Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Heimburg, ich habe Ihnen einen Auftrag zu erteilen.--Ich /weiß, daß 'der Verstorbene Ihrintimer Freund war. Ich weiß aber auch, daß ein altes Elternpaar jetzt den Tod seines ' einzigen Kindes' zu beklagen hat. Sie nurkönnen den Alten schonend die Trauerbotschaft übermitteln, da Sie auch den Eltern Ihres unglücklichen Freundes nahe stehen. Darum kleiden Sie sich [ uni und führen Sie meinen Auftrag Ln der- . ständiger Weise aus, damit nicht noch mehr Unheil gestiftet werdet" ~-'-v1'- ’ Der Hauptmann entfernte sich, und Heimburg blieb ratlos zurück. Wie sollte er /sichdieses ihm gewordenen schweren Auftrages entledigen? - : ' Während'er sonst mit Freuden bereit gewesen wäre, seinem verewigten- Freunde das schwerste Opfer zu bringen, ihm jeden Liebesdienst zu erzeigen, — jetzt zögerte er, den Auftrag seines Hauptnränns aüszusühren.7 ' ' ' Zägörr und Bringen erfaßte jetzt das sonst von Mut und Tatkraft gespannte Herz des jungen Kriegers!' Je mehr , er sich das Ebenbild des Verewigten vergegenwärtigte und dabei der Eltern desselben gedachtedie gewiß in diesem Augenblicke in dem Gedanken an die glänzende Zukunft ihres Einzigen schwelgten, — desto mehr ward er der Schwierigkeit inne, ihnen die doch unumgänglich notwendige Mitteilung von dem sie so Plötzlich betroffenen herben Verluste in schonender Weise zu machen. Er schritt, langsam der Kaserne zu und begab sich auf die nächste.Stube, um sich hier seiner Ausrüstungsgegenstände zu entledigen. . Dann trat er, einen flüchtigen Blick aus die Türe der Stube werfend, .in der sein unglücklicher .Freund nun in ewigem Schlafe lüg, den schweren Weg an. — — Einem. Trunkenen gleich taumelte Alfred Heimburg durch die Straßen, die von.einer aus und.ab wogenden Menge belebt wurden. Er zermarterte sein Hirn> um die richtigen Worte zu firiden, in die er.seine Botschaft zu kleiden hatte. — Jede Unvorsichtigkeit, jede vorschnelle Andeutung konnte das Herz der Alten tödlich treffen! — Er mußte seinem Wesen eine ganz andere Verfassunggeben, mußte da Harmlosigkeit heucheln, wo Schmerz und Trübsal ihn zu erdrücken drohten. Und er war kein Meister der Verstellungskunst! — Zahlreiche- Straßen hatte er schon durchwandert. Er vermied es, ein Gefährt zu benutzen, denn er hatte keine Eile, um an das Ziel seiner Wanderung zu gelangen. Die Nachricht, die er zu übermitteln hatte, gelangte immer noch früh genug an den Ort ihrer Bestimmung. Und er wollte allein sein, allein mit seinen Gedanken und Empfindungen, die mit immer wachsender Wucht aus ihn einstürmten, je näher er dem Hause kam, in welchem die Eltern seines unglücklichen Freundes wohnten. Immer zögernder wurden seine Schritte.— Das Bild Leo Grünfelds schwebte unausgesetzt vor seinem geistigen Äuge. Wie hatte er ihn geliebt und geschätzt. Welch Edelsinn-erfüllte den Freund, der ihm, dem Elternlosen, stets zur Seite gestanden. Und zu welchen Erwartungen berechtigte er, der so jäh aus dem Leben geschieden war! Keiner seiner Jugendgenossen war ihm je so nahe getreten, wie dieser. Und wie enge Beziehungen knüpften ihn an dessen Eltern,-die ihm, dem früh Verwaisten, fast elterliche Liebe entgegengebracht von dem Tage an, da er Vater und Mutter in kurzer Frist nacheinander verloren hatte. Sie schlossen ihn ins Herz, als sei er.ihr eigenes Kind.. Und wie wohl hatte er sich stets im Grünfeldschen Hause gefühlt.! Selbst an den .jüdisch-religiösen Festen durfte er im