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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-21 · Heft 25 (21.6.1912) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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Ksbbiner Dr. Lsmuel lösik 1834—1912. / R^F^ enn nicht Zuzug aus dem Osten kommt, wird in Mitteleuropa die Periode des klassischen Rabbinertums bald nur der Erinnerung angehören, die Periode jener Rabbiner, die tiefe und ausgebrestete Talmudkenntnis mit itnt-- fassendem profanen Wissen vereuiigen, die in der scharfsinnigen Talmuddialektik so gewandt sind wie in Bibel- und Talmudkritik und die in der .Geschichte des Judentums so heimisch sind wie in den Werken der Talmudkoryphäen. In vielen Beziehungen den Meistern der einzigen spanischen Blüteperiode ähnlich, brachten die Männer der klassischen Rabbinerzeit, die in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts begann, die spanische Blüteperiode unserem Geiste nahe, um, wie in einem Jungbrunnen, dort unterzu- < tauchen und frische Kraft und neues Leben emporzuholen. Eine Geistesreform wurde im Judentum geschaffen, die lehrte, daß nur in der innigen Bereinigung von Theologie und Profaner ■ Wissenschaft eine Wissenschaft des Judentums, ja ein Judentum überhaupt in der neu anbrechenden Zeit der Freiheit und der allgemeinen Bildung, möglich sei. Das ist die historische Bedeutung jener Rabbiner, die. nunmehr in sehrgeringer Anzahl vorhanden sind, ehrwürdig durch ihr Alter, noch ehrwürdiger durch ihre Leistungen. Diesem Reste wurde am 17. Mai wieder ein Mann durch den Tod entrissen: Dr. Samuel Bäck, Rabbiner in Lissa. Um sein Wirken zu begreifen, um. die Hindernisse, die er zu -besiegen hatte, zu würdigen, sei nur angeführt, daß er der Amtsnachfolger von R. Jakob in Lissa, einer der Rufer im Hamburger Tempelstreite, war. Lissa war im Jahre 1864, als Bäck nach kurzer Wirksamkeit in Schaffa (Mähren) und in Böhmisch Leipa dorthin berufen wurde, eine der größten Gemeinden Posens, deren Traditionen weit hinaufreichten. Eine große Anzahl von Stocktalmudisten, die sich um vier polnische Rabbinatsassessoren scharten und fast den ganzen Talmud auswendig'kannten, begrüßten den jungen Rabbiner mit haarscharfen theologischen, seit Wochen vorbereiteten Fragen, um zu beweisen, daß ein moderner Rabbiner, der noch dazu Doktor heißt und gar aus Mähren und Böhmen gekommen war, ihnen nicht das Wasser reichen könne. Damals schien polnischen Talmudisten ein deutscher minderwertig, ein mährischer oder böhmischer gänzlich nichtssagend. Aber dieser junge und moderne Rabbiner flößte' ihnen Achtung ein, denn er wüßte nicht nur, was sie gelernt hatten, er wußte noch viel anderes, denn Dr. Bäck entstammte einer alten Rabbinerfamilie; sein Großvater, R. Abraham Bäck, war Rabbiner in Holitsch, sein Vater, R. Nachum Bäck, . ein Lieblingsschüler vom Chatham Sofer, war Rabbiner in Kromau, auch sein Schwiegervater war der Landesrabbiner R. Abraham Placzek. Von frühester Jugend an war das Meer des Talmud sein Element und er gehörte zu jenen, die . R. S. Hirsch nach Nikolsburg zog, um dort in seiner Jeschibah Talmud zu lernen und gleichzeitig das Gymnasium zu besuchen^ In Nikolsburg wurde Bäck auch mit Grätz bekannt und ilf Rabbiner Dr. gest. am 17 diese Bekanntschaft zeitigte ein emsiges Studium der Geschichte der Juden. ' Nach der Maturitätsprüfung ging Bäck nach Wien, üm die Universität zu besuchen und bei Horowitz datz Talmudstudium weiter zu betreiben. Schon in Wien trat er in persönliche und briefliche Beziehung zu Immanuel Löw, in dessen „Ben Chananjah" er einige Aufsätze veröffentlichte. So hatten sich die „Alten" einen modernen Rabbiner nicht vorgestellt: da war ja . Thora mit Derech-erez und das ideale Bild, das die Mischnäh vom jüdischen Gottesgelehrten zeichnet, verwirklicht. Dabei war der Mann von rührender Sanftmut und Bescheidenheit und seine Predigten noch schöner uno sinniger als eine Deraschah. Die Alten waren gewonnen und die neuen religiösen Einrichtungen, die Dr. Bäck traf, galten ihnen nicht als ketzerisch, sondern als notwendig. Die Ausgabe, hieß aber nicht die Alten, sondern die Jungen und die Jugend zu gewinnen, um in ihrem Herzen Treue und Begeisterung für das Judentum zu bewahren. Das ist nicht das Amt, das ist der Berus des Rabbiners. Die Predigt hilft dabei viel, aber nicht alles. Eindringlicher als sie wirkt der Religionsunterricht und darum hat Bäck als einer der ersten den israelitischen Religionsunterricht an einem preußischen Gymnasium durchgesetzt. Der moderne israelitische Religionsunterricht für gebildete Jünglinge, die ihren Homer und Tacitus lasen, die auch schon manches von Erhaltung der Energie und der Entstehung der Arten gehört hatten, war damals Neuland, und Bäck mußte sich seine eigenen Lehrbücher für die Gymnasialschüler schaffen; am bekanntesten unter diesen ist seine „Geschichte des jüdischen Volkes", ein in ganz Deutschland auch an Rabbinerseminaren verbreitetes Lehrbuch. Die Literaturproben, die schon der zweiten Auslage beigesügt wurden, gaben den Anstoß zur Herausgabe der großen Anthologie von Winter und Wünsche. Für zwei Themata dieser Än- Satnuel Bäck thologie, die überaus schwierig Mai 1912. zu bearbeiten sind, konnten die beiden Herausgeber keinen geeigneteren Gelehrten wählen als Dr. Bäck. Die zwei Werke, die diese Themata behandeln, bilden auch den Höhepunkt seiner schriftstellerischen Tätigkeit (1893). 1. „Die jüdischen Prediger,. Sittenlehrer und Apologeten" (1895). 2. „Die religionsgesetzliche Literatur der Juden in dem Zeiträume vom 15. bis 18. Jahrhundert". Da erscheinen die Darschanim, die Dezisoren mit ihren vielen Kommentatoren, die noch zahlreicheren Responsengutachten, die umfangreichen Glossatoren und Novellisten, die alle berücksichtigt und deren Charakteristik gegeben werden mußte. Der Nichtfachmann vermag gar nicht die Summe der Arbeit zu ermessen, die auch nur die geschickte Auswahl und Anordnung der aus Hunderten von Folianten als Probe und Beispiel gewählten Stücke verlangt. Neben der Ueberwindung der Schwierigkeiten kann man in diesen beiden Werken den Geschmack Bäcks bewundern; es ist keine Kleinigkeit, die. Sprache der Dezisoren und Novellisten, der Darschanim und der Respondatoren in eine anmutige Übersetzung zu übertragen, denn sie besaßen wohl Gelehrsamkeit und Scharfsinn, abör nicht die Kunst graziöser Rede. Anmutig war das Wesen Dr. Bäcks überall. Anmutig kam seine tiefe Religiosität zum Ausdruck und warb Herzen. Er stieß nicht die Konservativen, er stieß nicht die Liberalen

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