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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-05 · Heft 27 (5.7.1912) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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nachgiebiger geworben, aber Las alles ändert die Lage nicht.- Sogar die'bevorstehenden- Wahlen zur Neichsdum-a -schrecken die Negierung nicht, Md.'sie eil-t durchaus nicht, «die schmachvolle Sache aus der Welt zu schassen. Beilis ist, «wie nur erzählt wurde, im Gefängnis hysterisch . geworben. Er soll 'leicht -aus dem Gleichgewicht -kommen, aber seine Schuldlosigkeit soll er noch immer beteuern. Und die wahren Verbrecher Signaj-eivski, Rnbsinski, Tsch-ederjan und Latyschow sind bis heute noch srei. . Wenn die 'folgende Korrespondenz der „Voss. Zeitung" recht hat, so sind bei den in Frankreich lebenden russischen Juden recht bedauerliche Zustände zu konstatieren. Es handelt sich hier, um eine Gerichtsentscheidung, der man sich zunächst zu . beugen hat. Die fragliche Mitteilung hat diesen Wortlaut: Seitdem -eine starte E-i-nwauberunug russischer Juden nach Fvankrerch -eingesetzt hat, geben die Ehescheidungen dieser Einwanderer den hiesigen' Gerichten viel zu schaffen'. Nach russischem Gesetz ist -eine Judenche nur gültig, wenn sie vor 'einem Rabbiner geschlossen ist. Nach französischem -Gesetz hat eine solche Eh e keinen gesetzlichen Bestand, da es nur -eine vor dem Standesü-eamten geschlossene 'anerkennt. Diese Gesetzeslage benutzen die Leute aus verschiedene Weise, um sich der Eh estste ln nach Willkür zu entledigen. EntOv-ede-r betrachten sie hier ihre russische Ehe als nicht bestehend und gehen -eine neue ein, in welchem Falle sie -von ihren yerleugneten Frauen wegen Bigamie verfolgt werben, in anderen Fällen -schließen sie hier vor dem Standesamt -die Ehe, ohne sie durch -einen Rabbiner bestätigen zu -lassen, -und erklären sich-dann für frei, weil bas russische Gesetz-die standesamtliche Ehe nicht anerkennt. .Der hiesige bürgerliche Gerichtshof hatnun in einem jüngst gefällten Urteil die Regel aufgestellt, daß der persönliche Status ru'i-ilscher Untertanen für Frankreich unerheblich und jede nach französischem Gesetz in Frankreich geschlossene Ehe vollgültig ist, auch wenn sie in Rußland -als solche nicht anerkannt wirb, -weil kein Rabbiner. an dem Akt t-eilg-enomm-en hat. #i , Endlich muß auf einen Artikel von Felix A. Th eil- Hab e r in der „Weltam Montag": „I ü d i.s ch e A r beiter i n Pr eitßis ch en B er g w erke n " hingewiesen werdert. Es ist eine schwere Anklage gegen die Bestrebungen, arme russische Einwanderer jüdischen Glaubens in Bergwerken zu verwenden, wo sie einem recht- und schutzlosen Dasein entgegengehen würden. Der Artikel gipfelt in folgenden Ausführungen: Dieses Arbeitsheer von Ausländern, ist natürlich völlig recht- und schutzlos und muß es immer bleiben. Als Ausländer ist jeder der Gefahr ausgesetzt, bei der geringsten Veranlassung ausgewiesen zu werden. Wehe dem, der als „rot" nur verschrien ist. Man kennt eine Menge von Fällen, wo Fremde trotz jahrzehntelanger unbescholtener Führung und Arbeit in Deutschland bei der geringsten- Regung für das Koalitionsrecht sofort in die ihnen inzwischen sremdgewordene „Heimat" gehetzt wurden. Bei Streiks ist der Ausländer der ge- . borene Streikbrecher. Er kann nicht feiern und Streikunterstützung annehmen, da er sonst sofort Zurücktransportiert wird, was der unglückliche Jude, der einmal Rußland verlassen hat, unter allen Umständen zu meiden sucht. Der russische Jude ist aber auch, wenn er krank oder altersschwach ist, keine Belastung für die Krankenkasse der Bergwerke. Wir wissen, daß die größte Krankheits- und Sterblichkeitszahl bei den Bergleuten vorkommt, daß sie ganz besonders der Hilfe und hygienischen Fürsorge bedürfen. Statt dessen bietet sich nun billiges Schachtsutter: wenn ihre Knochen mürbe geworden, läßt man sie in Polen verfaulen. Sobald so ein Kastanjude über die Grenze geschasst worden ist, kräht kein Hahn nach ihm. Menschen, die Jahr und Tag unter deutschen Verhältnissen gelebt haben,.sollen dann plötzlich wieder zu Russen gestempelt werden. Selbst Kinder, die in Schlesien geboren, wurden, die die deutsche Sprache sprechen, sind dann verdammt, mit in das dunkelste Selbstherrscherreich geschleppt zu werden, wo das Bekenntnis zum Judentum völlig entrechtet. Die Juden werden heute von den Russen nach dem Ausspruch eines russischen Ministers zu einem Drittel ausgehungert, zu einem Drittel zu Tode gehetzt (in Gefängnissen, in Sibirien usw.), zu einem Drittel verjagt. Die Wertschätzung des polnischen Juden in Deutschland ist nicht viel größer. In Amerika hat er sich zwar bewährt. ' wie Roosevelt, Taft' u. a.