Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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die dankbare Nachwelt verehrungsvoll genannt hat. Er war der große Befreier von Vorurteilen. Die Schlagworte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, mit denen die französische Revolution die Welt umgestaltete und eroberte,, wurden von . ihm zuerst gebraucht. Er hat die großen Erziehungsgrundsätze formuliert, auf denen die moderne Pädagogik aufgebaut ist. Er lehrte die Natur lieben, entgegen der Verschnörkelung und Verkünftelung, die bis zu seinem Auftreten Mode war. An die Stelle der Galanterie predigte er die Liebe und das Recht der Leidenschaft. Er war ein emsiger Forscher und ein unermüdlicher Arbeiter. Botanik und Musik verdanken ihm manche Entdeckung und viele Bereicherung. Mag in seinem Leben manches befremdlich und verdammenswert, in seinen Lehren vieles veraltet sein,— er ist einer jener rühmlichen Pfadfinder, desseu Wege weiter zu wandeln Pflicht .und Stolz vieler Generationen ist. Auch wir Juden dürfen ihn feiern. Er hat weder für, noch gegen die Juden geschrieben, aber die Bibel las er mit Begeisterung und verkündete den reinen Deismus mit Schwung und poetischer Erhabenheit. Und wir dürfen uns freuen seiner Darstellung paradiesischer Unschuld und seiner Gegnerschaft gegen den sogenannten „christlichen Staat", ehe dies bedauerliche Wort in Deutschland geprägt ward. Der früher erwähnte Adelsalmanach hat merkwürdige Schicksale, das „Berl. Tagebl." berichtet: Der „Semi-Gvtha" ist gestern abend, wie die „Weimarische Zeitung" von der Verlagsbuchhandlung erfährt, auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft in Weimar beschlagnahmt worden. Von den über 5000. sertiggestellten Exemplaren konnte die Behörde nur etwa 100 beschlagnahmen. Die übrigen waren bereits verkauft. Verschiedene Anträge, die in anderer: Städten auf Beschlagnahme des Buches gestellt waren, sind abgelehnt worden. Weimar, 28. Juni. Die bereits gemeldete Beschlagnahme des Semi-Gotha erregt hier großes Aussehen. Das Buch hatte namentlich in Adelskreisen bereits einige Verbreitung gesunden. Die Gründe der Beschlagnahme sind bis jetzt ganz unbekannt, selbst die Firma Dietsch & Brückner ist noch nicht in der Lage, die Gründe anzugeben. Gegen die Beschlagnahme soll morgen Beschwerde eingelegt werden. Eine zweite Auslage von 10 000 Exemplaren, welche die Firma Finke & Co. in Leipzig gedruckt hat, ist jetzt auf der Fahrt nach Weimar und wird bei der Ankunft beschlagnahmt. — Wie weiter gemeldet wird, bilden den Grund der Beschlagnahme einige Zeilen, in denen österreichische Offiziere angegriffen sein sollen. Ueber das jüdische K o l o n i s a t i o n s p r o j e k t für Angola, von dem in diesen Blättern schon die Rede war, berichtet gleichfalls das „Berl. Tagebl.": W i e n , 28. Juni. Der Dichter Israel Zangwill ist hier eingetrosfen, um als Präsident der „Jewish Territorial Organisation" an dem hier tagenden Kongreß der Territorialgesellschasten teilzunehmen. Er machte einem Berichterstatter der „Zeit" folgende Mitteilungen: Ich komme jetzt aus Lissabon, wo ich mich mehrere Wochen hindurch aufgehalten habe, um mit führenden. Männern der portugiesischen Republik wegen des sogenannten „Angolaprojektes" in Fühlung zu treten. Es würde sich hierbei darum handeln, in dieser portugiesischen Kolonie in Westafrika die Erlaubnis zur Durchführung jüdischer Kolonisationszwecke zu erhalten. Von aktuellem Interesse ist, daß (wie von uns bereits erwähnt. D. Red.) die jüdische Territorialgesellschast bereits vor Jahren von der Türkei für Besiedlungszwecke die Cyrenaica versprochen erhielt, die sie jedoch ablehnte, da nach Entsendung einer Expedition in dieses Gebiet festgestellt wurde, daß dieser wasserarme Landstrich keinerlei bedeutendere Geldinvestitionen.wert sei. . * In R u ßland sieht es traurig aus. Vertreibungen sind an der Tagesordnung. Folgende Meldung der „N. I. K." verdient eine Wiedergabe. Sie lautet: Auf Grund einer vor kurzem gefällten Senatsentscheidung, wonach der Besuch einer Fachschule den jüdischen Schülern kein Wohnrecht außerhalb des Ansiedlüngsrayons gewährt, hat der Generalgouverneur von Kiew mit Zustimmung des Ministeriums des Innern verfügt, daß sämtliche jüdischen Zöglinge