Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Explösion des in Breslau auf der Wallstraße befindlichen Pulverturmes im Jahre 1749 getötet wurden und in.einem. Massengrab ihre ewige Ruhe fanden. An dem idyllischen Hirschpark und dem Mausoleum der Gutsherrschaft vorbei .führte der Weg nach dem freundlichen Oderstädtchen, wo in dem Starke'schen Saale nach der gemeinsamen.Kaffeetafel Herr Dr. B r a n n, Dozent am jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau, in Anwesenheit der zahlreich erschienen Honoratioren, des Ortes einen interessanten Vortrag über die Entstehung der Dyhernfurther Judengemeinde hielt. Mit beredten Worten schilderte er, wie im Jahre 1663 Kaiser Leopold I. dem Patronats-; Herrn Georg Abraham Freiherrn von Dhherrn „um seiner geleisteten und ersprießlichen Kriegs- und anderen Dienste willen" die Stadtgerechtigkeit mit zwei Wochen- und 4 Jahrmärkten und 1667 das! Privileg zur Errichtung einer Buchdruckerei erteilte. Der erste Pächter der Druckerei, Johann Theopil Kopydlanski, geriet bald mit der Zensur in Konflikt und mußte sein Pachtverhältnis in kurzer Zeit aufgeben, sodäß das Privileg bis 1688 nicht ausgenutzt werden konnte. Erst in diesem Jahre übernahm der berühmte Sabattai Baß, der Vater der jüdischen Bibliographie, die Pacht der Druckerei, und wurde dadurch, daß er zahlreiche Hilfskräfte heranzog, der Grüner der Dyhernsurter Judengemeinde. Schon 1689 erwarb er einen Acker zur Anlage des Friedhofes, der dadurch, daß er auch die letzte Ruhestätte der in der Umgegend bis nach Breslau wohnenden Juden. wurde, die für die Bestattung natürlich reichlich zahlen mußten, zu einer reichen Einnahmequelle für die Gemeinde wurde. Reicher Bei- : fall wurde dein Redner zuteil, der sich noch steigerte, als Herr Rabbiner Dr. Kl u eg er in begeisterten Worten auf das geradezu vorbildliche friedliche Verhältnis der Konfessionen in Dyhernfurth hinwies. Hierauf begaben sich die Festteilnehmer, begleitet von den Ehrengästen nach der Synagoge, in der Herr Kantor Kochanvwski den Festgottesdienst zelebrierte und mit einem Gebete für den Landesherrn schloß. Fröhliche Geselligkeit hielt die Vereinsmitglieder und Gäste, bei denen die Veranstaltung einen unauslöschlichen Eindruck hinterließ, zusammen, und nur allzufrüh schlug die Stunde des Abschieds von dem freundlichen Städtchen und seinen liebenswürdigen Einwohnern für die Erwachsenen und die Kinder, die unter der Leitung des Herrn Max G r o w a l d den Marktplatz, welchen der Herr Bürgermeister Der Stadt Dyhernfurth für diesen Zweck sreui.blichst angewiesen hatte, für ihre lustigen Spiele gewählt hatten. M. Hamburg, 21. Juni. Der Israelitische Unterst ützungsverein für Obdachlose hielt seine diesjährige Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Rechtsanwalt I o^n Alexander ab. Der Vorsitzende hob. bei der Erstattung Ns Jahresberichts hervor, daß der Verein sich in Würdigung der Notwendigkeit eines Zusammenschlusses und gemeinsamen Arbeitens aller Fremdenkassen Deutschlands der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wauderarmensürsorge angeschlossen habe. Der Verein bildet zusammen mit der Fremdenpslege Hamburgs die hiesige Provinzialkasse. Durch