Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
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in jener „kritisch-historisch-poetischen Arbeit" von -1797 Mer Moses Wirken als Religionsstifter und Prophet stillschweigend hinweggeht. Nus jener früheren Entwicklungsstufe, da er den Magier Faust den Erdgeist beschwören lieh,' hat er auch Moses noch, nicht rein als Mann der-Tat, als Bruder des Cellini, des Tell, als Artverwandten, moderner Franzosen, angesehen. In jenem Frühling und Sommer? 1797-/der die Sehnsucht Vach Kalten wieder entzündet, kommt eine Wendung - in Goethes Denken und Schassen zum Durchbruch. Der Begriff des Typus, des Urphänomens durchdringt die schauende Hingabe an die Fülle des Lebens, an die Welt des Persönlichen, an die Erscheinungen der Natur. Man weiß, wie er nun. bemüht ist, im Besonderen das Allgemeine und Konstante, im Erlebten das Objektive, im Mannigfaltigen die Einheit, in? der Erscheinung die Bedeutung darzustellen und der Beobachtung die täuschenden Hüllen des momentanen Eindrucks, des individuellen Gefühls abzuziehen. Damals kämen ihm die -symbolischen Gegenstände" zum Bewußtsein: „eminente Fälle, die, in einer charakteristischen Mannigfaltigkeit, als Repräsentanten von vielen anderen dastehen". Und als er wieder an' den „Faust" kam, erschien ihm „Faust" nicht mehr als schwankende Nebelgestalt. Faust mußte zum menschlichen Typus gehoben und gefestigt werden. Aus dem mystischen Schwärmerdem Grübler, dem Träumer, mußte der Titan des Willens, der Tat werden. Das Ende dieses Faust stand bei Goethe bereits 1781 fest. Es sollte gestaltet werden nach der uns Menschliche, Typische hinausgeläuterten „Judenfabel" vom Tod des Moses. Diese Studien, die sich um die Begriffe des Typus und der Persönlichkeit drehten, lenkten zurück in die große Schatzkammer menschlicher Typen von, poetischer Urkraft: in das Alte Testament. Das erste, das Goethe nach der Wiederaufnahme des „Faust" daran schuf, war der Prolog im Himmel; er ruht auf dem Hiobmotiv. Aber dieses steht in nächster ideeller Verwandtschaft mit einem Motiv der rabbinischen Mosessage. Die Wette im Himmel um den Knecht Gottes und die Entscheidung der Wette-über der Leiche Fausts hängen zusammen; auf beide hat die Mosessage eingewirkt. 1797 traf Goethe in Zürich der Pfarrer Geßner und schrieb darüber: „Ich ging in den Schönenhos, in der-sonderbaren Erwartung, da vielleicht Goethe zu sehen. Er kam. Stirne und Augen Moses, lauter Geist und Feuer"; der Dichter des „Faust", der sich damals anschickte, mach dem Menschheitstypus, der in seiner Phantasie den idealen Moses darstellte, den Magier des sechzehnten Jahrhunderts zu formen, in der Großheit, wie sie Michelangelos Moses den Sinnen offenbart hatte, wuchs selbst in die Rolle des Moses und wurde allmählich gleich diesem ein Führer, Priester, Prophet seines Volkes, der Gründer eines neuen Bundes mit Gott und, einer neuen nationalen Kultur. ' Die Mösessage hat nicht bloß den Abschluß der Fausttragödie beeinflußt. Als Goethe, von Cellini kommend, das Ideal des schaffenden Helden im Sinne hegend, den Faust zum „Flügelmann" geistigen Strebens steigerte, gab er ihm etwas von dem Blute des Moses, etwas von dem Volksführer und Volksbefreier, dem Kolonisator und Landgewinner^ dem sittlichen Gesetzgeber, dem Wegweiser diesseitigen Lebens; von jenem Moses, den Goethe wohl als Heerführer, Gesetzgeber, Organisator, Befreier, aber so wenig als Propheten und Religionsstifter charakterisierte. Und dennoch! Auch der Faust, den die Magie umstrickt, der-sich vergeblich von ihr loszumachen strebt, hat Elemente des Mosestypus, ebenso der-Faust der früheren Entwicklungsstufe,-der-den Erdgeist beschwor, der auf den Brocken hinausstürmte, der im Alpengebirge vor Sonnenaufgang die Einsicht gewann, daß der Mensch das Sonnenlicht nicht unmittel- - bar, daß