< bestätigen, wie z. B. auch jüngst der ' Münchener Schulmann Kerschensteiner in längeren Auslassungen ausführte. Daß die preußische Negierung über keine Sympathien für. . die östlichen Juden hat, ist bekannt. Trotzdem will, sie die jüdischen Weber von Balutz und Lodz kommen lassen, um billigere und willfähigere Ärbeitermasten. der Großindustrie zuzusühren. Die deutsche Arbeiterschaft hat einen ferner Hauptkämpse gerade in der Bergwerksindustrie auszufechten. Eine bodenständige, einheitliche, deutsche Arbeitermasse wird sich ganz anders in den Lohnkämpfen halten können' als ein Proletariat aus allerlei religiös, kulturell und politisch differenzierten Gliedern, die nebenher noch völlig abhängig von jedem Schutzmann, von der Negierung mnd dem Winken eines Bergwerksdirektors sind.. - . -. Natürlich geschieht dies ganze. finstere Unternehmen unter dem Segen etwelcher Juden, ja einige gebärden sich in jüdischen Zeitungen (orthodoxer Richtung), als ob die Judensrage gelöst wäre. Bor allem sind es . die Veranstalter einer Zusammenkunft, die Pfingsten zu Kättowitz stättfand, wo der Handel sanktioniert wurde. Aus diese Tatsachen, die noch nicht allgemein bekannt sind, - ein Auge zu haben, wird gut sein. Denn es ist vielleicht noch möglich, sowohl die Freunde des arbeitenden-deutschen Volkes wie auch die wirklichen, echten Vertreter der Judenheit aus Vorgänge aufmerksam zu machen, die nur der Dividendenpolitik der Bergwerke-Vorteile zu bringen imstande sind. Den jüdischen Arbeitermassen wird durch solche Machenschaften weder der Friede des eigenen Herdes, noch Sicherheit für die Zukunft und die Freiheit gegeben. Wiener Vriek. ie Hauptstadt an der schönen, blauen Donau hat jetzt bedeutungsvolle Tage und Feste! Die „Musikwoche" und das große „Flugmeeting" locken Tausende nach Wien, und unzählige Fremde beherbergt gegenwärtig die Residenz. Die Intelligenz der Juden Oesterreichs sieht aber mit ganz besonderem Interesse einem bedeutungsvollen, speziellen Ereignisse entgegen, und zwar dem am 27., '28. und 30. Juni im Festsaale des Kaufmännischen Vereins tagenden Kongresse der „Jto", oder, wie der volle Name lautet, der >,Jewish Territorial Organisation" (Jüdische Landgesellschaft). Israel Z a n g w i l l kommt aus diesem Anlasse nach Wien! Er, der als Sohn russischer Flüchtlinge und später als jüdischer Lehrer in den Elendsvierteln Londons den ganzen Jammer der jüdischen Armut gründlich kennen lernte, er hieß es nicht gut, daß sich die Ansiedlungspläne der Zionisten unter Herzls und Nordaus Leitung auf das gelobte Land beschränkten, wodurch ihm die ganze Aktion nicht allein begrenzt, sondern auch ungemein erschwert und verzögert erschien. So erhob er sich denn am letzten Baseler Kongreßtag, um in kräftigen Worten dafür einzutreten, daß die vorhandenen Mittel auch für die Erforschung von außerhalb Palästinas gelegenen Ländern benutzt werden dürfen! Aber man ließ ihn, den D e - l e g i e rten, nicht einmal aüsreden, man schrie ihn nieder und hinderte ihn so lange am Sprechen, bis er, gefolgt von seinen Getreuen, den Kongreß verließ, um mit heiligem Eifer die „Jto" zu gründen, die in den Jahren ihres Bestandes ununterbrochen an Macht und Ansehen gewann. Derart ist es begreiflich, daß die Juden Wiens zum Empfange dieses bedeutenden Mannes rüsten und der dreitägigen Beratung mit größtem Interesse entgegensehen! Die Stadt selbst, die diesem Kongresse als Sammelpunkt dient, ist leider immer noch zum großen Teile von einem Judenhasse durchseucht, der in seinen äußersten Konsequenzen sich bitter an den Kranken und Notleidenden aller Konfessionen rächt! - - Nicht selten ist es vorgekommen, daß jüdische Wohltaten mit wütenden Empfindungen ausgenommen und verwaltet wurden und wieder liegt ein solcher Fall vor! Im Testamente Rothschilds wurden 20 Millionen Kronen für die

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