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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-21 · Heft 25 (21.6.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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76. Jahrgang Nr. 25 ‘fäSXi frIWfr Derlidi 21. Juni 19)2 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Iiüeresse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch- Handel o7er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M.— Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr^ Ludwig Philippsön Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Büäolk vilosse» Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierusäle-ve? Straße zu rich e i. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Mo^es und Faust. — Die Woche. — Zum Andenken Ignaz Kuranda's. Von Dr. Adolph Kohut. — Jakob Wollstein. — Rabbiner Dr. Samuel Bäck. Von Pros. Dr. S. Stern.. — Zum 100. Geburtstage der Vorkämpferin der Neger-Emanzipation^ Von Marcus Landau. — Feuilleton: Suleika. Von Bla nka K ä p. — Die Jüdinnen im Exil. Von B. Schneider. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindcbote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin. Hohensalza, Posen, Breslau, Hamburg. Hannover, Wien, Paris, Petersburg. — Bon Nal^ und Fern. und Fault. n der ersten Hälfte des Mai hielt Konrad Burdach, M früher Professor der deutschen Philologie in Halle, seit einer Reihe von Jahren Mitglied der Akademie der Wissenschaften, einen Vortrag in der philosophisch-historischen Klasse der genannten Körperschaft über „Einwirkungen der Mosessage aus Goethes Faust". Während im allgemeinen die Vortrage, die in der Akademie gehalten und in den Sitzungsberichten der gelehrten Gesellschaft, nur einem kleinen Teile der Gelehrten mitgeteilt werden, dem großen Publikum unbekannt bleiben, ist dieser Vortrag in den Tageszeitungen vielfach erörtert worden. Paul Schlenther, der seinem Landsmanne nahesteht, hat Gelegenheitgenommen, das wesentliche dieses Vortrages im „Berliner Tageblatt", 15. Mai, darzulegen, möglichst mit Burdachs eigenen Worten. Ich glaube, daß auch die Leser dieser Zeitung an den eigenartigen Ausführungen des bedeutenden Forschers Interesse nehmen werden, und lasse deswegen Schlenthers Artikel hier folgen. Man hat längst , gesehen, daß am Schluß der Goetheschen Tragödie die Grablegung des greisen Faust durch Lemuren, der Kamps um die Seele des Toten zwischen den. von Mephisto herbeigerusenen Teufeln und der von oben niederschwebenden himmlischen Heerschär, die dem bösen Dämon Fausts Unsterbliches entführt, ein Motiv der Mosesfage gestaltet. Freilich nicht wie diese Sage , im Buch der Bücher steht, sondern wie sie sich in späteren Berichten über Tod und Leben des Moses ausgebildet hat. Es kommt hinzu das übereinstimmende Motiv der Herstellung des Grabes durch Mitwirkung von Geistern. Es besteht eine Ähnlichkeit darin, daß der hundertjährige Faust, wie der hundertundzwanzig Jahre alte Moses dem Tod Widerstand leisten, der nur durch geisterhafte Mächte gebrochen wird. Es findet sich ein Parallelismus, insofern Faust wie Moses in ihrer schöpferischen Vollkraft, im unverdunkelten Besitz ihres Geistes sterben mit dem sehnsuchtsvollen Blick in das erhoffte nahe Zukunftsland, im Vorgefühl der sicheren Erfüllung des Ideals, das selbst zu erreichen ihnen doch versagt bleibt, und endlich: beide, Faust und Moses, sterben mit einem Vermächtnis auf den Lippen^ Die beiden letzten Uebereinstimmungen sind entscheidend. Hier lebt die Seele der Sage vom Tod des Moses. Diese Seele hat Goethe ergriffen und feine Phantasie zur Nachgestaltung angeregt. Faust gleicht dein Begründer des jüdischen Staates, dem Gesetzgeber und Bildner der sittlich - religiösen Existenz des jüdischen Volkes, dem Bevollmächtigten und Sprecher Gottes, dem priesterlichen Führer Israels; er stirbt auf der Höhe eines titanischen Lebens, von Gott gerufen, von Gott bestattet; er sieht das Land der Verheißung zum Greisen vor sich, aber er. selbst kommt nicht hinein, und im Scheiden denkt er nicht mehr an sich, sondern der kommenden Geschlechter, denen er ein Gesetz sittlichen Lebens hinterläßt. Die Gestalt des Moses ist für Goethe feit früher Jugend ein Bestandteil jenes andächtigen, nie ganz erlöschenden Werbens um das Verständnis des Orients. Burdach verfolgt dieses Interesse für Moses durch Goethesganzes Leben. Im Verkehr mit Schiller wird es 1797 besonders rege. Als er die Biographie Benvenuto Cellinis, von dem ein Moses stammt, schrieb, äußerte er zu Schiller: „Die beyden handsesten Purfche, Moses und Cellini, wenn man sie neben einander sieht, so' haben sie eine wundersame Aehnlichkeit." Ein für Schillers „Horen" bestimmter Aufsatz über Moses wurde fast fertig, blieb aber liegen. Die Bedeutung dieser Arbeit für Goethes künstlerisch-menschliche Entwicklung ist aber groß. Der Charakter des Moses ist Mittelpunkt der Betrachtung: „Endlich stehet aus einem gewaltsamen Stamm ein gewaltsamer Münn auf, lebhaftes Gefühl von Recht und Unrecht und heftige Tat' zeichnen ihn aus. Einen Aegypter, der einen Israelitin mißhandelt, erschlägt er, sein patriotischer Meuchelmord wird entdeckt und er muß entfliehen. . . Als einen kräftigen, kurzgebundenen, verschlossenen, der Mitteilung Unfähigen finden wir ihn auch in der Verbannung wieder.." Goethe betont, wie einst der junge Schillernden Gesichtspunkt, daß Moses sein Volk befreit, aus Sklaven zu einem Volk der Freiheit gemacht und ihm einen Gott der Freiheit gegeben habe. Burdach erinnert an Tell, dem Goethe damals ein Epos widmen wollte und dem Schiller erst durch Goethe nahe trat. Noch dreißig Jahre später erzählte Goethe, wie er damals ein Mosesdrama angefangen hätte. „Ich hätte zuerst gezeigt, wie die Kinder Israel bei schwerem Frondienst, von der Tyrannei der ägyptischen Vögte zu leiden haben, damit es nachher desto anschaulicher würde, welche Verdienste sich Moses um sein Volk erworben, das er aus so schändlichem Drück zu befreien gewußt." Hier ist schon mehr als-das Bild eines „handsesten Purschen", mehr als Cellini, mehr auch als Tell. Hier ist etwas von dem Faust, wie ihn der zweite Teil zeigen solltein der großen Welt, am Hofe des Kaisers, als Kriegsführer, »als Herrscher. Von dem Faust, der die Mystik magischer: Naturbefchwörung überwunden und die Uebersetzung geprägt. ' hat: „Im Anfang war die Tat". Es befremdet, daß Goethe

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