Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ab, er scharte die ganze Gemeinde um sich, weil jeder wußte, das ist nicht ein Mann der Opportunität, das ist ein Mann der Üeberzeugung, der Treue, der Pflicht und der liebevollen Milde, der, wie sein Sohn, der Düsseldorfer Rabbiner, an seiner Bahre sagte, keiner Partei, sondern dem Judentum angehörte. So war es ihm möglich, eine mittelalterliche Gemeinde zu einer modernen umzubilden. Das Bild wäre nicht vollständig, wenn nicht erwähnt würde, daß Dr. Bäck es auch verstand, die Wertschätzung und Verehrung der Nichtjuden zu gewinnen. Mit den Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen des Ortes lebte er in einem Verhältnisse, das fast freundschaftlich zu nennen war. Von den 78 Lebensjahren verbrachte und wirkte Bäck 48 Jahre in Lissa, gerade in der Zeit, die für die Entwicklung des Judentums ereignisreich war, da in ihr aus dem GhettofudentuM das selbstbewußte Judentum geworden ist. Zu bcn Rabbinern, die diesen Uebergang .mitbewirkten, gehört als einer der besten auch Dr. Samuel Bäck. Sein Andenken bleibt ein gesegnetes. Prof. Dr. S. Stern. Lum 100.Geburtstage Der Vorkämpkeriu der Meger-Lmsn-jpslion. Von Marcus Landau. an nennt das Christentum die Religion der Liebe, vielleicht mit mehr Recht könnte man das moderne Judentum die Religion des Mitleids nennen. Schon im Altens Testament werden Mitleid und Barmherzigkeit selbst gegen Feinde empfohlen, und in neuerer Zeit sind wohl die Inden dasjenige Volk, welches nach Verhältnis seiner Zahl Pas Meiste für wohltätige Anstalten, für Arme und Kranke, selbst für Nichtjuden leistet. Und nicht bloß mit einzelnen Menschen, auch mit unterdrückten Völkern hat der Jude Mitleid, selbst Mit solchen, die ihm gegenüber nicht gerade freundlich und gerecht sich betragen. Beispiele anzuführen wäre hier überflüssig. Die unterdrücktesten Menschen sind jedenfalls die Sklaven, und ihnen muß sich die Sympathie der Juden am meisten zuwenden. Schon der Prophet und Gesetzgeber Moses hat sie ermahnt (Deuteron. V. 15), zu gedenken, daß sie Sklaven gewesen in Aegypten, und demgemäß sind auch ihre Gesetze in bezug auf die Sklaven und deren Behandlung viel milder gewesen, als die der alten Griechen und Römer, der Christen des Mittelalters und der Gegenwart. Ich darf wohl sagen G e g e n w a r t, denn ich und viele andere noch Lebende sind schon keine Kinder gewesen, als die Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und in Brasilien, die Leibeigenschaft in Rußland aufgehoben wurden. Aufgehoben — gesetzlich, auf dem Papier, aber in der Wirklichkeit, im gesellschaftlichen Leben, in dem Einfluß auf Regierung und Verwaltung sind die „Schwarzen" in Nordamerika ebensowenig, ja noch weniger den „Weißen" gleichgestellt, als die „Staatsbürger jüdischer Konfession" in Preußen, die Bauern in Rußland den christlichen Bürgern. Welchen Zurücksetzungen und Rechtsverletzungen die Neger noch jetzt in Nordamerika, selbst in den Unionsstaaten, in denen es auch vor einem Jahrhundert keine Sklaven mehr gab, ausgesetzt sind, will -ich hier nicht aufzählen, um unseren europäischen Antisemiten keine Anlockung zur Nachahmung zu bieten. Aber jedenfalls ist die Lage der Neger in Nordamerika jetzt eine viel bessere als vor einem halben Jahrhundert, und es ist zu hoffen, daß sie im Laufe der Zeit sich noch mehr verbessern wird. Daß sie überhaupt aufgehört haben, Sklaven zu sein, daß auch, für sie gemäß der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom Jahre 1776 „Leben, Freiheit und Eigentum unveräußerliche Rechte" nach beinahe neunzig Jahren endlich geworden sind — das haben sie-zum großen Teil einer Frau zu verdanken. 