Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 27 Berlin, 5. Juli 1912 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgen». Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße *6[*9, zu richien. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. fTttfltflft Wandlungen im Zionismus. Von Rabbiner Dr. Samuel (Essen). — Die Woche. — Wiener Brief. — Judentum und.Attkatholizismus. — Eine Hundertjährige. (Die jüdische Gemeinde in Liegnih.) Von Oberlehrer Dr. Eugen Wölbe. — Feuilleton; Die mährische Kehillah. Von Gotthard Deutsch. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Svrechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig, Aus der Provinz Posen, Darmstadt, Bruchsal, Stuttgart, Wien, Odessa. — Von Nah und Fern. Wsndlungrn im Lionismus. Von Rabbiner Dr. Samuel (Essen). u Pfingsten d. I. hielt die „Zionistische V e r e in: - gung für Deutschland" in Posen ihre 13. Tagung ab. Hauptgegenstand der Verhandlungen bildete ein Vortrag über die zionistische Palästina-Politik von, Leo Motzkin. Ueber das gleiche Thema hat Dr. Elias Auerbach, ein deutscher, in Haifa ansässiger Arzt, seine Anschauungen in einer Broschüre „Palästina als Judenland", niedergelegt.') Aus dem Geschäftsbericht geht hervor, daß die Zahl, der organisierten, deutschen Zionisten seit der letzten Tagung i. I. 1910 von 6000 auf weit über 9000 gestiegen ist. Diese Tatsache bedarf einigermaßen der Beleuchtung. Es ist richtig, daß der Zionismus in neuerer Zeit eine auffallend große Zahl Anhänger unter den deutschen Juden hinzugewonnen hat. Man könnte daher glauben,, daß er sich vermöge seiner Werbekrast und seines Wahrheitsgehalts durchgesetzt habe und noch täglich an Boden gewinnen werde. Dem ist aber nicht so. Er hat sich vielmehr so oft gemausert, und im Laufe weniger Jahre so gründlich gewandelt, daß nicht viel anderes von ihm als der Name übriggeblieben ist'. Der starke Widerstand, den der Zionismus besonders bei den deutschen Juden fand, hat ihn genötigt, aus dem Stadium poli- ' tischer Schwärmerei zu dem Positiver Arbeit überzugehen, und davon abzustehen, die Juden mit national-jüdischen Utopien zu verwirren, die Gegensätze zwischen ihnen und ihrer Umgebung zu verschärfen, und die unschuldigsten Anzeichen einer Assimilation als Verrat am Judentums zu brandmarken. Herrschte noch vor 10 und 5 Jahren in den zionistischen Versammlungen hitzige Lärm- und Streitsucht, so ist endlich eine weise Mäßigung in den Ansprüchen und eine größere Klarheit in den Zielen erreicht, und damit ein Weg zur Verständigung gefunden worden. Gegenwärtig stellt sich der Zionismus nur noch als der Retter der gehetzten, heimatlosen Juden des Ostens dar, und Pocht nicht' sowohl an das Nationalitätsgefühl, denn an die Solidarität der westeuropäischen Juden mit 9 Jüdischer Verlag, Berlin- und Leipzig 1912. ihren unglücklichen Glaubensbrüdern/ die tatsächlich, was man auch sagen möge, um ihres religiösen Bekenntnisses willen leiden. Da fast kein Tag vergeht, ohne daß die Kunde von neuen Bedrückungen und Verfolgungen zu uns herüberdränge, so ist das Anschwellen der Zahl der zionistischen Mitläufer begreiflich. Nicht wirksamer glauben diese demonstrieren und Protestieren zu können, als, indem sie sich einer tatkräftigen Rettungsgesellschaft anschließen, die einen.mäßigen Obolus genannt „Schekel" erhebt, und damit einen neuen Heimätgrund für die Verfolgten in Palästina zu erwerben trachtet. Die meisten deutschen Schekelzahler wissen ganz genau, daß auch dieser Hilfsaktion in Palästina enge Grenzen gesetzt sind, ein jüdischer Staat aber in nebelhafte Ferne gerückt ist. Sie selbst wären vielleicht auch die letzten, die diesen Staat für sich wünschen, und die Zugehörigkeit zu einer Großmacht mit der zu einem Zwergstaat vertauschen möchten. Nun hätte freilich der Zionismus seine Wandlungen nicht vollziehen können, wären nicht von vornherein mindestens drei verschiedenartige Elemente in ihm verbunden gewesen, die miteinander um die Herrschaft stritten. Der früheste, von Rußland übernommene, war der rein politische, nationale Zionismus; sein Verkünder in Westeuropa Dr. Theodor Herzl.' Dieser hat wirklich mit fremden Souveränen über die Erteilung eines Charters zur Errichtung eines jüdischen Staates verhandelt. Sein Roman „Altneuland" war ihm mehr als eine interessante Utopie. Er starb im Glauben an sich'und seine Idee, wie seine treuesten Freunde sagen, zu gelegener Zeit, um nicht die bittersten Enttäuschungen zu erleben. Keine der weltumspannenden, jüdischen Organisationen, noch in Deutschland irgendeine Synagogengemeinde, ein Vorsteheramt, ein namhafter Rabbiner schloß sich der Bewegung an; vielein verantwortlicher, leitender Stellung befindlichen Juden erhoben sogar ihre warnende Stimme. Es ist heute schon eine geschichtliche Tatsache: den politischen Zionismus lehnte die überwältigende Masse der deutschen Juden ab. Es hals nichts, daß die jüdischen Nationalisten den Zionismus mit deutscher Vaterlandsliebe für sehr wohl vereinbar ausgaben; das schlichte Gefühl sprach deutlich das Gegenteil. Es mochte angehen, dem jüdischen Nationalismus in solchen Ländern zu Huldigen,'wo eine Menge, von Nationalitäten eben notdürftig vom Staätsgedanken zusammengehalten wird. In Deutschland war es. unmöglich, da es soeben erst seine Einheit in schweren: Ringen, bei dem auch' die deutschen Juden ihren Blutzoll entrichtet, erkämpft hatte.. Deutsche Nationalität und jüdisches Religionsbekenntnis schließen, sich. gegenseitig ,n i ch j 'aus; wohl aber Deutschtum und Nationaljudentum-. Der politische Zionismus''h ä t in Deutschland keinen Boden. Etwas anders, liegt die Sache bei dem sogenannten .Kulturzionismus, dem auch Dr. Elias Auerbach eifrig das Wort redet. Ihm liegt die Ansicht zugrunde, daß eine wirkliche