende Nummer 11 (Februar 1912) des Korrespondenzblatts für altkatholische. Jungmannschasten und deren Mitgieder „Wacht auf!", wo über jenen Weigl- Abend kurz berichtet ist, zur Verfügung gestellt. Will man diese freundlichen Sympathien des bayerischen Altkatholizismus für seine israelitischen Landesgenossen und deren Glaubensbekenntnis tiefer würdigen, so muß man eigentlich vergleichend das bezügliche Verhalten der kirchenpolitischen Parteien Bayerns betrachten: das soll demnächst hier deutlich geschehen. Heute sei nur auf die scharfe. antisemitische Stellungnahme der diesmaligen österlichen. „Landesversammlung der Deutschkonservativen Bayerns" hingewiesen, die am 9. April zu Nürnberg stattfand. Denn dieser Parteitag verkörpert zugleich die politische Geltendmachung der protestantischen Orthodoxie, Da sagte denn der Führer und Vorsitzende, Landtagsabgeordneter Beckh, ganz direkt: „Es gilt die Macht der liberalen Presse zu brechen und die vom jüdischen Geiste beeinflußte öffentliche Meinung wieder zu gewinnen." Und der konservative Generalsekretär Kunze aus Berlin errang sich Heiterkeit mit dem schwachen Witz: man schimpfe immer auf die Junker, wohl weil dieser Name ebenso ansange wie der der Leute vom mobilen Kapital da drüben! Daraus schloß dieser Hetzredner mit einem Appell zur Befreiung von der Herrschaft „der wenigen Leute", des „konzentrierten, jüdischinternationalen Kapitals", unter frenetischem Beifall der Versammlung. Das sind Stimmen, deren Ton von den Reden bei jenen oben besprochenen altkatholischen Veranstaltungen höchst unangenehm abstechen. FI. Linr hundertjährige. (Die Möische Gemeinde in Liegnitz.) Von Oberlehrer Dr. En g en W o l b e. mit man das alte Sprichwort, wonach diejenigen Frauen die besten sind, von denen man nicht spricht, aus jüdische Gemeinden anwendet, so müßte die Synagogengemeinde in L i e g n i tz die edelste Blume im Kranze der deutschen Gemeinden sein! Fürwahr, nie dringt eine Nachricht über das dortige Gemeindeleben in die Oeffentlichkeit; und wenn nicht das statistische Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes eine Rubrik „Liegnitz" aufwiese — deren Angaben, nebenbei bemerkt, unrichtig sind — so könnte man glauben, die herrliche Gartenstadt an der Katzbach zähle unter ihren 66 000 Einwohnern keine Juden. Und doch: auch dort schart sich ein treues Bekennergeschlecht um das Banner Israels. Trefflich geleitet, wirkt — gleich Tausenden ihrer Schwestern — auch die Liegnitzer Gemeinde mit an der Aufwärtsbewegung des Judentums, wozu sie ihre für eine Mittelgemeinde geradezu vorzüglichen Institutionen außerordentlich befähigen. Große Männer sind aus der Liegnitzer Gemeinde nicht hervorgegangen; höchstens kann man den jüngst verstorbenen Landtagsabgeordneten Gerschel, den als Komponisten und Sachwalter seines Standes verdienten Kantor F a b i s ch in Göttingen sowie die Universitätsprofessoren Kronecker in Berlin, Warschauer in Leipzig und Franz London in Bonn als Kinder der Liegnitzer Gemeinde ansühren. Ein Literaturverein besteht in Liegnitz nicht, ebensowenig eine Ortsgruppe des Zentralvereins oder des Zionistenbundes. Vielleicht sind dies die Gründe, weshalb die dortige Gemeinde dem Außenstehenden das Bild eines „schlafenden Dornröschens" bietet. Auch heute läge kein Anlaß vor, die Oeffentlichkeit für die Liegnitzer Gemeinde zu interessieren, wenn nicht mit dem Jubiläum der Judenemanzipation in Preußen die H u n d e r tjahrsei er der jüdischen Gemeinde in Liegnitz zusammensiele. Im Mittelalter, das für die Juden leider bis in die Zeit Friedrichs des Großen hineinreichte, sind die Geschicke einer einzelnen Gemeinde von denen der Gesamtjudenheit kaum zu trennen gewesen: die Leiden der Breslauer Juden waren auch die der Liegnitzer; ließ der Druck nach, der auf den Schweidnitzer Juden lastete, so brach auch für ihre Glogauer Brüder eine bessere Zeit an. Als 1349 die Geißelbrüder Schlesien durchzogen und den Pöbel zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden aushetzten, bluteten wie in Breslau so auch in Liegnitz jüdische Opfer, und als 1362 die Pest Tausende von Menschen dahinraffte, mußten die Juden aller schlesischen Städte unter der Beschuldigung leiden, sie hätten „durch Ausstreuen von giftigem Pulver" die Seuche heraufbeschworen! . Daß der fanatische Mönch Capistrano, der als „apostolischer Kommissar und Generalinquisitor ketzerischer Verderbtheit", Buße und „Rückkehr zum rechten Glauben" predigend, Schlesien bereiste, Liegnitz nicht verschonte, ist ebenso selbstverständlich wie die Verbrennung zahlreicher Liegnitzer Juden wegen eines 1453 den Breslauer Juden zur Last ge-- legten Ritualmordes. Dennoch hielt sich der Liegnitzer Piastenherzog Heinrich einen jüdischen Koch (wie Schudt in seinen „Jüdischen Merckwürdigkeiten" erzählt).

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