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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-28 · Heft 26 (28.6.1912) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 26 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
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- 306 - ohne Vereinigung. Nur dadurch, daß diese beiden Begriffe eine unauflösliche Korrelation eingehen, wird die Verschiedenheit ebenso sehr als eine unendliche Aufgabe und Forderung hingestellt wie die Einheit. Damit ist freilich erst die philosophische Ausgabe formuliert; wie löst sich nun diese Aufgabe? Bei der Lösung ist stets darauf zu achten, daß nicht nur unter den einzelnen Bewußtseinsrichtungen dieses konstante Spannungsverhältnis zwischen Sonderung und Hereinigung aufrechterhalten bleibt, sondern auch in jedem einzelnen Gebiete des Seins, der Forschung, daß immer diesen kori: elaten Forderungen entsprochen wirö^Erst wenn diese Aufgabe erfüllt ist, ist der Beweis dafür erbracht, daß das Sein in seiner Gesamtheit und in seinen Verästelungen einzig und allein auf das Denkprinzip zurückgeht: ohneEinheit keine Sonderung und ohne Sonderung keine Ein heit. Durch dieses Prinzip nun ist der Ursprung des gesamten Seins aus dem Denken abgeleitet, bildet das Denken den Grund des Geistes und der Natur. Wie begründet nun Cohen diese Formulierung? Durch sein Zurückgehen auf P l a t o, L e i b n i z und K a n t kann er diese Theorie natürlich nur im Sinne der transzendentalen Methode fundamentieren. Das Wesen dieser Methode aber besteht darin, daß kein Prinzip als Denkformel aufgestellt werden darf, das'sich nicht bereits in der Konstituierung einer bestimmten Kulturtatsache, eines bestimmten Kultursaktums fruchtbar erwiesen hat. So muß Cohen also den Nachweis erbringen, daß sein Ursprungsprinzip sowohl in der Logik der Naturwissenschaft als auch in der Ethik und in der A e st h e t i k einerseits und in der Zusammenfassung aller drei Wissenschaften anderseits die treibende Kraft bildet. Zunächst die Logik. Ihre eigentliche Aktionsbasis ist die Mathematik, oder genauer die mathematische Naturwissenschaft. Hier muß es gelingen, die Ursprungselemente dieser Wissenschaft aus dem Denken abzuleiten, das Denken in der Erzeugung der Naturgesetze zu r e a l i s i e r e n. Und dies gelingt -Cohen dadurch, daß er die-Z a h l als das Element der Mathematik auf jenes Ursprungsgesetz zurücksührt, das in Oer Korrelation zwischen Einheit und Verschiedenheit sein Wesen entfaltet. Die ideale Zahl ist keine gegebene Größe, sondern sie ist der U r t yp jener Aufgabe, die eben in der ständigen Sonderung die Vereinigung und in der st ä n d i g e n Vereinigung die Sonderung bedingt. Diese sogenannte Korrelation muß also eine kontinuierliche sein. Sie darf niemals zur Ruhe kommen; sie muß st e t i g sein. Dieses Kontinuitäts- oder Stetigkeitsprinzip liegt jener Rechnung zugrunde, die für N e w t o n und Leibrriz den Ursprung aller Rechnung bedeutet: der sogenannten Infinitesimalrechnung. Beide Forscher erblicken in dem Satz, daß auch die kleinste endliche Zahl eine ewige stetige korrelative Vereinigung unendlich kleiner Größen bedeutet,, den obersten Grundsatz der Zahlerzeugung. Damit aber ist klar erwiesen, daß in dem Ursprünge der Zahl, in ihrer Erzeugung bereits jenes Gesetz wirkt, das Cohen als Ursprungsgesetz des Denkens bezeichnet; daß also in der Z a h l, in der Zahlerzeugung das Denken seine Realisation erhält. Da aber in der Zahlbildung bereits Zeit und Raum, ja sogar die Bewegung ihre funktionale Kraft entfalten, so ist auch die Realität' diese r Begriffe in dem Denken begründet. Bilden diese Begriffe aber das logische Rüstzeug der mathematischen Physik, so ist die Gleichung geschlossen: Durch die Zahl realisiert sich das. Denken als der Ursprung der Naturwissenschaft. Somit ist für die Logik der Beweis erbracht, daß Einheit und Vielheit nur dann die Grundlage des Seins bedeuten, wenn sie in ihrer ewigen und stetigen Korrelation den „Hebel