Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- Seite 310 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Briet aus London. Von Dr. I Chotzner. er von den Lesern dieser Blätter kennt Nicht wenigstens dem Namen nach Zangwills weitberühmtes Buch, das vor einigen Jahren unter' dem Titel „Children of the Ghetto" hier erschienen ist? Für dieselben Leser wird es Wohl von einigem Interesse sein, folgende Skizze zu lesen, die eine Schilderung von zwei Gegenständen enthält, welche mit dem Londoner jüdischen Gemeindeleben, wie es namentlich im östlichen Teile der englischen Metropole zum Vorschein tritt, eine intime Verbindung haben. Es sind dies: das Londoner „Ghetto" und die Londoner „Jewish Free School", welche letztere jüdische Lehranstalt, in bezug aus die Anzahl der Schüler und Schülerinnen, die sie besuchen, als die größte her Welt bezeichnet werden kann. Das Londoner Ghetto ist eine kleine Welt in sich selbst, und ist auch von einer eigenartigen Natur.. Es umsaßt eine Reihe von breiten Straßen und langen, engen Gassen, wovon einige recht schöne und schattenreiche Bäume auszuweisen haben. In dieser kleinen Welt wimmelte es Tag und Nacht zum großen Teil von Glaubensgenossen beiderlei Geschlechts, wovon die meisten aus dem intoleranten Rußland geflüchtet sind und sich hier ansässig gemacht haben. Verschiedene dieser Immigranten, namentlich solche, die noch jung und nicht wasserscheu sind, sehen recht schön und interessant aus und könnten einem kunstgeübten Maler zu anziehenden, Modellen dienen. Manche von ihnen, die männlichen Geschlechtes sind, Haben anfangs Mittel zur Erlangung einer Existenz sich hier verschafft, indem sie in verschiedenen Straßenecken des hiesigen Ghetto drei „koschere" Zitronen für zehn Pfennig feilgeboten haben. Im Laufe der Zeit aber haben sie in pekuniärer Hinsicht wesentliche Fortschritte gemacht, denn es gibt darunter einzelne, die jetzt mit Juwelen handeln. Zu diesem Fortschritte-hat ihnen wohl eine seit dem Jahre 1859 hier bestehende jüdische Wohltätigkeitsanstalt verholsen, die unter dem Namen „The Jewish Boon of Guardians"-hier allgemein bekannt ist. Diese gewährt nämlich jüdischen Hilfsbedürftigen kleine, zinsfreie Anleihen, wodurch sie in den Stand gesetzt werden, einen kleinen Handel zu treiben, wovon fte sich und ihre oft zahlreiche Familie in bescheidener Weise ernähren können. Die Einwohner des Londoner. Ghetto — natürlich ist hier bloß von den daselbst wohnenden Glaubensgenossen die Rede — sind in ‘•her Regel von optimistischer Natur und guter Laune, selbst solche unter ihnen, die nicht wissen, wo sie sich am folgenden Tag ihren - Lebensbedarf verschaffen können. Dafür lassen sie den lieben Herrgott sorgen, der, wie sie in recht schelmischer Weise sagen, in seiner großen Allweisheit für sein auserwähltes Volk nicht allein viele Festtage, sondern auch viele Fa st t a g e verordnet habe, damit es das Gleichgewicht im Leben nicht verliere. Auch wissen sie ganz gut aus Erfahrung, daß ihre hiesigen wohlhabenden Glaubensgenossen stets bereit sind, ihnen Hilfe angedeihen zu lassen, wenn eine solche wirklich nötig ist. Vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, sind die fraglichen „Kinder des Ghetto" von verschiedener Färbung. Die meisten sind natürlich höchst orthodox und vermeiden es z. B. an Sabbat- und Festtagen einen Regenschirm zu tragen oder eine Haarbürste zu gebrauchen. Viele von ihnenaber, und namentlich solche, die der jüngeren Generation angehören, sind von dem freien Zeitgeiste nicht unberührt geblieben, so daß sie in jüdisch-religiösen Dingen viel freier denken, als ihre bereits bejahrten Väter und Mütter es tun. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß unter diesen „Kindern des Ghetto" mehrere sind, und namentlich solche, die dem weiblichen Geschlecht angehören," die ein hohes Lebensalter erreicht haben. So erzählt man sich z. B., daß vor kurzem eine achtzigjährige jüdische Matrone, die im hiesigen. Ghetto lebt, von einer gleichjährigen Nachbarin von ihr zum Kaffeeklatsch eingeladen wurde. Darauf soll erstere geantwortet haben: „Warte doch, liebe Sarah, bis ich von meiner Mama die Erlaubnis zum Aüsgehen erhalten habe." Diese alte Matrone ist nämlich noch unverheiratet und steht daher noch unter Aussicht ihrer hundertjährigen Mutter. . Nebst den vielen arbeitsamen und ehrlichen Glaubensgenossen, die im Londoner Ghetto leben, gibt es auch manche unverschämte „Schnorrer", von denen einzelne auch recht witzig, sind/ Einer der letzteren soll jüngst von einem wohlhabenden jüdischen Nachbar eine Geldunterstützung verlangt haben, da, wie er sagte, er nach Ostende reisen wollte, um daselbst Seebäder zu nehmen. Als der Nachbar dem Schnorrer gegenüber bemerkte, daß er Seebäder billiger in England als in dem weitgelegenen und kostspieligen Ostende haben könnte, soll dieser geantwortet haben: -,Erlauben Sie mir die Bemerkung zu machen, daß da, wo meine Gesundheit und Bequemlichkeit es erfordert, Geld bei mir keine Rolle spielt." Solche und derartige Schnorrer sind es auch, die für Geld und gute Worte sich taufen lassen. Dies tun sie aber zu verschiedenen Malen in verschiedenen Städten des Landes, nachdem sie sich neue Namen beigelegt hatten.. Zuweilen gelingt es einem solchen Täufling, in einer weitgelegenen kleinen jüdischen Gemeinde,, die aus Immigranten besteht, während der jüdischen hohen Feiertage als Hilssvorbeter zu fungieren. Obschon die Einwohner des Londoner Ghetto keineswegs als makellos bezeichnet werden können, so kannman ihnen jedoch den Besitz von vielen Tugenden nicht absprechen. Was sie besonders aüszeichnet, ist der Umstand, daß sie ein inniges Familienleben führen, und namentlich eine große Sorge für die Erziehung der Kinder bekunden. Diese erhalten letztere fast ausschließlich in der oben bereits erwähnten „Jewish Free School", die, wie früher ebenfalls schon bemerkt wurde, die größte der Welt ist, und zwar unter solchen Lehranstalten, die von gleicher Beschaffenheit sind. Die in Rede stehende Schule, welche, nebenbei bemerkt, jetzt unter Aufsicht der englischen Regierung steht, ist vor. etwa 140 Jahren als eine sogenannte ,.Talmud-Thora"-Schule ins Leben gerufen worden, und die Zahl der Schüler, die sie anfangs besuchten, war äußerst klein. Jetzt aber wird dieselbe Schule von etwa 3000 jüdischen Knaben und Mädchen regelmäßig besucht, und der Unterricht, den sie daselbst erhalten, ist von höchst praktischer Natur, indem er aus die heilsame Entwicklung ihres Geistes und ihres Körpers wesentlich und vorteilhaft einwirkt. Dieser Unterricht hat natürlich den Zweck, den Zöglingen der fraglichen Schule die Möglichkeit zu verschaffen, sich im späteren Leben eine unabhängige und ehrenvolle Existenz zu verschaffen, und dieser Zweck wird von ihnen in den meisten Fällen auch wirklich erreicht. Es ist eine höchst interessante Tatsache, daß diese Zöglinge, die meist die Kinder von hier eingewanderten russischen Juden sind, jetzt in den verschiedenen Teilen des britischen Weltreiches Stellungen bekleiden, die recht wünschenswert erscheinen. Einzelne von ihnen haben sich hier und da in manchen englischen Universitäten und aus dem Gebiete der schönen Künste und b e 11 e s 1 e 11 r e s recht sehr ausgezeichnet. Das Londoner Ghetto ist demnach eine Pflanzstätte, worin verschiedene jüdische Personen beiderlei Geschlechts ihre natürlichen Anlagen zur Kunst, Wissenschaft und Poesie' nach und nach entwickeln und oft auch zum Vorschein, treten lassen. Dasselbe hat augenblicklich ein Opernhaus aufzuweisen, wo jüdische Sänger und Sängerinnen beweisen, daß sie große Talente in der Tonkunst besitzen. Daselbst findet sich auch manche Bildergalerie,/wo jüdische Künstler einige ihrer Kunstwerke