den Zusammenschluß wurde erreicht, daß weniger unnütze Bahnfahrten . geinacht werden, daß gewerbsmäßige Bettler, ausgefchalter werden können, dagegen die ein Ziel verfolgenden Wanderer es schneller und würdiger erreichen und ebenso Frauen, Kindern und Kranken schneller und wirksamer geholfen wird. Was nun die spezielle Tätigkeit des Vereins anbelange, so wurden im verflossenen Jahre in den Auswandererhallen an 17 310 jüdische Auswanderer 55 075 Portivnen Mittagessen aus der rituellen Küche verabfolgt, während im Daniel-Wormser-Haus 1764 Personen in 3770 Fällen Nachtlager erhielten; außerdem wurden dort 4228 Portionen Frühstück sowie 5712 Portionen Mittagessen und 5744 Portionen Abendessen verabreicht. Des weiteren erhielten aus dem Bekleidungssonds des Vereins 4 3 2 6 P e r s o n e n warme Kleidung und 885 Personen erhielten eine Reiseunterstützung. Im Krankenhause wurden aus dem Baronin- Hirsch-Krankensonds 33 Personen 374 Tage für Rechnung des Vereins verpflegt. Eine derartige ausgedehnte Wirksamkeit des Vereins er-' forderte, naturgemäß größere Aufwendungen, und so beliefen sich unter anderem die Ausgaben auf Reiseunterstützungskonto aus 3432 Mark. Die Aufsicht aus den Aüswandererschifsen für rituelle Beköstigung erforderte eine'Ausgabe von 5227 Mark, während die Unkosten in den Auswandererhallen sich aus 3032 Mark und im Daniel- Wormser-Haus sich aus 9091 Mark bezifferten. Die Gesamtausgaben des Vereins beliefen sich aus rund 25 000 Mark. Der Vorsitzende ersuchte die Anwesenden, für Vermehrung der regelmäßigen Einnahmen zu sorgen, damit der Verein auch ferner in der Lage sei, seine segensreiche Tätigkeit ungeschwächt fortsetzen zu können. — Haisperstavt, 21. Juni. Auf Anregung der V e r e n dL e h m a n n- Loge hat sich hier eine Vereinigung gebildet, die einen Lehrkursus zur praktischen und theoretischen Erlernung der. Landwirtschaft ins Leben gerufen hat, der am 1. Oktober 1912 seinen Anfang nehmen soll. Die Verwirklichung der erstrebten Ausgaben ist in folgender Weise gedacht: Die Ausbildung der Lehrlinge erfolgt auf einem Gut in der Nähe der Stadt Halberstadt .im praktischer und zuverlässiger Weise. Der Kursus ist auf eine zweijährige Dauer berechnet. Nach beendeter Lehrzeit sollen die jungen Leu.te.aus einer eigenen Pachtung unserer Vereinigung weiter gegen Lohn beschäftigt werden, bis sie eine selbständige Wirtschaft zu, führen imstande sind. Dann soll ihnen Gelegenheit geboten werden, eine eigene Ansiedlungswirtschaft zu -erwerben, voraussichtlich im Osten des Reiches in der Provinz Westpreußen. Finanzielle Unterstützung hierzu wird in Aussicht gestellt 2. Hannover, 21. Juni. Die Verwaltung der Jsr-aeli fischen Erziehungsanstalt zu Ahlem versendet soeben den Bericht über die Jahre 1910 und 1911. Der Bericht gedenkt zunächst mit anerkennenden Worten der in den letzten beiden Jahren verstorbenen Freunde und Mitarbeiter, insbesondere der Herren Martin Leb recht in Nürnberg und Eduard Cohn in Frankfurt a. M., die seit Errichtung der Anstalt dem Kuratorium angehört und an dem Ausbau der Anstalt regen Anteil genommen haben. Ferner wird mitgeteilt, daß folgende Herren in das Kuratorium neu eingetreten sind: Kommerzienrat