'Wie einst die schöne Helena eineü langjährigen Krieg erregt hat, so hat eine kleine, unscheinbare Frau, an die wir jetzt, zu ihrem hundertsten Geburtstage, erinnern, zur Entstehung -eines großen Krieges beigetragen. Dessen Resultat war aber nicht die Zerstörung einer Stadt, sondern die Befreiung von Millionen Menschen aus der Sklaverei. HarrietBeecher wurde am 14. Juni 1812 in Litchfield im Staate Connecticut der nordamerikanischen Union als Tochter eines kalviniftischen Theologen geboren und erhielt dort in einer von ihrer älteren Schwester geleiteten Schule den ersten und, wie es scheint, auch einzigen Unterricht. Später hat sie auch an dieser Schule als Hilfslehrerin gewirkt. Sie kann also nicht viel gelernt haben, wie überhaupt weltliches Wissen in der Familie die zweite oder gar dritte Nölle spielte. Man hatte fast nur für Religion, Theologie gmd Pädagogik Interesse, studierte fleißig die Bibel, besonders das Alte Testament und war übrigens tolerant gegen Andersgläubige. Nur . den Katholizismus betrachtete Harriets Vater als „ein großes mit Gefahr für die Konstitution verbundenes Hebel". ° Wie groß ihre Vertrautheit mit dem Alten Testament war und wie sie solche Vertrautheit bei ihren Lesern voraussetzte, ersieht man daraus, daß sie in einer ihrer Erzählungen, von dem häufigen Dienstbotenwechsel in einem Haushalt sprechend, sagt: „Es ging zu wie im sechzehnten Kapitel'des ersten Buches der Könige". — Welche christliche oder auch jüdische Frau in Deutschland würde diese Anspielung aus die schnell aufeinanderfolgenden Könige Israels, Bascha, Elah, Simri, Omri und Ahab, verstehen? Im Jahre 1826 wurde Harriets Vater nach Boston als Pfarrer berufen, 1831 zum Direktor eines theologischen Seminars in Cincinnati ernannt, wohin nun die Familie übersiedelte. In diesem Staat (Ohio) gab es keine Sklaven; aber bei einem Besuch in dem benachbarten Kentucky lernte Harrtet die Sklaverei mit ihren Greueln kennen. Vierundzwanzig Jahre alt heiratete sie den Professor S.t o w e, der bald darauf vom Staate Ohio zum Studiutn der Unterrichtsanstalten nach Europa geschickt wurde. Er kam von dort mit einer solchen Bewunderung des Königs -von Preußen zurück, daß er seinem im Mai 1840 geborenen Kinde den Namen F r i e d r i ch W i l h e l m gab. Schon früh hatte seine Frau angesangen, kleine Aufsätze für Zeitschriften zu schreiben, weniger aus angeborenem Schreibtriebe, als um etwas. Geld zu erwerben, denn es ging in der nicht an Mitteln, aber an Kindern immer reicher werdenden Familie ziemlich knapp her. Uebrigens scheint-sie keine gute Haushälterin gewesen zu sein, denn auch später, als sie ganz hohe Schriftstellerhonorare bezog, ist sie fast nie aus den Geldverlegenheiten herausgekommen. Im Jahre 1850 übersiedelte die Familie nach Brunswick bei Boston, und dort schrieb die kleine, kindergesegnete Frau ihr erstes, berühmtes Buch, „ U n c 1 e Toms C a b i n " („Onkel Toms Hütte") betitelt, nach dem Namen des darin die Hauptrolle spielenden, die einzelnen Episoden miteinander verbindenden edlen, viel leidenden und duldenden frommen Negersklaven T o m. Dieses Buch ist zuerst von Juni 1851 bis April 1852 in der Zeitschrift „National era" erschienen. Seine Tendenz war ursprünglich nicht auf gänzliche Befreiung der Sklaven, sondern auf Sicherung einer besseren Behandlung für diese gerichtet. Die Negerfrage war nach und nach zu einer brennen-- den, auch im buchstäblichen Sinne des Wortes, geworden. Denn die Abolitionisten wurden immer eifriger und zahlreicher, die Gegner, die Sklavenhalter, immer rücksichtsloser.: