Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
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jedes unbedachte Wort eines Kirchenvaters, für jede ruchlose Tat eines Ketzerrichters? * So unglaublich es auch scheint, selbst in d'en Köpfen moderner Judenfeinde wird es einmal Licht werden. Eine solche Hoffnung darf man hegen, wenn man sieht, daß jetzt, wie es scheint, in Rußland mit dem Ritua Im o r d - m ä r ch e n aufgeräumt wird. Ich lasse die Berichte des „Berl. Tagebl." über diese Angelegenheit folgen: K i e w , 9. Juni. Der Ritualmordprozeß Justschinsky scheint eine neue Wenoung genommen zu haben. Die von dem Redakteur Brasul-Bruschkowsky entdeckten Umstünde erhellen die ganze Mordgeschichte. Und die schon früher erwachten Vermutungen verwandeln sich jetzt in Gewißheit. Schon die ersten Angaben Brasul-Bruschkowskys, die noch nn Winter veröffentlicht wurden, wiesen aus eine Reihe neuer Tatsachen hin. Aber damals wurden diese Angaben wenig beachtet. Die Agitation gegen die Juden erreichte damals ihren Höhepunkt, und von den Gerichten wurden diese Mitteilungen merkwürdig gleichgültig ausgenommen. Heute ist die Lage der Dinge insofern günstiger, als sogar die Urheber dieses Prozesses zur Einsicht gekommen sind, daß es trotz der enormen Anstrengungen doch nicht möglich ist, aus diesem Fall einen Ritualmordprozeß zu konstruieren, um so weniger, als auch ganz Europa heute diesen Prozeß verfolgt. Brasul-Bruschkowsky bringt Aufklärung über die große Anzahl von Hieben, die der Knabe Juschtschinskh erhalten hat. Der „Verband der echt-russischen Leute" beschuldigte die Juden, daß sie, nach ihrem »Ritual", aus den Wunden Blut geschöpft hätten. Brasul-Bruschkvwsky erklärt diese Stiche jedoch als Folge der Folter, welcher der Knabe von der Diebesbande unterworfen wurde. Er sollte gezwungen werden, ihnen zu erzählen, was er von ihrer Tätigkeit der Polizei verraten konnte. Und nur nach langer und qualvoller Folter sei der Knabe ermordet worden. Die Angaven Brasul-Bruschkowskys sind in der Presse im Interesse des Prozeßes bisher nicht veröffentlicht worden. Alan sucht sie vor der Presse nach Möglichkeit geheim zu halten; aber die rege Aufmerksamkeit, mit der diese Angaben von der Proturatur und dem Untersuchungsrichter ausgenommen wurden, zeugt davon, daß diese Mitteilungen sich aus sichere Tatsachen gründen. Auch folgender Umstand verdient Beachtung. Bon den Personen, die Beilis richten sollten, sind der Vorsitzende des Kreisgerichts Grabeer und der Vorsitzende der XII. Abteilung, der grausame Kislitschky, versetzt worden. Bei den höheren Behörden haben die, Angaben Brasul- Bruschkowskys wahre Sensation hervorgerusen, und in Petersburg ist das Interesse so groß, daß die Einzelheiten des Verhörs mit den von Brasul-Bruschkowsky augegebenenen Zeugen übermittelt werden müssen. Die Hauptfrage ist heute, vb man den Beilisprozeß als liquidiert ansehen kann. Ueber diese Frage sprach ich mit einem der obersten Gerichtsbeamten Kiews, der mir folgendes mitteilte: „Den Beilisprozeß kaiin mau vorläufig lioch nicht als völlig beendigt ansehen. Es roird noch eiiw ziveite förmliche Untersuchiiug vorgenommen werden. Dieser Ausgang ist der einzig wahrscheinliche und auch wünschenswerte, und die neue Untersuchung wird hoffentlich nach den Angaben Brasul-Bruschkowskys die rvirklichen Mörder des Knaben Justschinsky; ausfindig machen. Erst nach der Verhaftung des wahren Mörders Justschinskys wird die Befreiung des Beilis möglich werden. Rur daun kann auch eine neue Anklage versaßt werden. . Solange aber die Mörder Justschinskys nicht genannt und verhaftet sind, kann von einer Befreiung des Beilis keine Rede fern!" Kiew, 13. Juni. Der antisemitische „Kiewljanin" veröffentlicht einen Teil der Angaben, lute sie Brasul gemacht haben soll/ Die Mitteilungen des „Kiewljaniu" rufen hier große Erregung hervor. Danach sei Justschinsky mit dem Sohne Tschebiruks in Streit geraten. Jnstschiusky drohte nun, der Polizei von der Verbrecherbande zu erzählen. Am 9. März 1911 wurden vier Mitglieder der Bande verhaftet und am- 10. eine polizeiliche Untersuchung in der Wohnung-Tschebiruks vorgeuiommen. Die