Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteln. Ja, lieber Alfred, die Quelle unseres Glückes ist erschlossen. Hier schreibt die Firma Gordon und Halftan, daß sie bereit sei, meinen Leo unter sehr günstigen Bedingungen als zweiten Direktor zu engagieren. Der Eintritt könnte bald erfolgen; da der jetzige erste Direktor betagt und ruhebedürstig sei, so würde in kurzer Zeit ein Ausrücken in dessen Stelle erfolgen können." — -- Wie strahlten die Augen des überglücklichen Mädchens, das nun die sichere Aussicht hatte, bald ihrem geliebten Leo fürs Leben anzugehören. —- : v - Mit leuchtenden, schier verklärten Blicken hatte das Elternpaar den Worten Marthas gelauscht, ^ränen unermeßlicher Freude rannen, über die gefurchten Wangen. — llnd Alfred Heimburg? — . . Ein stummes Nicken, ein verzerrtes Lächeln nur. war seine Antwort. — ... Wie erbärmlich, wie feige kam er sich vor! — Seine feuchtschimmernden Augen schweiften prüfend über die Gesichter der drei vor ihm befindlichen, glücklichen Menschen hin. Und er sollte nun jäh diesen lichten Freudenschein, der sie ihm schier'als überirdische Wesen erscheinen ließ, verscheuchen? Sollte mit rauher' Hand das Herrliche Zukunftsgebäude, das sie sich schon errichtet, niederreißen und mit einem einzigen Worte nun höchstes Glück - in tiefstes Leid . verkehren?! — — Nein! Und abermals nein! — Er konnte es nicht! Er nicht, jeder andere wohl! Und nicht jetzt! — Die Trauer und der Schmerz konnten für die jetzt so überglücklichen Menschen noch früh genug anheben. — Seltsamerweise war man bisher gar nicht auf sein eigentümliches Gebühren aufmerksam geworden.— Da — fiel ein flüchtiger Blick aus dem feuchten Mutterauge auf sein Gesicht. Frau Grünfeld-sah Prüfend, fragend aus ihn, und auf ihr Antlitz lagerte sich jetzt ein Ernst, der ihn erbeben machte. — Nun mußte der verhängnisvolle Augenblick Eintreten! — Da begann fein Herz gewaltig zu Pochen, die heftigen Schläge lähmten fast seine Zunge. Ein Taumel erfaßte ihn, so daß er sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. Dann brach er in Tränen aus, bedeckte mit beiden Händen sein Gesicht und rief schluchzend, mit gebrochener Stimme: „Ich — ich — kann es nicht!"-Dann stürmte er hinaus. — Plötzlich war der Freudenrausch aus dem trauten Kreise geschwunden! — ’’ Schrecken und Angst prägten sich auf den Gesichtern der drei eben noch so hochbeglückten Menschen aus, und aus drei Kehlen. erscholl es herzzerreißend:;r' „Allmächtiger! Unser Kind!" — — „Großer Gott! Mein Leo!"-- - Dann herrschte eine Weile Totenstille im Zimmer! — — .. Drei Tage später. ■ Durch die Hauptstraße Bodenbergs bewegte sich ein großer Leichenzug. Hinter dem Leichenwagen schritt neben dem Rabbiner ein älterer Mann tiefgebeugten Hauptes dahin. Es war Herr Abraham Grünfeld, der Vater des unglücklichen Leo Grünfeld.. Ihm folgten einige Herren, an deren Haltung, man erkennen konnte, daß sie Militärs in Zivil waren. / , ' ...: . . /' In.der. Tat chatten die direkten Vorgesetzten Leo Grünfelds es sich nicht versagen können, dem Hingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen, vbwöhl die Eltern sich jedewede militärische Mitwirkung her der-Bestattung ihres -Kindes verbeten hatten? ' -? ' "• Auch hatten sie irgendwelche Kranzspenden zurückgewiesen, da es ihnen widerstrebte, von derjenigen Stelle Ehren- und Beileidsbezeigungen entgegenzunehmen, wo ., der Verklärte seinen Tod gefunden. — - - Und der ehrwürdige Prediger konnte es am offenen Grabe