Louis Feist, Bernhard Kahn und Theodor Heinrich Schlesinger, Frankfurt a. M., Paul L a s k e r, Rechts- , anwalt Dr. Julius L i p p m a n n, Dr. Fritz M. Marburg, Hamburg, Schuldirektor M. Gombrich und Kommerzienrat Ludwig Metzger, Nürnberg und Otto Wolfs, Darmstadt. Neue Lokalkomitees wurden errichtet in Dortmund und Gleiwitz. Die Anzahl der Zöglinge im Knabenhaus betrug Ende 1911 64 Lehrlinge und 37 Schüler. Aus der Schülerabteilung (Kinder unter 14 Jahren) sind bisher 173 Zöglinge, die verschiedene Berufe ergriffen, entlassen. Die Gesamtzahl der bislang in der Lehrlingsabteilung ausgebildeten Gehilfen beträgt 192, darunter 179 Gärtner. Von diesen sind 72 in Deutschland, 7 in Oesterreich, 4 in Palästina, einer in Deutsch-Neuguinea als Farmverwalter, einer in England, 32 in Amerika und 4 In Rußland. Die Zahl der Zöglinge im Mädchenhaus betrug Ende 1911 22 Kinder und 30 Haushaltungszöglinge. Insgesamt kamen aus dem Mädchenhaus bisher zur Entlassung: a) nach beendeter Schulzeit 48 Schulkinder, b) nach völliger Ausbildung im Hausbaltüngskursus 57 Haushaltungsschülerinnen, von denen ein Teil im elterlichen, ein zweiter in fremden Haushaltungen tätig ist. Von den im Jahre 1907 aufgenommenen Pogrom-Waisen sind zwei in ihre Heimat entlassen. Von den verbliebenen arbeiten zwei Knaben als Gärtnerlehrlinge und ein. Mädchen als Haushaltungslehrling, während drei Mädchen Schülerinnen der oberen Klasse der Anstaltsschule sind. Die Einnahmen im Jahre 1911 betrugen 125 400 Mark, die Ausgaben 127 500 Mark. Der Bericht schließt mit der herzlichen Bitte an . Freunde und Gönner, in allen Kreisen werben zu wollen für die Ah- . lemer Anstalt, die nach den Worten ihres unvergeßlichen Stifters Konsul Simon ein Gemeingut des Judentums werden soll. J. Frankfurt a. M., 21. Juni. Außerordentlich lehrreich und instruktiv ist, wie immer, auch der diesjährige Bericht des P h i l a n - 11) ropin, der Realschule und des Lyzeums unserer Gemeinde. Der Lehrkörper dieser unter der Leitung des Herrn Direktor Dr. Adler stehenden Schule der Gemeinde besteht aus 21 Lehrkräften. Neu eingetreteu im Schuljahr 1911/12 sind Herr Siegmund Rothschild, Kandidat Gustav König (zur Ableistung des Probejahres) und Fräulein Florence Horkheime r. Das 25jührige Jubiläum 'einer Lehrtätigkeit am Philanthropin beging am 17. Septemebr vorigen Jahres Herr Oberlehrer Professor Dr. Oswald Cohn .unter, zahlreichen . verdienten Ehrungen seitens, der Schule wie der Behörden. Die Zahl der Schüler der .Realschule belief sich am 1. Februar d. I. auf 334, die Schüler der Vorschule auf 134. Nicht alle Schüler gehörten dem Judentume an.. In der Realschule waren drei Schüler evangelischen, ebensoviel katholischen Bekenntnisses und zwei.. Dissidenten. Auch unter den Schülern der Vorschule waren zwei evangelische und ein Dissident, Unter den insgesamt 367 Schülern (Realschule und Vorschule zusammen) waren 17 Kinder von Nichtreichsangehörigen. Das siebenstufige Lyzeinn wies am Anfang des Sommerhalbjahres 1911 eine Frequenz-von 160, die Vorschule weitere 93 Schülerinnen, insgesamt also 243 aus. Am 1. Februar d. I. betrugen die Ziffern 147 1 und 93, also insgesamt 240, darunter nur eine Dissidentin und eine