Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Kulturlebens. Er sagte darüber:' „Der Haß . ist-grundlos. Das ist das tiefste Wort, das über diese Verirrung .des .Gemütes _ gesprochen werden kann. Es gibt keinen Grund zum Haß. Belehrend ist es in unseren Gebeten, daß der Haß, um dessen Abwendung gebetet wird, als der grundlose Haß bezeichnet wird. In dieser Erkenntnis schon findet das Gebet seine Erfüllung." Judenhaß sei nicht Aufhebung der Humanität, sondern schlechterdings Verfall, in Barbarei. Cohen würdigt gelegentlich das liberale wie das orthodoxe Judentum, dort unterläßt er es-nie, seinen eigenen Standpunkt nicht unvorsichtig,'doch. sehr entschieden zu formulieren. In seiner Wahrhaftigkeit kommt ihm nicht der Gedanke, im geringsten seinen, Standpunkt Preiszugeben. Im Gegenteil gibt er sich die größte Mühe, seinen Lehren vollen und reichen. Ausdruck zu verschaffen. Aber er gehört doch eigentlich zu keiner Partei. Das ist manchmal als Vorwurf vorgebracht worden und ist nicht ohne Grund, doch nicht ganz wahr. In Wirklichkeit verlangt seine Saat ihren eigenen Acker, seine Lehre die eigene Gemeinde im Volke der Propheten, im ethischen Monotheismus. Hier gilt das Wort: Alterius non sit, qüi suus esse potest. Viele Menschen führt ihm der Tagesverkehr zu, von manchen weiß er, daß sie mit dem besten Teil seines Lebens etwas zu tun haben, aber die Gemeinde der Vielen wird er nicht finden, sondern nur die Gemeinschaft der Auserwählten, die auf Pfaden wandeln, die er gesichert hat, oder die,' selbständig wie er, das Reich der Ideen durchmessen und die Hoffnung. nicht lassen, daß die Welt doch noch emporsteige zu idealen. Anforderungen an das Leben. Frei hinwegzuschauen über alle trennenden Schranken der Ideen und. des Wirkens unserer Parteien ist Cohens Art. „Wir sind, so ruft er einmal aus, trotz allem Gesangbuchstreit in der Hauptsache einig; der ganzen offiziellen Kulturwelt gegenüber einig. Das macht jeder Jom Kippur jeden Juden klar, dem Gelehrtesten wie auch dem weniger Gebildeten. Wer das nicht merkt, der will nicht merken, was er dennoch fühlen muß." Ueber Cohens Lehre und Wirksamkeit ist im Judentum eine laute Diskussion nicht entstanden. Während ihn selbst alle Gedanken bewegen, welche die rastlos am ganzen Komplexe der jüdischen Fragen arbeitende Zeit beständig aufwirft, und diese in seinen Worten und Werken den mächtigsten Ausdruck finden, ist doch der geistige Verkehr der Juden mit ihm und seinen Arbeiten vorsichtig und langsam^ Das ist auS mehrfachen Gründen verständlich. Die große Masse kann immer nur ihre unveränderte Treue zur Religion ohne Wandlung und nennenswerten Fortschritt in hergebrachter Weise zum Ausdruck bringen, ist aber nicht imstande, die Ansichten ausgezeichneter Persönlichkeiten und ihre hochsinnigen Gefühle mit Selbständigkeit zu verfolgen. Religion ruht allerdings im Volksleben und ist sein ausfälligstes Bildungsmittel, aber das Volk hat nur die Fähigkeit, die Worte der Religion dauernd zu bewahren und mit Unbehagen wahrzunehmen, was davon abweicht, keineswegs aber ist es ihm möglich, den Schwerpunkt dorthin zu verlegen, wo ihn gewissenhafte Forscher sehen möchten. Zwar hat Mose schon den Wunsch ausgesprochen, daß doch das ganze Volk des Ewigen Propheten wären, so der Ewige seinen Geist auf sie legte, aber bis heute sind trotzdem die unprophetischen Geister in erdrückender Majorität. Dazu kommt noch ein anderes. Heute hat der Gedanke die Oberhand gewonnen, daß materielle Umwälzungen den geistigen Zustand bestimmen. : Politischereligiöse undgelehrte Interessen sind gemischt, bearbeitet aber werden zunächst die rein politischen Probleme. Hier entfalten zahlreiche Individuen und alle Agitationsmittel ihre