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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-05 · Heft 27 (5.7.1912) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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Errichtung ^ines Spitales bestimnrt, das in Döbling, dem gesündesten Wiener Bezirke, erbaut und Nervenkranken j e d e r Konfession gewidmet sein sollte! Aber die antisemitischen-Stimmen wurden sogleich laut, man verwahrte sich unter hunderterlei Vorwänden gegen diesen Bau und bewilligte endlich am anderen Ende Wiens, weit an der Grenze, einen Platz für das Spital, mährend in Döbling gnädigst eine — Aufnahmsstelle gestattet wurde! Die jüdischen Organisationen Wiens, die gegen mächtige Gegner auf dem Boden des Gesetzes.immerfort zu kämpfen haben, -7sie werden auch wiederholt aus österreichischen Provinzen um Hilfe angegangen und besonders das dunkle Kloster der Felizian er innen in Krakau sorgt dafür, daß die jüdische gerechte Abwehr nicht zur Ruhe kommt! Wieder ist ein kaum 14 jähriges Mädchen , hinter diesen grauen Mauern verschwunden und gewaltsam getauft worden, nachdem am Freitag vorher an vier anderen die Taufe vollzogen wurde; der Krakauer „Tag" aber meldet, daß noch weitere neun Mädchen dem gleichen Schicksale entgegengehen., und daß die höchsten polnischen Aristokratinnen als Taufpatinnen dienen! Und. aufs neue tauchen in einzelnen Kronländern die Märchen des „Nitualmordes" auf, wieder finden sich Druckschriften, die dieser tausendmal widerlegten Lüge Verbreitung bieten und die perfide Art eines neuen, in Prag erscheinenden Blattes, „XX Vök" (Das zwanzigste Jahrhundert) geheißen, erregt in der intelligenten österreichischen Judenschaft ungeheure Empörung! Ein bei dem armen Juden Gans bedienstetes Mädchen namens Hofrichter erzählte, es sei ihm zu jüdisch-rituellen Zwecken Blut abgezapft worden. Das vorgenannte, neue Blatt verbreitet sogleich diese Schauergeschichte und der arme Mann wurde zum Ruin getrieben. Freilich gestand das- Mädchen, vor Gericht gestellt, unverzüglich ein, sie hätte das alles bloß — geträumt! Worauf sie für diesen „Traum", für welchen sie von gewissenlosen Lumpen zweifellos auserkoren wurde, zu zehn Tagen strengen Arrests verurteilt wurde! Aber die Hetze war vollbracht, und diesem Falle gesellten sich neue zu, die alle ein wachsames Auge und energische Klarstellung seitens der „Allianz" erfordern. Diese muß aber nicht nur gegen solch ehrloses Gesindel einschreiten, sondern man ist auch, wie die „Union" meldet, ist Elen Fällen gezwungen, Behörden aufzurütteln und Staatsanwälte zu wecken, damit sie ihre Pflicht tun und gegen Zeitungen einschreiten wie diese „XX Vök", die in jeder Nummer die fettgedruckte Aufforderung bringt: „Christen kauft nicht bei Juden,denn es klebt an ihnen d a s Blut unserer christlichen Kinder!" Den Protesten gegen die Ritualmordlügen, die vor einiger Zeit von den bedeutendsten Persönlichkeiten Deutschlands, Frankreichs und Rußlands erhoben wurden, schlossen sich nun auch die hervorragendsten E n g l a n d s an, und es ist erfreulich, daß sich endlich die internationale Intelligenz einmütig gegen solche Niedertracht auflehnt. Aber es wird trotz alledem auch weiterhin nötig sein, daß jeder einzelne Fall solcher Schurkerei sogleich aufgegriffen und seitens der österreichisch-israelitischen Organisationen energisch klargestellt werde! Rex. Judentum und Ultkstholtzismus. 