Verbrecher beschlossen hieraus, den Knaben Justschinsky, gegen den sich der Verdacht des Verrats richtete;- zu töten. Sie lockten ihn am 12. März in die Wohnung Tschebiruks, Ivo im. Schlafzimmer Signejewsky, Rudsinsky und S-atischew den Knaben zu Tode quälten. Satischew sammelte das Blut- -.Die Leiche.wurde-.in einen Teppich eingewickelt und im Kellervergraben. Am 14. März sagten Mansilewsky und Mnsuk zu Tschebiruk, Justschinsky sei nutzlos getötet worden. Daraufhin gruben sie die Leiche wieder aus, zogen sie an Und versteckten sie nachts in einer Höhle: Die Angaben Brasuls, so schreibt 'der „Kiewljanin", verlangten eine genaue Untersuchung durch das Gericht. Es sei leicht, die 'Unwahrheit dieser Mitteilungen nachzuwoisen. Erwiesen sie sich aber als richtig, dann hätte maneinen furchtbaren Fehler entdeckt. Kiew, 14. Juni. Gestern morgen kam die von Brasul als Mitschuldige am „Tode des Knaben Justschinsky bezeichnete Tschebirokowa auf das Gericht. Sie erklärte, sie habe in den Zeitungen gelesen, daß sie angeblich zu fliehen beabsichtige und verlangte einen Aufschub ihrer Verhaftung. Ihr Begehren wurde gewährt, da man es begründet fand. Ueber das Verlangen der Verteidiger Beilis, gemäß den neuen Tatsachen, welche die jüngsten Zeugenaussagen ergaben haben, eine neue Untersuchung zu eröffnen und Beilis als unschuldig verhaftet freizu lassen, findet heute eine wichtige Beratung in -der Prokuratur statt. Kiew, 15. Juni. Es wird jetzt hier allgemein anerkannt, daß die Aufklärung des sogenannten „Ritualmordes" an dem Knaben Justschinsky erfolgreich durchgesührt ist. Dieser Ansicht gaben heute auch mir gegenüber die beiden berühmten Rechtsanwälte Gladkow und Malatschewsky Ausdruck. Alle rttssischen Zeitungen veröffentlichen die Enthüllungen über den wahren Hergang und begleiten die Veröffentlichung mit Leitartikeln. Der Eindruck in der Bevölkerung ist überaus groß. Sogar der Sachverständige Sikorsky sagte mir heute überraschenderweise, er sei ein Gegner der Ritnalmordlegende. Nehmen wir dies als gutes Anzeichen, daß es selbst in Rußland endlich tagt. Lum Andenken Mna? Lnranda's. Bon Dr. A d o l p h K o h u t. (Schluß.) ie Unterredung des-Redakteurs mit dem Minister fiel ganz zugunsten des ersteren aus, und Kuranda durfte in Berlin bleiben. Doch dauerte die Herrlichkeit nicht mehr lange. Schon einige Monate später erhielt er die amtliche Order Berlin und Preußen zu verlassen und er mußte das Feld räumen. Diese Ausweisung eines nichts weniger als radikalen Schriftstellers, dem man lediglich sein Judentum nicht verzeihen konnte, machte in der damaligen Presse das größte Aufsehen und wurde sehr scharf kritisiert. So hieß es z. B. in dem von Gustav Kühne, dem letzten vom „Jungen Deutschland", redigierten Blatt „Europa" vom 17. Oktober 1846: „Wenn auf der Zitadelle zu Magdeburg vier Schriftsteller ihre Strafzeit absitzen, so sind sie als Landeskinder in Form Rechtens angeklagt und verurteilt; sie haben schlimmsten Falles aus der Festung Muße ihre Landesgesetze zu studieren. Gegen Ausländer, ich meine gegen Deutsche, die nicht Preußen sind, greift Preußen zu einem höchst provisorischen Mittel. Aus die Ausweisung Jtzsteins und Heckers ist jetzt die Kurandas erfolgt. Kurandas Paß war in Richtigkeit, gegen seine Person und sein Privatleben lag keine Beschwerde vor; der Polizeipräsident, Herr v. Puttkammer, mußte ihm diese Ehrenerklärung geben. Eine Audienz beim Minister des Innern, Herrn v. Bodelschwingh, Exzellenz, führte zu weiteren Erklärungen, die Herr Kuranda dem deutschen Publikum hoffentlich nicht entziehen wird. Der Minister nannte die „Grenzboten" ein für Preußen gehässiges Blatt, konnte jedoch diese Verurteilung nur auf einzelne Artikel erstrecken. Ich leugne nicht, daß einige Mitteilungen aus Berlin und zwei Aufsätze über Westfalen auch das edlere preußische Bewußtsein in einem Grade erbittern mußten als es weder der Redakteur, ein Oesterreicher, noch der Zensor des Blattes, ein Sachse, durchsühlen konnten. Diese Artikel waren zweifelsohne von preußischen Landeskindern. Will man also, da man diese nicht gleich abstrusen kann, wenigstens den Redakteur empfindlich kränken?