er es nur im farbigen Abglanz sehen und nur in diesem das Leben finden kann; auch dieser Faust, der sich scheinbar vom Göttlichen abwendet, der es nur in irdischer Tüchtigkeit und Tätigkeit sucht, der es kn Werden/des Geschaffenen gewahrt, an dem seine Persönlichkeit Angreifers -.teilnimmt, auch er ist ein Abbild, allerdings auch ein Gegenbild .jenes Moses, der, im Laufe-alter Traditionen, dertheosvphischen Mystik, der magisch-Pantheistischen christlichen und jüdischen Naturphilosophie aufgegangen war. - Wie die beiden entscheidenden Monologe, die Beschwörung des. Erdgeistes und das Dankgebet in Wald und Höhle Reflexe der Mosesmythe sind, ist auch der Anfangsmynolog des zweiten Teiles aus der Mosessage befruchtet. Nicht minder freilich der Schlußakt, „Fausts Tod": Drei Stellen aus der Moses- Vita Gregors v. Nyssa setzen das außer Frage: „daß der Heilige noch voll von dem anmutigen Gesichte' des gelobten-Landes entzückt verscheidet", entspricht den letzten Worten und Emp-? findungen des sterbenden Faust; daß „Engel ihn in einer Glorie wegzuheben beschäftigt sind", entspricht der Erscheinung „Glorie von oben rechts. Himmlische Heerschar" bis in den Worblaut des Szenars; daß Satan vor den Engeln weichend „nür in einer Ecke des Vorgrundes noch Platz findet und sich höchstens noch umsehen" kann, „ob nicht auch für ihn etwas hiev zu erwerben sein möchte", entspricht genau dem Szenar: „Die Engel nehmen umherziehend den ganzen Raum ein; Mephisto wird ins Proszenium gedrängt." * Goethe besaß eine genaue Kenntnis der Mosessage. Er verspottete sie als „Judensabel". Aber der in ihr verborgene edle Kern hatte sich tief eingedrückt in sein Gemüt, und empfing daraus neues Leben und Wachstum. Woher Goethe diese Kenntnis kam, wie weit sie in den damals bekannten Stoff der Moseslegende eindrang, weist Burdach mit gründlichster Gelehrsamkeit und phantasievollem Scharfsinn im einzelnen nach. Schon allein in jener Mosesbiographie Gregors v. Nyssa fanden sich für Goethe Faustmotive, wie der Ausstieg auf das hohe Gebirge am Morgen, das begleitende, anwachsende Posaunengetön, das voraufgehende Läuterungsbad, das Schauen des Lichtes der aufgehenden Sonne, das heißt der Gottheit oder göttlichen Natur, das dem Auge des Schauenden als Dunkelheit erscheint, die Unstillbarkeit der Begierde nach erhöhtem Emporstieg, nach gesteigertem Genuß der Schönheit, das ewige Hunger- und Durstgefühl des unendlichen Strebens, die Gleichsetzung des menschlichen Lebens mit diesem Streben, die Fragemach dem, was „Leben" sei und heiße — alles Züge, die in der Anfangsszene des zweiten Teiles hervortreten als Wegzeichen für den weiteren Gang des Dramas. „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben" — das ist die Erkenntnis, die Faust davonträgt. Sie gibt' der folgenden Entwicklung des Dramas die Richtung. Sie ist die Wiederholung der Beschwörung des Erdgeistes, die Berichtigung der elegischen Naturschwärmerei des Monologs in Wald, und Höhle, das Erwachen aus jenem Unendlichkeitsrausch, der ihn im Frühlingssturm der Maiennacht auf den Gipfel des Brockens trieb. Diese vier Grundsäulen der Fausttragödie wurzeln in Motiven der biblischen Mosessage und ihrer Ausdeutung 1 durch Gregor v. Nyssa. Burdach wird diese Studien fortsetzen und die Wissenschaft wird sich mit dem Gegenstände beschäftigen, sobald die Ausführungen des Gelehrten im Wortlaut vorliegen. Wahrscheinlich wird es an ernstem Widerspruch nicht fehlen, aber die einzig würdige Art, in der neue Theorien bekämpft werden dürfen, ist sachliche Auseinandersetzung und Operieren mit wissenschaftlichen Gründen. Die „Deutsche Tageszeitung" aber bringt es fertig, in einem Artikel vom 30. Mai „Konrad Burdach und der Faust" die Untersuchung antisemitisch zu verwerten. Mt Hohn und Spott werden diese Forschungen abgetan, lächerliche Parallelen