Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229043--68594-3280861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kulturgemeinschaft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen undenkbar sei, und wo sie sich vollziehe, alle spezifisch jüdischen Momente notwendig der Auslösung änheimsallen müßten. Der Kulturzionismus wolle eine reinliche Scheidung der Geister; er bedeute die Rettung der geistigen Eigenart des Judentums, die durch eine Wiedergeburt einer neuen Blüte und Entwicklung entgegengeführt werden könnte. Das Unglück wollte es, daß diese Gedanken auf den Lehren der modernen Rassentheorien ausgebaut und mit den nationaljüdischen Ideen durchtränkt wurden. Es ist aber kein größerer Widerspruch denkbar, als Judentum und Rassenethik, sie komme von welcher Seite immer, weil sie den Juden als der Tod der humanen und religiösen Ethik erscheinen muß. Man fand es verdienstlich, daß die Kulturzionisten sich die Waffen der Rassentheoretiker eines Gobineau, Dühring, Chamberlain u. a. zueigen machten, um bei den entgegengesetzten Resultaten anzulangen, und so die Theorie selbst ad absurdum zu führen. Es schien ein Witz der Weltgeschichte, daß man d.en Dünkel der Auserwähltheit des jüdischen Volkes als das Verbrechen dieses Volkes hinstellte, und im gleichen Atemzuge die Auserwähltheit der blonden, germanischen Rasse verbündete, der die Weltherrschaft (bis aus weiteres) zukomme! Aber die große Masse der Juden verhielt sich dem ganzen Streite gegenüber kühl und ablehnend. Sie weiß, daß sie anderthalb Jahrtausende in deutschen Landen wohnt, demnach zu den ältesten Bestandteilen des Volkes gehört, und daß diese Zeit doch wohl genügen müsse, damit zwei Volksteile sich ineinander eingewöhnen und dem törichten Gerede vom Wirts- und Gastvolke der Boden entzogen werde. Die deutschen Juden sind zwar erst seit etwa 100 Jahren vollberechtigte Bürger der einzelnen Staaten; aber das sind die urdeutschen Leibeigenen ebenfalls; gar nicht zu gedenken der zahlreichen romanischen und slawischen Elemente im innersten Deutschland. Die Juden haben hundertfache Beweise dafür geliefert, daß sie in die deutsche Kulturgemeinschaft eingehen können und wollen. Allerdings wollen sie dabei ihr religiöses Bekenntnis bewahren. Sie verlangen, in der Pflege ihrer religiösen Ueberlieferungen und Ideale mit Wohlwollen und Verständnis geschützt zu werden. Sie erwarten davon keine Schädigung des deutschen Geisteslebens, sondern eine Mehrung des religiösen Lebens im Volke, das ja in den Bekenntnisformen so vielfach auseinanderstrebt, und dennoch einschließlich der Juden auf einem breiten, gemeinsamen Glaubensgrunde steht. Ob der Kulturzionismus zunimmt oder nicht (in dem immer auch ein gut Teil nationalen Zionismus stecken wird), das hängt nicht von den Juden allein ab; das haben vielmehr die christlichen Deutschen, und unter diesen die Kulturträger, die geistigen Führer in Staat, Gesellschaft, Literatur, Kunst und Wissenschaft in der Hand. Die Zionisten hoffen, daß diese in der Folge, wofür ja manche Anzeichen sprechen, immer energischer den sogenannten jüdischen Kultureinsluß aus dem Volksleben mit Stumps und Stiel ausrotten, und die Juden zu geistiger Isolierung zwingen werden. Die Mehrzahl-der deutschen Juden glaubt, daß das Volk eines Luther, Goethe und Kant eine andere Richtung einschlagen werde, schon allein deshalb, weil es mit dem jüdischen Volksbestandteil den älteren Teil der Bibel ganz, und den jüngeren dem ethischen Gehalte nach gemeinsam besitzt. Prophezeien wollen, ist vom Nebel. Hier entscheidet allein der Wille, und der Wille der deutschen Juden lautet klar und bestimmt auf Kulturgemeinschaft. Es bliebe noch übrig, dem Kolonisations-Zionismus einige Worte zu