Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Redaktion einer die Sklaverei bekämpfenden Zeitung, die Halle, in der sich die Abolitionisten zu versammeln Pflegten, wurde vom Pöbel angezündet. Und die Regierung sah ruhig zu. Die Sklaven- und Plantagenbesitzer hatten einen starken Anhang unter Sklavenzüchtern, Sklavenhändlern, Sklavenjägern und anderen Leuten, die von ihnen abhängig waren. Leute machten ein Gewerbe daraus, geflüchtete Sklaven zu verfolgen und einzusangen, sich dazu manchmal der Bluthunde bedienend. . Christliche Geistliche verteidigten, auf die Bibel gestützt, die Sklaverei als „von Gott gewollte Ordnung", besonders die der Neger, nicht nach modernen Nassentheorien, sondern weil es im zehnten Kapitel der Genesis heißt: „Verflucht sei Kanaan, ein Knecht sei er seiner Brüder!" Und die aus Afrika stammenden Neger waren selbstverständlich direkte Nachkommen von Noahs jüngstem Sohne. Mit scharfer Ironie zieht Frau Stowe in „Toms Hütte" gegen solche Diener Gottes los. Es gab freilich auch Ausnahmen, wie ja ihre Familie, trotz ihrer Theologie, sich flüchtiger Sklaven annahm. „Durch unser Haus," sagt Frau Stowe figürlich, von der Beförderung flüchtiger Sklaven sprechend, „ging die unterirdische Eisenbahn." Auch die pfaffenlosen Quäker nahmen sich gern der Flüchtlinge an. Ein solches Quäkerhaus ist in „Toms Hütte" reizend geschildert. Aber diese Vvrschubleistung sollte nun auch aufhören. Die sklavenhaltenden Staaten hatten „die Klinke der Gesetzgebung" in der Hand, und wie sie diese benutzten, mögen einige Beispiele zeigen: Der Staat Virginia dekretierte 1849: Ein freigelassener Sklave, -der länger als ein Jahr im Staate bleibt, verliert seine Freiheit und kann zum besten des Literary fund (!) verkauft werden. Der Staat Georgia dekretierte Geldstrafe oder Gefängnis für jeden, der erlaubt, duldet oder veranlaßt, daß ein Sklave oder Farbiger für ihn schriftlich Geschäfte abschließt. Aufreizung der freien Farbigen zur Unzufriedenheit oder der Sklaven zum Ungehorsam wurden nach einem Gesetze des Staates Louisiana mit schwerem Kerker von m i n d e st e n s drei, höchstens einundzwanzig Jahren, ja selbst mit Todesstrafe bedroht. Der Staat Kentucky verbot 1830 unter dem schwersten Strafen, die Neger lesen und schreiben zu lehren. . Man war fromm genug, um die Negerkinder christlich taufen zu lassen, aber ein Gebet- oder Erbauungsbuch sollten sie nicht lesen können. Wie viele von solchen Gesetzen noch gültig waren, als „Onkel Toms Hütte" geschrieben wurde, weiß ich nicht. Aber unmittelbar vorher und vielleicht zu dessen Publizierung Anlaß gebend,, hatten die Sklavenstaaten ein für die ganze Union gültiges Gesetz durchgebracht, nach welchem auch die freien Staaten zllr Auslieferung geflüchteter Sklaven, deren Bürger zur Assistenz bei der Einsaugung verpflichtet wurden. Die nördlichen Staaten hätten vielleicht den Uebermut und die Herrschsucht ihrer südlichen Genossen, um des Friedens willen geduldet, wenn nicht die im März 1852 erschienene „Hütte Toms" die ganze Welt mit den Gräueln der Sklaverei im Lande der. Freiheit bekannt gemacht hätte. Alexander v. .Humboldt, der stets für die Abschaffung der Sklaverei das Wort geführt hatte, sagte beim Erscheinen des Buches: ^Dkis ffänn die Frau darüber Neues sagen?" - Aber s!e' hatte, gar vieles zu sagen, und was sie sagte, fand ein .Echo'.s^.ver ’ ganzen- Welt. Der Erfolg ihres Buches in der alteü . uud ün der neuen Welt war ein ungeheurer; im er sLew Iah re, wurden 300 000 Exemplare abgesetzt, es wurde bald insKeutsche und in andere