der Vernunft" bilden. Diesen Ursprungscharakter des Denkens aber wahrt Cohen auch auf dem Gebiete der Ethik. Bekanntlich ist es Kant nicht gelungen, eine Ethik zu begründen, weil ihm das Faktum der Wissenschaft fehlte, das.er durch die sogenannte „moralische Gewißheit" entbehren zu können glaubte. Auch hier hat Cohen die Fruchtbarkeit seines Ursprungsprinzips erwiesen. Einheit undunendliche Vielheit, so sagten wir, bilden in ihrerewigen streng kontinuierlichen Korrelation den Grundcharakter des Denkens und damit des Seins. Mithin muß dieses Prinzip auch die Ethik erzeugen.; Und das ist auch in Wahrheit der Fall. Das Prinzip der Ethik ist ja nichts anderes als die K o r r e l a t i o n z w i s ch e n I n d i v i d u u m und Gemeinschaft. Aber diese Korrelation kann nur dann eine vernunftgemäße sein, wenn sie ebenso kontinuierlich ist wie die aus dem Gebiete der Logik zwischen Einheit und unendlicher Vielheit. Also muß auch das Individuum zur unendlichen Vielheit ein ewig kontinuierliches Verhältnis haben, das heißt, es darf niemals zu einem Abschluß dieses Verhältnisses kommen. Kein Individuum und keine Jndividualgruppe darf jemals die Orientierung an der unendlichen Vielheit der Menschen, an der Allheit verlieren. Die Allheit, die unendliche Vielheit, bildet stets die Korrektur für individualistische Sondergelüste, wie auch die Allheit nur in der Wertung der Einzelindividuen ihre Bedeutung erhält. Die unendliche Vielheit muß immer Institutionen schaffen, individuelle Organisationen, in denen das Allheitsinteresse vertreten ist. Demnach bildet das Individuum, die Jndividuälgruppe ebensosehr das Ziel der Allheit wie die Allheit das Ziel des Individuums. Und für die Berechtigung dieser ethischen Deduktion beruft sich Cohen auf den Staat und auf das in ihm latente Recht. Der Staat ist ihm jenes Individuum, das seine Entstehung der unendlichen Vielheit, der Allheit verdankt. Daß dieses Prinzip unbewußt bereits in allen großen Rechtskulturen wirkt, beweist Cohen klar amr ö m i s ch e nRechte nach, das durch die Vermittelung der Stoa auf die sogenannten „ungeschriebenen Gesetze" der Griechen zurückgeht. Diese ungeschriebenen Gesetze sind aber im-Grunde nichts anderes als jene Vernunftprinzipien, die in der Korrelation zwischen Einheit und unendlicher Vielheit ihr Sein erkennen. Von hier aus aber eröffnet sich der Zugang zur Religion des I u d e n t u m s, und zwar insbesondere desproph etischen Judentums. Zwischen dem Messianismus des prophetischen Judentums und dem Staate herrscht im Grunde dasselbe korrelate Verhältnis wie zwischen Allheit und Individuum. Auch hier hat das Individuum erst dann seine Bestimmung erreicht, wenn es an der Allheit seine Korrektur findet, und anderseits wird auch dann erst das m e f s ianisch e Reich, der Poetische Ausdruck der Allheit, sich entfalten können, wenn die Bildung der Jndividualgruppen im Sinne der Allheit erfolgt ist. So hat sich also auch aus dem Gebiete der Ethik das Ursprungsprinzip der Korrelation als fruchtbar erwiesen. Eine andere Frage aber ist die: Wird sich dieses Ursprungsprinzip der Korrelation auch zwischen beiden Gebieten, zwischen Logik und Ethik, als schöpferisch bewähren? Wird auch hier diese Eigenart der korrelativen Einheit zur Geltung kommen? Hier setzt nun die glänzendste Kritik ein, die jemals an dem s P i n o z i st i s ch' e n System geübt wurde. Man kann ruhig sagen, daß Spinozas Philosophie, psychologisch betrachtet, rein religiös ist. Sein Gottesbegrisf, der mit dem biblischen Schöpferbegriff identisch ist, bildet den Normalbegriff der Einheit . Wenn Gott alles erschaffen hat, so waltet in allen Kultur- und Naturgebilden dieselbe Einheit, und wenn dieselbe Einheit waltet, muß auch die absolute Identität gefordert werden. So sieht man, daß gerade diese Art des Gottesbegrisses nicht nur eine Annullierung der Logik bedeutet, sondern, was-weit wichtiger ist, auch eine solche der Ethik. Es ist eben die - %

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