Kreise-der Familie nicht fehlen-und mußte an den mannigfachen Genüssen, die solche. Tage mit sich brachten, teilnehmen. Ja, er hatte die Weihe solcher Festtage in demselben Maße-empfunden, als seien sie solche, die in * christlichen Häusern gefeiert wurden. Wie hatte - die Innigkeit des trautem Familienlebens, die in der Grünfeldschen Häuslichkeitstets -waltete, auch ihn ergriffen und. so wohltuend auf ihn gewirkt, wenn er nach des Tages Lasten und Mühen die Abendstunden bei dem -Grünfeldschen Ehepaare verbrachte. Diese' Innigkeit tat sich aber in noch höherem Mäße kund, wenn in dem FamLenkreise die liebenswürdige, geistvolle. Nichte anwesend war. . - - : . . - Martha Körner war der Liebling der. Grünfeldschen Eheleute, und es war der sehnlichste. Wunsch der, beiden Alten, daß ihr Sohn Leo -dereinst, -wenn er sich eine gesicherte Lebensstellung errungen, die Nichte als seineGgttin heimführe. Freilich, gar schwere Opfer, hatten sie für die Ausbildung ihres einzigen Sohnes darbringenmüssen, aber freudig hatten sie alles äufgewändt, um dem lieben Jungen die Wege zu seinem Ziele zu bahnen. Nur kurze Zeit noch, und dieses Ziel würde erreicht sein. Ihr süßer Lebensträuni wird bald seiner Verwirklichung entge'gengehen! — Mit diesen Gedanken beschäftigt war Alfred Heimburg vor dem Grünfeldschen Hause 'angelangt. Die Fenster der im dritten- Stock belegenen Wohnung der Eltern Leos waren weit geöffnet. Alfred ging in' das Haus Und stieg zögernd die breite Treppe empor. Je höher er kam, desto zögernder wurde sein Gang. Zuweilen mußte er seine Schritte hemmen, das Herz pochte zu mächtig in seiner Brust. — Jetzt war er an die Türe gelangt, die zu der Wohnung der ahnungslosen Eltern seines verewigten Freuüdes führte. — Da scholl ihm heller Jubel entgegen, der so laut sich äußerte, daß er von draußen vernehmbar war. Wie zerriß dieser Jubel sein zermartertes Herz! Heimburg erhob seine rechte Hand, um anzuklopsen. Kraftlos, zitternd sank sie nieder. Zwei-, ja, dreimal mußte er sie erheben, bis es ihm gelang, .ein Pochen ertönen zu lassend *» Die Tür wurde geöffnet, und vor ihm stand Martha Körner. Jubelnd wurde Alfred von ihr begrüßt, und mit freu-' diger Ueberraschung blickten, die beiden am Tische sitzenden Alten aus den Eintretenden.' - , . . Stumm trat er ein, denn er war außerstande, den Willkommengruß zu erwidern. „Wie, Heimburg, Sie kommen allein %" fragte jetzt Martha. Und Herr Grünseld hob an: „Haben Sie es denn gar so eilig, daß Sie schon jetzt kommen, unseren Leo abzuholen? Er ist ja noch gar nicht vom Dienst zurück, und wir warten' schon eine , geraume Zeit mit dem Mittagessen aus ihn." Wiederholt öffnete Alfred krampfhaft seine Lippen, aber seine Zunge versagte ihm den Dienst — er brachte keinen einzigen Laut hervor. „Ich denke, er wird gleich kommen," warf die Mutter ein. Meiden Sie noch eine Weile bei uns griesgrämigen Alten, die es in ihrem Glücksgefühl nicht einmal für nötig halten, Sie zum Niedersetzen auszufordern." Alfred Heimbürg schwänkte hin zum nächsten Stuhle, auf den er sich niederlieh. „Ja, .lieber Freund," begann nun Martha, die eben einen offenen Brief vom Tische nahm und ihn dem jungen Manne hinhielt. „Sie finden uns in einem Freudentaumel und Ihr Schweigen ist gewiß eine Folge Ihrer Verwunderung über unser seltsames Gebähren. Ich kann mir das wohl denken. Wenn doch der Leo erst wiederheimgekehrt wäre! Ich war schön im Begriff, ihm selbst die freudige Botschaft zu über-