Sprachen übersetzt. Auch dessen FyrtseHung „Dred" (erschien 1856), worin sie die schädlichen moralischen und ökonomischen Folgen der Sklaverei schilderte, fand eine sehr weite Verbreitung; in England wurden in vier'Wochen 100000 Exemplare abgesetzt. Dort allein sind über vierzig Ausgaben erschienen, die Zahl der amerikanischen läßt sich gar nicht feststellen, ebensowenig die der Uebersetzungen. Man kann beinahe sagen, die Verbreitung von^Toms Hütte" sei so stark wie die der Bibel, wenn man berücksichtigt, daß diese seit Jahrtausenden bekannt ist, das Buch der Amerikanerin nur seit einem halben Jahrhundert existiert. Als die Verfasserin England und Schottland besuchte, fand sie überall die begeistertste, verehrungsvollste Aufnahme, sowohl beim Volke als in den höchsten aristokratischen Kreisen. Und innerhalb eines Jahrzehnts vollzog sich unter dem Einfluß dieses Buches eine Umwandlung in den Anschauungen und Gefühlen der Bürger der sklavenfreien Nordstaaten. Die Folge war die am 6. November 1860 erfolgte Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Er gehörte der republikanischen Partei an, und seine Wahl wurde von den Südstaaten als Angriff auf ihre Hegemonie, als Bedrohung ihrer „heiligsten Güter", des Sklavenbesitzes, betrachtet. Es ist hier nicht der Ort, zu erzählen, wie es in wenigen Jahren zum Bürgerkriege, in dem Frau Stowe einen Sohn verlor, zur Niederwerfung der Südstaaten und zur Befreiung der Negersklaven gekommen ist. Auch von ihrer Schrift gegen Byron, die ihr keine Ehre machte, und ihren anderen Werken kann hier nicht gesprochen werden. Aber wir müssen noch die Frage beantworten, warum ihr Hauptwerk einen so großen Erfolg, eine solche weitreichende Wirkung hatte. Und die Antwort ist eine verblüffend einfache: Sie erzählt fast nur wirkliche Geschehnisse; ihr Werk ist Geschichte und zugleich einer der interessantesten,, spannendsten Romane. Besonders hervorheben möchten wir einige Episoden, wie die Flucht der verfolgten Sklavin Elisa mit ihrem Kinde über die Eisschollen des Ohio, die Sklavenauktion, den Tod Toms sowie die Charakterzeichnung einiger Personen — wie dewGattin des humanen Sklavenbesitzers St. Cluwe, der durch leichtsinnige Wirtschaft gezwungen wird, seine Sklaven an einen rohen Händler zu verkaufen und ihres liebenswürdigen Töchterchens usw. Indessen war die Verfasserin nicht in die Neger vernarrt, sie schildert auch ihre lächerlichen und minder schönen Seiten. Stets aber beruht ihre Erzählung auf wahren Vorgängen, ihre Charakterzeichnung ist manchmal Porträt von ihr und anderen gekannten Personen. In dem schon 1853 erschienenen „Schlüssel zu Onkel Toms Hütte" hat sie Briefe und Dokumente mitgeteilt, welche die Wahrheit des von ihr Erzählten bestätigen: Sie habe nur, wie sie sagt, manches gemildert, „denn eine Darstellung der Sklaverei, wie sie wirklich war. hätte auf die Leser einen zu peinlichen Eindruck gemacht". Frau Beecher hat ein hohes Alter erreicht und ist erst am J. Juli 1896 gestorben. Sie hat die vollständige gesetzliche Gleichstellung, aber nicht die faktische und gesellschaftliche der Neger erlebt, und wer weiß, ob diese noch im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts erfolgen wird. Suirika. Frei nach einer rabbinischen Sage. Von B l a n c a K a tz. . 3 übel und Saitenspiel tönen aus Potiphars fürstlichem Hause. Sieben Tage schon wird, ein Gastmahl gefeiert, der Fürstin Herz zu erfreuen. Sieben Tage und sieben Nächte steigen OPserflammen zur heiligen Isis empor, daß die bösen Geister von Suleika weichen mögen. — Suleika