angesichts einer aus allen Kreisen der - Bevölkerung sich zusammengesetzten Trauerversammlung nicht unterlassen, der Frage Ausdruck zu verleihen, „wann endlich die Zeit beginnen werde, wo Nicht mehr lediglich die Zugehörigkeit zuM jüdischen Glauben ein solches Martyrium herbeiführen könne, wie es der Verstorbene hatte erdulden müssen!" -- ' ofesr. Literarische Mitteilungen. — Einsames Land. Erzählungen und Stimmungsbilder Won Dr. .Wilhelm Münz, Rabbiner in.Gleiwitz. (Frankfurt a. M. I. Kaufmann. Zweite erweiterte Auflage. M..2.50 bis-3.50.)- . Es-trifft sich-gut, daß-der Wunsch nach einer „Besprechung" obiger Skizzen int Anschluß'an die Tagung des oberschlesischen -Synagogen- Gemeindeverbandes in. Oppeln (5. Mai) mir nahegelegt-wurde, weil es ganz gewiß nicht ohne Bedeutung ist, nebst der Dichtung - auch den Dichter würdigen zu können.- Sagt doch der Altmeister Goethe,-man müsse, um den Dichter Werstehen zu wollen, in seine Lande gehen. Es verschlägt auch -nichts, daß der Verfasser der Stimmungsbilder dem Referenten Entgegenkam, indem er auf der genannten Tagung nicht als Mann der Politik, der nur mit dem Verstände in den Streit der Meinungen hinuntersteigt, das Wort ergriff — sondern als einer sich zeigte, dessen Herz ein herrliches Wort ihm auf die Lippen drängt, das Wort vom Frieden, von der Einigkeit aller um „des Höheren" willen. Dr. Münz steht also nicht auf den Zinnen der Partei, er lebt in „einsamem Land". Und sinnig und treffend benamst er auch so eine Sammlung von Stimmungsbildern, die aus dem'reichen, reinen Vorn seiner Empfindungen geboren sind. Gewiß, er kann auch als „Dichter Katochen" das Schöne mit dem Kräftigen paaren, wie das'sein flammender Appell „an die regierenden Fürsten und Staatsoberhäupter der Kulturwelt" (zweite Auflage, Köbner-Bresläu) über die Judenmetzeleien in Rußland erweist, wie das sein ^offener Brief an jenen Arier" Liebermann von Sonnenberg (16. bis 20. Tausend, Neumann-Gleiwitz) über Ritualmord und Eid dartut. Aber das Schöne liegt ihm doch besser; da kann er seine übervolle Quelle der Phantasie strömen lasten; da findet er die rechten Worte zum. rechten Sinn. In einsamen Stunden wollen seine „Stimmungsbilder" gelesen sein; in der Einsamkeit umweht uns ihr Duft.; Nicht' seichte Lektüre zur Zerstreuung bietet er uns: er will uns innigeren Genuß verschaffender will uns emportragen auf den Fittichen des „Geistig- Herrlichen" unduns zur Anerkennung von dem Werte des Lebens zwingen. Ich bringe 'es deshalb nicht über mich, mit der Sonde des Kritikers herauszuschälen das, was ich für gut, bester, am besten halte, . weil es kein Tendenzbuch im schlechten Sinne ist. Mag es auch aus „frommem" Herzen stammen, die süßliche, aufdringliche. Frömmelei und Werbungssucht liegt ihm fern. Es ist ein Feiertagsbuch, das sich an nicht alltägliche, feinsinnig angelegte Naturen wendet. Die' aber wird es ergreifen, erbauen und zu reineren Höhen führen. Ihnen, ist es geweiht, ihnen sei es von ganzem Herzen empfohlen. ,, Dir. Kaß-Rybnik. Mchrremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. Mai. Heft 5. 1912. XII. Jahrg. ' 'Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde, zu Berlin., 2. Jahrg. Nr. 5. - Die Rechtsstellung der israelitischen Kultusgemeinde im rechtsrheinischen Bayern.- Von Dr. Fritz Wahlhans. 1912. München und - Berlin.- I. Schweitzer Verlag.' - - -; - - - - Dreißigster Bericht -der Lehranstalt für die- Wissenschaft des Judentums in Berlin. Berlin 1912. - ' - - .;