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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-21 · Heft 25 (21.6.1912) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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Und diese Kränkung trifft diesmal einen Publizisten, der in seinem politischen Glaubensbekenntnis den Formen des verfassungsmäßigen Königstums huldigt, einen Schriftsteller, der in seinem verdienstvollen Werke über Belgien deutsche Sympathien aus das wärmste pflegte!" Kuranda lebte dann abwechselnd in Leipzig, Dresden, Hamburg, Brüssel; die Redaktion wurde in der Zwischenzeit in der bisherigen Weise von ihm fortgeführt. Infolge der denkwürdigen Märztage von 1848 entschloß er sich, die Leitung des Blattes Gustav Freytag und Julian Schmidt, die gleichzeitig Mitbesitzer der „Grenzboten" geworden waren, zu überlassen, während er nach seinem Vaterlande bzlv. nach Wien zurückkehrte, um sich an den politischen Ereignissen jener Zeit aktiv zu beteiligen. Die Lösung des geschäftlichen Verhältnisses zwischen dem Begründer der „Grenzboten" und deren Verleger bzw. den beiden genannten Mitbesitzern veränderte die freundschaftlichen Berührungen zwischen Kuranda und Grunow.nicht. Von dem liebenswürdigen und edlen Charakter des ersteren zeugen auch die von diesem an Grunow gerichteten Briefe aus jener Zeit. Es war dies im August 1848, als Kuranda in den Stand der heiligen Ehe trat. Es heißt nun in einem Schreiben von ihm aus Wien > unter anderem: „Bist untreu Wilhelm oder tot? Sind Sie mir böse? Krank? Faul? Das letzte' wäre noch das Beste. Ein paar Zeilen aber hätten Sie immer schreiben können.... Doch zanke .ch mit Ihnen nicht und komme nicht sogleich aus dem Häuschen, wie Sie .... Als persönlicher wie als Geschäftsfreund fordere ich Sie daher aus, ein Lebenszeichen von sich zu geben. Je ausführlicher Sie sind, desto dankbarer werde ich sein, und melden Sie mir sogar etwas Näheres über das Befinden und Leben Ihrer lieben, verehrten Frau, so will ich Ihnen zehnfach danken. Es ist eine schöne Erfindung die Ehe, und ich hätte nie gedacht, daß sie so glücklich macht. Ich habe einen Treffer gezogen an meinem Weibchen, und es hätte mich doppelt geschmerzt, wenn die Tschechen mich in Kolin totgeschlagen hätten, wie sie gefälligst beabsichtigten .... Behalten Sie lieb und in alter Freundschaft Ihren anhänglichen Freund Kuranda." Und in einer anderen Zuschrift aus dem Jahre 1849 heißt es unter anderem: „Aus einer belagerten Stadt klingen Grüße doppelt sehnsuchtsvoll. Wo sind die schönen Stunden im Hotel de Pologne vom vorigen Jahre? Dieses Jahr tanze ich hier einen anderen Tanz. Meine gute arme Regina weiß wenig von den Freuden des Karnevals. Daß ich an Sie denke, ist daher keine Faschingserinnerüng, sondern ein ernster tiefer Rückblick in eine schöne Vergangenheit. Unsere Freundschaftserrungenschaften sind alle beim Teufel. Möge die Errungenschaft Ihrer Freundschaft eine dauernde sein und wie ein guter Engel mir zur Seite bleiben." Ignaz Kuranda konnte nicht lange müßig sein. Ein glühender österreichischer Patriot, aber zugleich für Freiheit schwärmend,: entschloß er sich, seine Feder nunmehr ausschließlich in den Dienst seines Vaterlandes zu stellen. Daher gründete, ep üm Oktober 1848 in Wien die „O st deutsche P o ft "n,eme^,politische. Zeitung von würdevoller Haltung, die getreu dep ^reinen und edlen Charakter ihres Herausgebers widerspiegelte . Das Blatt zählte viele bedeutende Männer zu seinM,Mitarbeitern und erfreute sich alle Zeit großer Achtung uyd' großen Einflußes. Er kämpfte in seinem Journal für das Kroß-Deutschtum und für Oesterreichs Verbleib in Deutschland. Erst im Jahre 1866, als der deutsch-österreichische Krieg bzw. der Sieg von Königgrätz die Vormacht Preußens in Deutschland besiegelte, hörte