widmen, der die neueste Phase der Bewegung darstellt. Wir haben schon oben bemerkt: die Bestrebungen in dieser Richtung zu fördern, ist eine Ehrenpflicht der Juden gegen ihre verfolgten Glaubensbrüder; ihnen können auch nichtjüdische Menschenfreunde nur volle Zustimmung angedeihen lassen. Aber die praktische Tätigkeit der zionistischen Organisationen im heiligen Lande ist sozusagen von gestern; sie muß erst den Beweis liefern, daß sie aus dem rechten Wege ist, um zu großen Erfolgen zu gelangen. Vor der Hand ist der Zionismus in Palästina in der glücklichen Lage, zu ernten, wo er gar nicht gesät hat. Seit fast 30 Jahren gibt es eine jüdische Kolonisation im heiligen Lande; sie hat fast 30 000 Hektar des Bodens in jüdische Hände gebracht und etwa 8000 Kolonisten eine neue Heimat bereitet. Wer sich darüber unterrichten will, was nichtzionistische, deutsche Juden daran für einen Anteil haben, der lese die Berichte der „Alliance", des Hilfsvereins der deutschen Juden" und des „Esra", eines Vereins zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien, mit dem Sitze Berlin. Man wird daraus erfahren, daß es nach den ersten, verunglückten Versuchen jüdisch-russischer Flüchtlinge der Baron Edmund von Rothschild in Paris war, der die größten Opfer für dieses Kulturwerk gebracht hat, und daß erst die Millionen der Jewish Colonisation Assoziation (des sogen. I. C. A.) dieses Werk für alle Zeiten sichergestellt haben. Der zionistische „Nationalfonds" aus den Schekelgeldern beträgt heute drei Millionen Mark; alle anderen Gründungen sind noch finanziell geringfügig. Die bisherigen Kolonien haben die Zionisten erst um zwei Siedlungen, Kineret und Dagania vermehren können; der Versuch mit der Siedlungsgenossenschaft Merchawia in der Ebene Jesreel muß die Probe erst bestehen. Ein beachtenswertes Moment haben die Zionisten allerdings in die Kolonisation gebracht; d. i, wie sie es nennen, die Schaffung eines jüdischen Milieus und Gesamtgeistes. Als Mittel dazu diente ihnen die Einführng und energische Pflege des Hebräischen als Verkehrssprache, das damit zugleich zum einigenden Band für die verschiedenen jüdischen Landsmannschaften erhoben wurde, die bisher nach ihren Ursprungsländern auseinanderfielen. Hierin liegt viel Verheißung. Anderseits empfehlen sie neuerdings den Kolonisten die Aufgabe der KonMargerichtsbarkeit und den Erwerb der türkischen Staatsangehörigkeit. Ein neuer Beweis dafür, wie sehr sie sich den gegebenen Verhältnissen anpassen, und ihre älteren Pläne zurückstellen. Die deutschen Juden haben nichts dagegen, daß die jüdischen Kolonien in Palästina unter zionistischen Einfluß kommen, wenn sie dabei nur gedeihen. Auch ist es angemessen, daß dem Judentum im heiligen Land ein neues Kulturzentrum entstehe, nachdem ein solches früher einmal in Spanien, in Holland, in Deutschland, in Polen bestanden hat. Mit Genugtuung begrüßen es die westeuropäischen Juden ferner, daß Palästina wenigstens „einen kleinen.Arm des jüdischen Auswandererstromes" auszunehmen beginnt. Mögen die Zionisten ihre ganze Kraft darauf werfen,, in Palästina weiter, aber geräuschloser als bisher, ihre kolonisatorische Arbeit aus eigener Kraft oder in Verbindung mit den . übrigen jüdischen Organisationen zu leisten. Eine solche Entwicklung würde alle noch bestehenden Mißverständnisse und Vorurteile, unter denen der Zionismus nicht ohne eigne Schuld zu leiden hatte, aus dem Wege räumen und alten Teilen von Vorteil sein. Die Mache. Berlin, 2. Juli 1912. n Paris und in Genf hat man in vergangener M Woche das zweite Zentenarium der Geburt Jean Jacques Rousseaus gefeiert. Des Bürgers von Gens, wie er sich bescheiden-stolz nannte, des Weltbürgers, des für die Jahrhunderte gewaltig Fortwirkenden, wie ihn