0 iegt die Ursache einer unverkennbaren Sympathie, welche so manche maßgebliche Wortführer des deutschen Altkatholizismus dem Judentum entgegenbringen, in ' der uralten Tatsache der die unterdrückten oder im Nebenlichte stehenden Bevölkerungsgruppen zueinander drängenden Interessengemeinschaft begründet? Oder wurzelt das Gerechtigkeitsgefühl jener stark zusammengeschmotzenen, aber innerlich gefesteten Reform-Glaubensgenossenschast, die vor einem halben Jahrhundert aus dem natürlichen Gegendruck gegen römisch-klerikale Geiftestyrannei entsprang, gegenüber der „ältesten geofsenbarten Religion" in dem Streben des Altkatholizismus, möglichst an die älteste..Reinkultur des mono-, theistischen Gottes anzuknüpfen? Gleichviel. Jedenfalls aber bekundet die Altkatholische Gemeinschaft im Deutschen Reiche, zumal im Süden, seit längerer Zeit dem Judentum in seiner. Vergangenheit und Gegenwart eine würdige Aufmerksamkeit und mehr als geschichtliche Hochachtung. Dafür hier nur ein paar untrügliche jüngste Belege dieser.sehr erfreulichen Erscheinung! Am 24. Januar . 1912 veranstaltete die sogenannte Altkatholische Jungmannschaft (d. i. die Vereinigung des Nachwuchses überzeugter Anhänger unter den Jünglingen) der Altkatholischen Gemeinde München ihren zweiten öffentlichen Vortragsabend. Dabei hielt der stadtbekannte Polizeiarzt Dr. I o s. W e i g l, ein humanitär und sozialethisch höchst verdienstvoller Mann (bis jetzt noch der römisch-katholischen Kirche angehörig), einen überaus interessanten Vortrag voll gründlichsten historischen Wissens und feinsinniger Ausblicke, über das Thema: „Das Iud entum und. seine Be - ziehungzur Kultur." Bei diesem Abend im großen Raum des Paulanerbräus an der Kaufinger Straße, mitten in der Altstadt des kätholikenreichsten Gemeinwesens unseres Vaterlandes, füllten außer den Altkatholiken der bayerischen Residenz viele Gäste den Saal. Auch der bekannte dortige Rabbiner Dr. C. Werner nebst vielen Israeliten wohnten der fesselnden Rede bei;, dieser jüdische Geistliche ergriff sogar gegen den Schluß das Wort, indem er den Abend mit einem begeisterten Dankeswort beschloß. Der Oberkantor der Israelitischen Kultusgemeinde, Kirschner, erntete reichen Beifall durch die der Rede Dr. Weigls anschließende Darbietung altsynagogaler Gesänge und slawischer Volkslieder aus dem stark von Juden bevölkerten Osteuropa. Am Dienstag, den 19. März, sprach nun im großen Evangelischen Vereinssaal (sogen. Mathildensaäl) der Münchener altkatholische Pfarrer Anton G a tz e n m e i e r, mit der Absicht, jenem Weiglschen Vortrag ergänzend zur Seite zu treten, beim sogenannten Döllinger abend, wie ihn die Altkatholische Jungmannschaft Münchens alljährlich um die Geburtszeit ihres genialen Vaters und Vorkämpfers Johann Joseph Ignaz von D ö l l i n g e r (f 1890) veranstaltet. „Döllinger über die Juden in Europa" lautete der Titel der hochinteressanten Darlegungen, die den Hauptteil der diesmaligen Feier ausmachten. Dieser Vortrag enthielt sachlich keine neuen Momente, sondern gab das Wesentlichste aus der Vorlesung wieder, die der hochgelehrte und sprachgewandte geistvolle Theolog und Kirchenhistoriker im Jahre 188 .1 unter gewaltigem Aufsehen gehalten: nämlich bei der alljährlichen Festsitzung der Münchener Akademie der Wissenschaften .(deren Präsident war er ja durch die Ernennung seitens seines unentwegt gesinnungsverwandten und verehrungsvoll treuen Schülers König Ludwig II., des nicht minder gegen die israelitischen Staatsbürger musterhaft. gerechten Monarchen). Diese großzügige Darstellung lief auszugsweise damals durch die meisten besseren Tagesblättter und wurde öffentlich wie privat von Freund und Feind vielfach erörtert. Denn Döllinger hatte ja absichtlich diese Schrift aus Anlaß der antisemitischen Bewegung der siebziger und achtziger Jahre unter der Führung des. Berliner Hofpredigers Adolf Stöcker bei einer Festsitzung der Akademie der Wissenschaften vorgelegt. Sie schildert ausführlich, wie die Juden seit Beginn der römischen Staatskirche das ganze Mittelalter hindurch die furchtbarste Knechtschaft und Tyrannei zu erdulden

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