das Blatt zu erscheinen auf. Es sei noch erwähnt, daß Ignaz Kuranda 1848 in den 50er Ausschuß und später für Teplitz in Böhmen in das Frankfurter Parlament gewählt wurde, , doch sah er bald die Unhaltbarkeit, der Frankfurter Tätigkeit ein und kehrte nach Wien zurück. Er blieb nun viele Jahre der Politik fern und betrat erst mit 1861 die parlamentarische Bahn aufs neue, als er von dem ersten Bezirk Wiens in den österreichischen Landtag und von diesem in den Reichsrat gesandt und, wie schon erwähnt, durch 20 Jahre von derselben Wählerschaft, stets neu gewählt wurde. Ein Mann von glühender Beredsamkeit und hinreißender, oratorischer Kraft, fand er als Landtags- und Reichsratsmitglied wiederholt Gelegenheit, sein rednerisches Genie zu bekunden. Wie seine Schreibweise, so waren auch seine Reden durch Eleganz und Schönheit ausgezeichnet. Im Parlament, wie im Gemeinderat, dessen sehr tätiges Mitglied er war (anläßlich seines 70. Geburtstages wurde ihm das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wien verliehen), kämpfte er in entschiedenster und begeisterter Weise sü seine Glaubensgenossen. So trat er z. B. mit größter Schärfe gegen den die Juden angreisenden Sebastian Brunner aus. Ja, er scheute sich nicht, auch gegen einen Kardinal, der nicht nur die Juden, sondern auch das Judentum schmähte, das Wort zu ergreifen. 13 Jahre hindurch war er zugleich Präses der israelitischen Synagogengemeinde in Wien, dieselbe nach außen wie nach innen hin sehr würdig vertretend. Er, der gefeierte Vorkämpfer für Freiheit und Aufklärung, der Mitbegründer der konstitutionellen Aera in Oesterreich, der hochverdiente Parlamentarier und Publizist wurde wie ein Geistesfürst zu Grabe getragen. Die Vertreter aller Kreise der Intelligenz und des politischen Lebens in Wien, seine zahlreichen Gesinnungsgenossen und Freunde, gaben ihm bei seiner letzten Fahrt das Geleit, und unübersehbar war die Menge der Menschen aus allen Kreisen der Bevölkerung, die der Trauerfeier beiwohnte. Auch ein aktiver Minister, nämlich der Handelsminister Baron Pino war zugegen. Ebenso fehlten die bekannten Exminister und Mitglieder des Herrenhauses Ritter v. Schmerling, Ignaz Edler v. Plener und Dr. Eduard Herbst nicht. Bemerkenswert und zugleich bedeutsam für die Stellung Ignaz Kurandas zum Judentum waren die Leichenreden, die der Prediger Dr. Adolph Jellinek und der Rabbiner Dr. Güdemann am Grabe des Verewigten hielten. Der erstere schilderte Ignaz Kuranda als Menschen und als guten Genius seines Hauses, der die Tugenden des Familienlebens still und geräuschlos offenbart habe, mit den Worten schließend: „Er bewahrte während seines langen Lebens das Wort des Spruchdichters: Pietät und Treue-mögen dich nie verlassen. Binde sie um deinen Hals, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, denn sie sind der schönste Schmuck des Menschen. Vor ihrem Glanz erbleichen alle Strahlen irdischen Ruhms." Auch Rabbiner Dr. Güdemann hob die Treue und den Bürgersinn des Dahingegangenen, seine Familientugenden, sein häusliches Leben, die Echtheit und Aufrichtigkeit seines öffentlichen Wirkens und seine Liebe für Israel hervor. Ebenso soll noch der Schlußrede gedacht werden, die der Gemeinderat Ritter v. Borkenau als Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Wiens im Namen derselben gehalten hat. Er sagte unter anderem: „Die letzte Scholle Erde legen wir aus dein teures edles Haupt, den letzten Scheidegruß rufen wir dir an dieser teuren Stätte zu. Doch, wenn auch deine irdische Hülle uns fortan entzogen bleibt, das, was du mit der Macht deines Geistes erstrebt und errungen, was du mit deinem gemütvollen Herzen für die Menschheit geleistet, es wird sortleben in dem Andenken künftiger Geschlechter, den

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