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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-28 · Heft 26 (28.6.1912) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 26 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
Seite 307 (sequence 7)
Language
German
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307 sögen, korrelative Spannung aufgehoben, die ständig zwilchen zwei berechtigten und notwendigen Kulturgebieten herrschen muß und Niemals verkümmert werden darf. So entsteht deshalb für den am Geiste der Kultur orientierten Vertreter der Religion die Frage: Wie laßt sich die Einheit der Kultur oder die Einheit von" Geist und Natur bei der Einheit des Göttesbegriffes erhalten? Wie kann ich Gott als einen kulturnotwendigen Begriff fordern, ohne daß dadurch jene gefährlichen Konsequenzen eintreten, denen der Spinozismus anheimfiel?. Diese Frage wurde von Kant nicht gelöst; denn sein Gottesbegriff ist. im Grunde genommen ein Unterbegriff der Ethik. Er stellt günstigenfalls das sittliche Ideal dar, das aber niemals mit dem philosophischen Gottesbegrifs identifiziert werden darf; denn das Ideal gehört ausschließlich dem Gebiete der Ethik oder der Aesthetik an, niemals aber dep Grenze, welche die Logik von der Ethik trennt. So bleibt also immer, noch die Frage bestehen, welcher Begriff steht uns zur Verfügung, der ebensosehr die Einheit von Logik und Ethik als auch ihre unendliche V e rschiedenheit fordert? Und dieser Begriff ist der Begriff der Gottesidee — wie Cohen ihn formuliert. Die Gottesidee bedeutet, daß zwischen Logik und Ethik, zwischen Natur und Sittlichkeit, gemäß dem Ausgabencharakter l der Idee, ein ewiger restloser Ausgleich stattzufinden hat. Wenn aber dieser restlose Ausgleich eine ewige Ausgabe bedeutet, so dürfen diese beiden Gebiete niemals — wie dies bei Spinoza der Fall ist — miteinander identifiziert werden: Die Ewigkeit der Aufgabe schließt die empirische Lösung der Aufgabe aus. Was aber kann dann Gott noch bedeuten? Er ist die ewige Har m oni'e, die zwischen beiden Gebieten waltet; jene Harmonie, dje uns sagt, daß ebensowenig die Natur jemals von der Ethik verschlungen werden darf, wie die Ethik von der Natur, sondern daß nur eine ewige Angleichung und Annäh er u n g zwischen beiden Gebieten sein kann und sein darf. Diese Möglichkeit der unendlichen Annäherung, die im Grunde genommen nur eine philosophische Rechtferti g u n g de s Pr ophetischen Messiasbegrifses ist — diese Annäherung verbürgt der philosophische Gottesbegriff Cohens. Demnach heißt auch hier das Verhältnis: Keine Logik ohne Ethik; kejne Ethik ohne Logik. Keine Verwirklichung, das heißt E l imfnier ung d er SPa n n u n g, sondern eine ewige Versphnung. Die Versöhnung aber involviert doch ein Ueber- 9£ wicht des Ethischen, insofern ja das Ethische eine Meisterppg und Bezwingung der naturgesetzlichen Kausalität bedeutet. Sonach ist der Inhalt des Gottesbegrifses zu formulieren:. Aussöhnung der Ethik mit der Logik unter der Modifikation, daß die Ethik stets das Prävalierende Moment enthalt. ■' Diese Prävalenz der Ethik aber ist in dem Satze enthüllen: das Gute siegt, das Gute wird am Ende d'Vtz Tage am Horizonte der Me n s ch h e i t s g e - schlich t e h e r a u fd ä m m e r n. So ist nunmehr der GottesbdHriff,' nicht wie bei Spinoza, der Ausgangspunkt der Philosophie, sondern das Ziel, die Vollendung. Er ist aber auch das notwe n d i g e Ziel; denn nur durch Anerkennung seiner Position wird ebensosehr die Einheit der Verschiedenheit wie die V e r s ch i e d e n h e i t der Einheit gefordert und gerettet. In gleicher Weise wird nun auch dieses Prinzip auf dem Gebiete der A e st h e t i k als schöpferisch erwiesen; denn auch hier darf Niemals eine völlige Ausschaltung der Natur oder der Ethik bei der Bildung künstlerischer Formen erfolgen, sondern auch hier muß in jedem künstlerischen Gebilde ein ewiges SpannungsVerhältnis zwischen Natur