Macht. Eine innere Unruhe, deren letzte Steigerungen wir wohl gegenwärtig, erleben, treibt dazu, vor allen Dingen politische Mitteilungen und Winke getreulich zu benutzen. Viele meinen) daß die Weisheit der alten Zeit aufgebraucht sei, und jeder glaubt die Pflichten des Ganzen auf sich nehmen zu müssen und seine erste Sorge dem Kreis politischer Interessen zuzuwenden. Diese -Stimmung herrscht nicht nur im.Deutschland. Die früher-dürftig verbundenen Länder der Welt sind nicht mehr getrennt. Man weiß alles voneinander mnd will sich in die Hände arbeiten und mit Deutlichkeit und Energie die alte Verbindung durch die Lehre nunmehr durch organisatorische Maßnahmen-verschiedenster Art ersetzen oder stützen. Da steht Cohen weniger im Vordergrund. Die Lehre, die aus der Tiefe seiner Seele kommt, will nicht abweichem von allem, was den Grundbedingungen unseres bisherigen Lebens gemäß ist. Auf seine Einbildungskraft und Gestaltungskunst übt das religionsphilosophische Urteil ausschlaggebenden Einfluß aus. -Es ist unwahr, sagt er, daß wir eine jüdische Kultur hätten oder haben wollten. Die jüdische Kultur erschöpft sich in dem Anteil, den sie in dem Gotte der Sittlichkeit der . allgemeinen Kultur übermittelt . . . nur in der Gotteslehre sind wir Juden und wollen wir Juden bleiben. : Ob Cohens Lehre ' die Zukunft gehört? Wer prinzipiell glaubt, daß die künftige Entwicklung die Folge der ethisch' religiösen Wissenschaft werden müsse, wird aus' seinen "Prämissen und Schlußfolgerungen die Ursachen und Wirkungen der Zukunft ableiten können,- wer hingegen denkt, - daß die Menschen im wesentlichen bleiben wie sie waren, beherrscht durch Instinkte und plumpe Diplomatik und durch Leichtsinn in wichtigsten kuturellen Angelegenheiten oder doch Uneinigkeit in der Auffassung der Wege des Kulturlebens, der erwartet eher die alte chronische Verachtung der Wissenschaft und vielerlei Gesichtspunkte, denen Größe und Wärme fehlt, als die Einheit des Denkens und Wollens, des religösen und sittlichen Lebens. Berechtigt scheint heute wenig Zuversicht und viel Besorgnis. Dergleichen. Erwägungen darf man schon aussprechen, obschon ein abschließendes Urteil der weltgeschichtlichen Bahn in den kommenden Jahrhunderten vorläufig noch nicht zu gewinnen ist. Aber wie dem auch - sei; Cohen ist einer von denen, die nicht für den Erfolg, sondern für die Sache leben, der sie sich gewidmet haben; -deren Hoffnung darum nicht vernichtet wird, wenn der Welt ihr unbestechliches Urteil nicht leichthin zufällt. Und immer wird er ein Klassiker der Philosophie sein, der erhabene Weisheit in Reinheit und Vollendung den Menschen brachte. Und wo Geister erstehen von tiefer und starker Sehnsucht nach Erkenntnis und Sittlichkeit, werden sie. ihn als geistesverwandt ansprechen. Denn wie modifiziert auch die Weltlage werden mag und die Eigenart der Völker, die geistigen Führer bilden ein 'besonderes Geschlecht, das sich stets wieder ganz von selbst zu einer kunstvoll reich gegliederten und doch verständlichen Einheit bildet. Unser Judentum aber fand Cohen nicht auf Nebenwegen der Kulturentfaltung, es war auch nicht Nebenarbeit, die er feiner Forschung Und Darstellung gewidmet hat. Und so oft in der Zukunft der Zeiten Perioden eintreten, wo die Judenheit Wegweiser sucht in Angst und Verwirrung, während Fremde auf das Volk der Lehre schauen und ihr Gespött darüber'haben, dann wird Hermann Cohen zur Zahl der Großen gehören, die jeweils in unserem Volke erstanden, und die, das heilige Buch in der Hand, es aus der Verwirrung zur Einsicht führten, zu den Geistern, die das „Jenseits der Weltgeschichte" entdeckten, welches nach ihrer Lehre zum „Diesseits der irdischen Welt" zu werden bestimmt ist. . '