Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Genossen dieser Erinnerung, der Jugend zur Nachahmung und Ermunterung. Im Namen der Kultusgemeinde, deren Haupt der Verewigte durch 12 Jahre war, spreche ich ihm hier nochmals meinen tiefgefühltesten Dank aus. All sein Wirken und Schassen konzentrierte sich in dem Streben, den Frieden zu erhalten; nicht nur unter seinen Glaubensgenossen allein, sondern auch den Frieden mit den Bekennern aller . Konfessionen in unserer geliebten, teuren Vaterstadt, Friede 'war sein Wahlspruch, möge er dafür gesegnet sein. Ihm und uns allen werde Friede, Friede, Friede!" Auf solche ganze Männer von hoher Begabung und außerordentlichem Können, auf solche edle Charaktere, deren Ehrenschild auch nicht der-leiseste Makel getrübt hat und die ihr Deutschtum und ihre Vaterlandsliebe mit dem Judentum harmonisch zu vereinigen wissen, v können die deutschen Juden mit Stolz zurückblicken. 5^ H^skob^WoMtein. | m 28. Mai d. I. starb in Breslau nach langem Leiden der' Geheime Justizrat, Landgerichtsrat a. D. Jakob Wollstein. Er war am 19. August 1845 in Breslau geboren, widmete sich dem Studium der Jurisprudenz, war eine Zeitlang an dem Amtsgericht zu Beuthen in OberschlefieN tätig, hat dann die letzten Jahrzehntebei dem Breslauer- Gericht gewirkt, bis ihn vor wenigen Jahren zunehmende Krankheit zwang, aus dem Dienste zu scheiden. Er galt als ein äußerst scharfsinniger Jurist, bei dem sich eine Fülle von Wissen mit raschem und klarem Urteil auss glücklichste vereinigte. Einen großen Teil seiner erstaunlichen Arbeitskraft widmete er den Interessen der Breslauer jüdischen Gemeinde. Seit dem Jahre 1891 gehörte er dem Vorstande der Breslauer Synagogengemeinde an, zu deren Vorsitzenden er vor drei Jahren gewählt wurde. Er war ferner Vorsitzender des Verbandes der Synagögengemeinden Breslau-Liegnitz, des jüdischen Schwesternheims, wie einer Reihe, anderer Korporationen und Institute. Jakob Wollstein war eine absolut vornehme, grundbescheidene Natur. Die große Konzilianz seines Wesens, die ihm zu eigen war. ohne daß er zu den Kompromißnaturen gehört hätte, und die ruhige Ueberlegenheit seines Urteils ließ ihn so recht geeignet erscheinen, bei allen Differenzen und Dissonanzen versöhnend und ausgl^chend zu wirken. Mit dieser Liebenswürdigkeit verband er aber auch die größte Energie, wo es galt, die Interessen der jüdischen Gemeinden zu wahren und zu ver-' treten. Bei dieser Arbeit, die ihm Lebensfreude war, gab es für ihn keine . Müdigkeit und kein Ausruhen, und noch vor wenigen Wochen, da er seiner Krankheit kaum mehr Widerstand leisten konnte, rief er Versammlungen und Konferenzen ein und leitete sie mit dem letzten Aufgebot seiner Kraft. Die gleichmäßige Freundlichkeit seines Wesens, seine stete Hilss- Geh. Iuftizrat gest. 28. bereitschaft und sein echtes Wohlwollen sicherten ihm auch in den Kreisen, die nicht seiner Konfession angehörten, Hochachtung . und Wertschätzung.. Die Breslauer Synagogengemeinde aber hat den Verlust eines ihrer Besten/ eines wahren väterlichen Freundes und Beraters schmerzlich zu beklagen. Dem vorstehenden Nekrolog, der der „Breslauer Zeitung" entnommen ist, sei nur angefügt, daß bei der Trauerfeier dem ungewöhnlichen Manne ungewöhnliche Ehrungen zuteil wurden. Die Trauerfeier. fand, wiebereits berichtet, in der Synagoge am Schweidnitzer Stadtgraben statt, in der die Rabbiner Guttmann und Rosenthal in warmen Worten die Bedeutung des Dahingeschiedenen würdigten. Aus dem Friedhose cm' der Lohestraße sprach der stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes- Herr Eduard Sachs, der stellvertretende Vorsitzende der Repräsentantenversammlung Professor Dr. Wohlauer und Herr Rittergutsbesitzer Dr. Paul Schottlaenderim Namen des Hilfsvereins der deutschen Juden. Sowohl die letztere Organisation als der/ Deutsch- Israelitische Gemeindebund, der Zentralverein deutscher Staats? . bürger jüdischen Glaubens, die drei Gesellschaften der Brüder in Breslau, der Verein für jüdische Geschichte und Literatur, die israelitische Krankeyverpslegungsanstalt, das jüdische Schwesternheim und alle anderen Organisationen, denen der Verstorbene nicht nur als Mitglied, sondern als ein eifriger, nie versagender- Mitarbeiter angehörte,,: .widmeten ihm in den Breslauer Zeitungen ehrende Nachrufe. . Es sei gestattet, aus dem Nachrufe des liberalen Vereins der Shnagogengemeinde Breslirn die folgenden. Worte hierherzusetzen: „Seit Gründung unseres Vereins gehörte er ihm als einer her treuesten und verdienstvollsten Mitglieder an, unterstützte ihn mit seinem Wohlwollen, seinen klugen Rate und''seiner tatkräftigen Beihilfe. ' N; Seiner liberalen Weltanschauung entsprechend, stand er auch im religiösen Leben auf freisinnigem Boden. ’ Mit uns verband ihn die Auffassung, daß relMöses Bekenntnis und der Geist der Zeit sich nicht feindstch gegenüberstehen dürfen, daß wir die wesentlichen Formenunseres Glaubens Hochhalten müssen, daß wir aber auch auf allen Gebieten der religiösen Betätigung, im Kult, im Unterricht, in den Wohlfahrtseinrichtungen die liberalen Anschauungen zur Geltung bringen müssen. Wir werden den verehrten Freund und Berater schmerzlich vermissen. Unsere Dankbarkeit werden wir ‘ ihm beweisen, indem wir in seinen Spuren weiter wandeln werden." -; 4 G. Jakob Wöllstein Mai 1912.