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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-28 · Heft 26 (28.6.1912) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 26 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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zur Beschau ausgestellt haben, die nicht wenig bewundert werden. Zum Schlüße mag hier noch die Tatsache erwähnt werden, daß nämlich der bekannte Novellist Zan g w i l l im Londoner Ghetto geboren und erzogen wurde, unddaß der jetzige Justizminister von England Sir Rusus Jsaacs deselbst in seinen Jugendjahren den Talmud studiert hat.; Me mshnlchr Srhillsh. Erlebtes und Erzähltes aus halbvergangenen Tagen.. Von Gotth ard Deutsch. I. äüm einer von hundert Lesern der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" dürste sich viel dabei gedacht haben, als er die Nachricht las, daß der Rabbiner Josua Weiß in Pohrlitz am 27. Mai d. I. im Alter von 83 Jahren nach fast 59jähriger Wirksamkeit aus dem Leben geschieden sei. Für mich bedeutete es mehr. Ich kannte den Mann, und manche meiner teuersten Jugenderinnerungen sind mit seinem lokalen Milieu verknüpft. Als ein kleiner Junge wurde ich bei einem festlichen Anlässe, etwa am Chol Hamoed, oder sonst, wenn ich recht brav gewesen war, was vielleicht auch nicht viel häufiger als einmal im Jahre sich ereignete, von meinem Vater auf einem schlichten Bauernwagen nach Pohrlitz mitgenommen. Eine Eisenbahn gab es damals weder in Kanitz, meinem Geburtsorte, noch in dem etwas weniger als eine deutsche Meile entfernten Pohrlitz. Dann-wurde ich aus dem Chummesch „verhört", und zog in der Regel gegenüber dem ältesten Sohne des Rabbiners, meinem Altersgenossen, gegenwärtig Arzt in Brünn, den kürzeren. Nachher gab es doch zur Aufmunterung in dem heiligen Studium ein Viertel einer Apfelsine, in der eisenbahnlosen Zeit natürlich eine seltene Delikatesse, oder ein „koscher Küchel". Es ist mir aber gar nicht darum zu tun, meinem künftigen Biographen Quellenmaterial zu bieten, sondern einzig und allein ein Stückchen Kulturgeschichte aus noch frischer Erinnerung zu schreiben. Nur so ganz nebenbei sei auch ein Stückchen Quellenkritik gegeben. Die Notiz in Nr. 23 sagte, Rabbiner Weiß sei über 50 Jahre in Pohrlitz im Amte gewesen und sei dahin von „Jewitsch" berufen worden, wo er auf Dr. Schmiedel folgte, der von dort nach Sechshaus berufen worden sei. Nun trat Weiß erst am 2. September 1862 sein Amt als Rabbiner in Pohrlitz an; er folgte auch nicht unmittelbar auf Schmiedel im Amte, der Gewitsch — nicht Jewitsch — schon 1849 verließ und von Proßnitz nach Gechshaus berufen wurde. Auch auf diese Kleinigkeiten kommt es mir nur insofern an, als sie den Beweis liefern, wie schwer es ist, selbst aus unzweifelhaft zeitgenössischen Quellen exakte Information auch nur über Tatsachen, geschweige über geistige Vorgänge, zu holen. Das sei eine „Apologia pro Vita moa", denn in der Zeitschrift für hebräische Bibliographie wurde ich einmal „Räuber und Mörder" genannt, weil ich eine solche ketzerische Anschauung in meiner „Theory of Oral Tradition", Cincinnati 1896, vorgetragen hatte. Ich konnte mich aber leider trotz der. mir in Aussicht' gestellten Höllenstrasen noch nicht davon überzeugen, daß die biographischen Notizen in der talmudischen Literatur, deren Zeitgenössigkeit sich in keinem einzelnen Falle beweisen läßt, als sicher angenommen werden können. Hat etwa R. Meir wirklich die ihm im Talmud (Menachot 43, b) zugeschriebene Aeußerung getan, daß er täglich »seinem Schöpfer dafür danke, daß er ihn nicht als Heiden, als Weib und als Barbaren erschaffen habe, wenn von Sokrates und Plato beinahe wörtlich das gleiche erzählt wird*), oder handelt es sich nicht in dem einen wie in dem anderen Falle um ein Bonmot, das in jedem nationalen Milieu einer anderen populären Persönlichkeit zugeschrieben wird? Darin liegt nach meiner Meinung der Rechenfehler der' grundgelehrten Arbeit von Krauß über Antoninus'), die eine kleine Literatur hervorgerusen hat. Es ist nach meiner Meinung Wasser in ein Sieb geschöpft, wenn man sich bemüht, die historischen Widersprüche in den talntzrdischen Quellen zu lösen und den wirklichen Antoninus zu entdecken. Die Volkssäge hat für ihre Zwecke zwei populäre Gestalten, einen hervorragenden Juden und einen hervorragenden Römer gebraucht und hat sie da genommen, wo sie am besten den gewünschten Typus zu repräsentieren ’ schienen. Allerdings wäre es geschickter gewesen, durch chronologische Genauigkeit die Erzählung wasserdicht zu machen. 'Dazu nimmt sich aber die sagendichtende Volksseele selten die Zeit. Ich habe erst im vorigen Jahre einen solchen Fall nachgewiesen. Die „Welt" veröffentlichte in einer Herzl-Gedenknummer* 2 3 *) einen Brief von Herzls Onkel, der erzählt, wie sein Neffe bei der Barmizwahseier eine Rede gehalten habe, die den anwesendn Oberrabbiner tief ergriffen hätte und die in dem Vorsatze ausklang, daß er einmal für das jüdische Volk etwas Großes unternehmen wolle. Ich wies nach*), daß die Geschichte sich nicht so zugetragen haben könne, da Herzl erst im Jahre 1873 Bar Mizwah wurde und Meisel schork 1867 gestorben war. Ich wies ferner daraus hin, daß Herzl, wie er selbst erzählt 5), als Student noch ein Deutsch-Nationaler war, und wie ich, der ihn damals persönlich kannte, weiß, dem Judentum kalt gegenüberstand. Den chronologischen Lapsus konnte die Redaktion der „Welt" nicht leugnen, fügte aber dafür die bequemste aller Widerlegungen hinzu, daß ich die ganze Sache mißverstanden habe. Etwas fürchterlicher wurde ich schon, als ich mir gestatete, auf einen anderen Lapsus aufmerksam zu machen. Der radikale New Porker Rabbiner Stephen S. Wise hatte sich mit einigen freisinnigen christlichen Gemeinden zu einem gemeinsamen Sonntagabendgottesdienste verbunden. Die „Welt"") registrierte diese Tatsache mit der Bemerkung: „Eine echt amerikanische Prachtblüte assimilatorischen Geistes". Ich wies' nun in einem Briefe daraus hin, daß der „Assimilant" Wise noch vor wenigen Jahren ein eifriger Zionist, ja Sekretär des amerikanischen Zionistenbundes war. Die Antwort war eisiges Schweigen. Nun ist es aber interessant, daß das Jahrbuch Achiasaf, 5660, S. 394, Warschau 1900, von dem verstorbenen Jsaac M. Wise erzählt, er habe noch kurz vor seinem Tode einen zionistischen Artikel veröffentlicht. Nun war Jsaac M. Wise der ausgesprochenste Anti-Zionist, der wiederholt den Ausspruch getan hat: „Amerika ist unser Palästina und Washington unser Jerusalem". Der Verfasser des Nekrologs in „Achiasaf" hatte offenbar Jsaac M. Wise mit Stephen S. Wise' verwechselt. Der „Welt" sind schon wiederholt derartige Verstöße passiert. Von dem am 15. Dezember 1904 verstorbenen russischen Physiologen Noah I. Bakst erzählt sie (1905, Nr. 1), daß er „bis zu seinem letzten Atemzuge an die Wiedergeburt des jüdischen Volkes" glaubte. Hingegen berichtet das Tageblatt, „Der Fraind" (1904, Nr. 276) von Bakst: „Noch seine Ideen noch is er gewen einer vun die alte Maskilim. Die neue Rich- Diogenes I, 1, 17; Kaufmann: Monatsschr. f. G. u. W. d. I. 37 (1893) 14—17. , 2) Samuel Kraus: Antoninus und Rabbi. Wien, 1910. 3) 1910, S. 458. . Y ch.. S. 691. ■ 5) Zionistische Schriften, S. 16. °) 1910, S. 804. ' '

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