Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 76. Jahrgang Nr. 26 Berlin, 28. Juni 1912 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung Les ' Geheimen Negierungs-Ratr Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: iruäolk ülosse, verl!n» Jerusalemer Strasse 4S/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor- - orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 TU. — Postscheckkonto 32*. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Iudentums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße *6j*9, zu richtxn. verl»g von Rndolf rNosse, Berlin. Herinann Cohens Stellung zum Judentum. Von Dr. Lnca s- Glogau. — Die Woche. — Die Lage der israelitischen /Religionslehrer in Baden. — Die philosophische Bedeutung Hermann Cohens. Von Benzion Kellermann. — Hermann Cohens „Aesthetik". — Sigismund. Stern (1812 —1867). — Brief aus London. Von Dr- I. Chozner.-- Feuilleton: Die mährische Nehillah. Von Gotthard Deutsch. — Literarische Mitteilungen. : Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin. Schönlanke, Breslau, Hamburg, Halberstadt, Hannover, Frankfurt a. M., Meran, Budapest, Krakau, Petersburg, New Nork. — Von Nah und Fern. Hermann Lohens Stellung sum Judentum. Von Dr. Lucas-Glogau. er Wert der Religion liegt für Hermann Cohen in dem Zusammenhang dev Sittenlehre mit der Gottesidee. .Die Immanenz der menschlichen Sittlichkeit fordere einen ab- . soluten. Grund. Nun . sei die Transzendenz Gottes die» tiefste Sicherung der Immanenz der menschlichen Sittlichkeit. .Die Differenz zwischen Judentum und Christentum, welche für den Gehalt, die Begründung und Ausführung der Sittenlehre von Belang sei, sei in der Gottesidee unversöhnlich. Die jüdische Gottesidee habe zu ihrem ausschließlichen Inhalt die Sittlichkeit des Menschen, im Christentum handle es sich zum wenigsten. zugleich um die göttliche. Natur. Der Mythos sei festgebannt aus das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, der prophetische Gedanke Gottes .entstehe aus Grund, des Verhältnisses zwischen Mensch und Mensch.. Von dieser Stufenleiter erst erhebe sich die Beziehung aus Gott. Cohen ist, wie immer wieder in seinen Schriften zutage tritt, von der absoluten Bedeutung der jüdischen Religioy durchdrungen, darum will er sie eigentlich nicht verteidigen, sondern zur Geltung bringen. Wenn Cohen sich über seine Zugehörigkeit zum Judentum befragt, schweben ihm. seine kulturell höchstbedeutsamen Lehren, aus dem Charakter biblischer Zeiten, und ihren Vorgängen wesentlich entwickelt, vor der Seele. Cr sieht da keinen.Konflikt, dessen Lösung herbeizusühren wäre, nur glaubt er die unvollständige Kenntnis der alten Schriften zu ergänzen und ihre Motive zu deuten^und zu vertiefen. In. dieser Art leistet er unausgesetzt geistige Arbeit , für das Judentum, damit es in seiner historischen Würde und. kulturellen. Größe in die Weltbegebenheiten bis zur Gegenwart eingeslochten, für Gegenwart und Zukunft richtig verstanden werde. Daß das besondere Erfassen des.Judentums sein Verhalten 'restlos erkläre, ist für Cohen keine Frage. Er versteht - sein Eintreten nicht anders und will auch nicht anders beurteilt sein. Er will Teilnehmer sein an der Energie des Denkens und des Gefühls, an der-Größe der Taten, wie sie die Vergangenheit hervorgebracht hat, und jetzt mitstreiten im Kampf um den höchsten idealen Inhalt Und auch den Sieg vorausschauen, wenn einst das Gewissen der Völker sich erhebt zum größten geistigen Kampfe, und der neue Mensch die alten Gegner schuldig macht. So erwächst ihm der religiöse Enthusiasmus mit seiner Begeisterung und poetischen Empfindung und mit seinen höchsten sittlichen Zwecken. Der Religionswechsel erfüllt ihn mit Abscheu. Der Kulturmensch bleibe nach dem Goetheftchen Wort an dem stillen Orte, an dem er zur Welt gekommen; er sei da zugleich in die sittliche Welt eingeboren. Und doch glauben wir zu.bemerken, daß Lohens begeistertes Eintreten für das Judentum nicht nur aus der Philosophie kommt. Er erklärt selbst, daß allerdings die Ideen, die den Geist erfüllen, auch die schöpferischen Mächte seines Willens, seiner geistigen und sittlichen Arbeitskraft bleiben, daß aber dennoch das persönliche Gefühl, der anscheinend unkontrollierbare Affekt, also das schlechthin Natürliche und Individuelle es sei, was die Triebkraft des Menschen im letzten Grunde bewege. „Das Verständnis eines Menschen, der in irgendeiner Richtung der Kultur gewirkt habe, erfordere ebensosehr das sympathische Verständnis für die Ideen, denen er sein Leben gewidmet hat, wie für den verborgenen Quell, der sein Herz belebt hat." Bezeichnend ist auch Cohens ausgesprochene'Pietät. Erinnerungen an teure Menschen schaffen ihm Seligkeit und Rührung. Er bedient sich auch gern alter Bilder, Wörter und Redensarten, wenn er bisweilen seinem Empfinden wortgetreuen und energischen Ausdruck geben will. Was Cohen itn einzelnen für das Judentum getan hat, kann man unmöglich in diesem Zusammenhang aufzählen. Man kann diese Tätigkeit nicht einmal nach Gesichtspunkten bemessen, welche der Ausdrucksweise unserer Zeit geläufig sind. Er war seit Jahrzehnten immer zum Eingreifen bereit, in Schrift und Wort immer fertig, entschlossen, sich mit der ganzen Welt auseinanderzusetzen, mit genialer und großartiger Kraft in den schwierigsten Fragen und Angelegenheiten sicher zu wirken. Undwas das für ihn-bedeutete! Das ganze Heer alter Vorurteile hat er gegen sich ausgerusen. Sein Auftreten hat von Anfang an bis heute viele überrascht und unsicher gemacht ihm gegenüber. Sonst wohlmeinende und redliche Männer traten ihm ohne Verständnis gegenüber, andere zuckten die Achseln und gefielen sich in mehr oder minder versteckten Klagen. Es 'ist Cohen nicht leicht geworden, solcherlei über sich ergehen zu lassen, denn schärfer und genauer als er, hat keiner das Urteil der anderen beobachtet und keinem lag mehr daran als ihm; unsichere undgefährliche Deutungen seines- Verhaltens nicht auskommen zu lassen. Gar manchmal hat ihn eine innere Erregung ersaßt, es gab Prüsungsstunden der Not, Zeiten der Unsicherheit und des gedrückten Daseins. Er hat nie als Sorgloser gearbeitet.' Und'der allgemeine Haß gegen die Juden hat ihn berührt'wie eine Katastrophe des