und Ethik sich geltend machen; nur daß-hier nicht die Ethik, wie aus dem Gebiete der von der Gottesidee bestimmten Religion, die Prävalenz hat> sondern daß die Prävalenz bald auf seiten der Natur bald aus seiten der Ethik zu suchen ist. s So dürfte aus diesen kurz skizzierten Problemen hervorgehen, daß die Eohensche Philosophie ebensosehr der unendlichen Vielheit der Welt- und Geistesprobleme wie deren Zurückführung auf einen einheitlichen G r u n d entspricht, und daß somit von seiten dieser Philosophie alles das geleistet ist, was „billigerweise von einer Philosophie geleistet werden kann." Besonders fruchtbar aber zeigt sich die geschlossene Einheit des Systems für die geschichtliche Betrachtung der philosophischen Probleme. Es kann sich hierbei nicht mehr um ein einfaches Registrieren und psychologisches Nachempfinden handeln, sondern um eine Beurteilung nach dem Maßstabe des Systems, welches allein als das logisch fundierte gelten kann. Dadurch erst erhalten alle Philosophen ihren bestimmten Platz in der Geschichte des Denkens, insofern sie alle einen bestimmten Beitrag für den Aufbau jenes Systems liefern, das in den Klassikern des Denkens seine höchste Entwicklung erreicht. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, hat Coh'en, Plato, Leibniz und Kant jene Stelle in der Geschichte des Denkens erobert, die ihnen kraft der Originalität ihrer Gedanken zugesprochen werden muß. Von diesem Gesichtspunkte geleitet, hat er auch endlich den jüdischen Religionsphilosophen in dem allgemeinen Prozeß der kulturellen Entwicklung ihre Stellung und ihren Wert bestimmt. Ihre Systeme sind in die. allgemeine Kette der philosophischen Probleme eingegliedert und sind ebensosehr bestimmend für die Weiterentwicklung des Bewußtseins wie die aller anderen Denker. Besonders Maimonides kommt hierdurch in das philosophiegeschichtliche Verhältnis. Auf der einen Seite vermag Cohen Maimonides als den Schüler Plato s zu charakterisieren, insofern in dem attributenlosen Gotte Maimunis der Ursprung des wahren Seins bezeichnet wird, wie auch bei Plato in dem Nichtsein die Quelle des wahren und reinen Seins entdeckt wird; auf der anderen Seite aber wird Maimonides auch wiederum zu K a n t in Beziehung gesetzt, indem gezeigt wird, daß auch er wie Kant das Sittliche, die Wege Gottes, als die Bekrönung aller natürlichen Erkenntnis wertet. In ähnlicher Weise versucht Cohen auch B a ch j a zu interpretieren, indem er die bei Bachja geforderte Einheit d e s H e r z e n s, der Einheit des Individuums als der Einheit des Menschen gleichfetzt. Wenn nun aber gerade die Philosophen die kulturellen Marksteine einer jeden Gemeinschaft, also auch der r e l i g i ö s e n bezeichnen, so wird durch die richtige Wertung ihres Denkens auch der religiöse Hintergrund charakterisiert, von dem sie sich leuchtend abheben, und so wird bei Cohen auch von diesem Gesichtspunkt aus wiederum das Judentum in jene Perspektive gerückt, die wir als die Kontinuität der Kultur bezeichnen. Man hat öfters behauptet, unsere Kultur stelle eine Vereinigung des römischen, hellenischen und jüdischen Geistes dar. Den philosophischen Beweis dieser Behauptung hat Cohen durch seine systematische und historische Arbeit geliefert. In seinen Schöpfungen gehen die erwähnten Kulturströmungen eine Verbindung ein, wie sie tiefer, klarer und harmonischer nicht erzeugt werden kann. tzermsnn Cohens „flrlthetik".'' inem Gefeierten bietet man den besten Glückwunsch, in dem man von seinen Werken redet. Und so mag die Gratulation, die der Herausgeber dieses Blattes dem Jubilar darbringt, nachdem zwei andere Berufene das Wort ergriffen haben, darin bestehen, daß er die Leser auf ein Werk hinweist, i) System der.Philosophie. Dritter Teil: Aesthetik des reinen Gefühls von Hermann Cohen, Professor an der Universität Marburg. Erster und zweiter Band. Berlin, Bruno Cassiver. 1912.

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