der. dramatischen, Musik- und Zeichenschulen von Kiew sowie deren Eltern, sofern sie keinen anderweitigen Anspruch auf das Wohnrecht haben, die Stadt Kiew innerhalb sieben Tagen verlassen müssen. Dieser Ausweisungsbefehl, von dem mehr als 6000 jüdische Seelen betroffen werden, hat auch in nichtjüdischen Kreisen große Bestürzung hervorgerrmfen. Unter anderemwird die Verfügung zur Folge haben, daß 23 Fachschulen aufgelöst werden müssen. Sollte die Verordnung, wie nicht ohne Grund befürchtet wird, auch aus die Zöglinge der Handels- und Handwerkerschulen ausgedehnt werden, so würden weitere 5000 Juden der Ausweisung aus Kiew verfallen. # In dem Kiewer R i t u a l m o r d p r o z e ß wird trotz aller Enthüllungen der Unschuldige nicht befreit, die Schuldigen werden nicht ergriffen. Darüber weiß das „Berl. Tagebl." nachstehendes zu berichten: Daß der Redakteur Brnsul-Bruschnowskh neue Angaben über die Ermordung des Knaben Justschinsky zu machen hatte, wußten alle, niemand aber erwartete, daß die ausführliche und vollständige Wiedergabe feiner Mitteilungen in gewissen Kreisen den Eindruck einer Plötzlich platzenden Bombe Hervorrufen werde. Brasul-Bruschnowsky hat mutvoll das begonnene Unternehmen allein vollendet,, ungeachtet dessen, daß er nach Möglichkeit -terrorisiert wurde, wie jetzt auch alle die Zeugen terrorisiert werden, deren Aussagen die Angaben Brasul- Brnschnowskhs bestätigen. Die Hauptfrage aber besteht heute darin, ob sich die Lage nach der Verkündigung der Angaben Brasul-Bruschnowskys geändert hat oder nicht. Leider muß man gestehen, daß die Lage di>e gleiche geblieben ist und der Prozeß unverändert weiter- - geführt wird. Sogar in der Neichsdnma erweckte die Anfrage über diese Angelegenheit nur Spott. Die Deputierten Purischkewitsch und Somyslowsky hatten die Kühnheit zu behaupten, die Angaben Brasul- Bruschuowfkys wären unwahr. Der Vorsitzende der Reichsduma Rodsjankv fand leinen geeigneten Vorwand und.'schloß die. -Sitzung-, um die Anfrage nicht zu.besprechen, obgleich die Wichtigkeit dieser Anfrage von Deputierten aller Richtungen anerkannt wird und viele auf eine neue Nntersuchung bestanden. Selbst die Mitglieder des Reichsrates sprachen anfangs von.-einer nenen Untersuchung, weil die neuen Mitteilungen Brafnls zuerst in der Zeitschrift „Kiewljänin" erschienen, ■ dessen Herausgeber Pichno ist, der populär'e Antisemit und Mitglied des Reichsrates. Aber obgleich der Fall heute so klar dargestellt ist wie nur möglich, selbst alle Einzelheiten benannt find, festgestellt istdaß die Mitglieder der gleichen Diebesbande 'auch den Mord an dem kleinen Tscheberjan verübt haben, hindert das alles rächt, daß Beilis den fünfzehnten Monat ine Gefängnis fitzt. Vorläufig ist auch feine Veränderung vorauszusehen. Die zwölfte Abteilung des K-iewer Kreisgerichts nimmt kein neues Verhör vor, die Verbrecher werden nicht verhaftet-, -und gestern wurde der wegen eines anderen Vergehens verhaftete Ssingajewsky wieder befreit. Es verlautete anfangs, daß der Justizm-inister Schtochegldwitow diese Ang-e'legenh-eit einer Untersuchung unterwerfen werde. Diese Nachricht erwies sich aber als unwahr. Die Kiew er Prokuratnr hat in einer Sitzung bestimmt, keine neue Untersuchung 'vorzunehmen; es ist unbekannt, was die Prokuratnr dazu bewogen hat, 'solch einen unerwarteten Entschluß zu fassen. Drei, von den Mitgliedern der Prvkuratur, Heinrichsen, Alexandrowitsch und Laschkarer waren anwesend, als die von Brasul-Bruschnowsky angegebenen Zeugen verhört wurden- und waren der Meinung, eine neue Untersuchung wäre unbedingt nötig. Zu den Angaben des Bralsul-Bruschiwwfty nnd Krassowsky ist nichts mehr beizusügen, 'und wenn diese beiden Angaben nicht vermochten, der Justiz die Augen zu öffnen, so ist wohl keine Hoffnung mehr. Vor einigen Tagen fuhr nach Petersburg eine Deputation der „echten russischen Leute", um Schtscheglowictow das Restt'ttat i'hrer eigenen, selbständigen Untersuchung vorzulegen. Auch ihrer Meinung nach ist Beilis unschuldig, .aber der Mörder Juschtschinskis sei zweifellos ein Jude. Bemerkenswert i'st die Tatsache, daß die „echten russischen Leute" die Schuldlosigkeit des Beilis einsehen, während das Ministerium sie nicht einsehen will. Die konservativen Zeitungen sind auch etwas.