Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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und: Kunst" enthalten ist.. Hier sei nur hervorgehoben, daß Kuranda..anfänglich in Brüssel.mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Seine Erwartungen erfüllten sich nicht.. In Frankreich war Guizot ans Ruder gelangt und mit Erfolg bestrebt, das Mißtrauen der anderen» Mächte, zu zerstreuen. Die vlämischen Bestrebungen fanden bei dem deutschen Liberalismus nicht die erhoffte Teilnahme. Um mit. der Entwicklung des öffentlichen' Geistes in Deutschland und vor allem in Oesterreich, das Kuranda doch immer vorzugsweise im Auge behielt,.Fühlung zu behalten, war Brüssel zu abgelegen, und bei den Regierungen dieser-beider Länder bestand eine sehr entschiedene Abneigung gegen deutsche Bücher und Zeitschriften, die im Auslande zensursrei gedruckt würden, so daß Kuranda bei aller- Vorsicht stets in Gefahr war, ein Verbot heraufzubeschwören. Schon frühzeitig sah er daher die Notwendigkeit ein, die „Grenzboten" nach einer deutschen Stadt zu verlegen. Als Ort des Erscheinens seines Organs erschien ihm Leipzig am geeignetsten zu sein. Er gab sich der Hoffnung hin, daß im Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, unter einer - verhältnismäßig milden Zensur, in der Nachbarschaft Preußens und Oesterreichs, eine politisch-literarische Zeitschrift mit besserem Erfolg gedeihest würde. So trat er denn mit dem Leipziger Buchhändler Friedrich Wilhelm Grunow in Verbindung. Dieser übernahm den Verlag und es siedelten auch 1842 die „Grenzboten" nach Leipzig über. Die Redaktion besorgte er zunächst von Brüssel aus weiter. Als seinen Vertreter für redaktionelle Geschäfte bestellte er einen jungen Landsmann und Glaubensgenossen namens Jakob K a uf m a n n. Ueber den letzteren hatte Gustav Frehtag einen herrlichen Aufsatz geschrieben, der Zeugnis ablegt für die Begabung und.den Charakter des. stillen, seinen, liebenswürdigen Mannes. Er zählte zu den Männern, die in uneigennütziger, rastloser Arbeit für andere ihr Leben hinbringen. Leichter Stil und gewinnender Humor zeichnete alles aus, was er schrieb, dabei aber auch der Ernst einer reinen Seele, und für diesen Ernst die Kraft des Ausdrucks, wo er glaubte, daß er angebracht wäre. Noch in späteren Jahren, als er lange von der Heimat fern, und seine Feder der alten Tätigkeit entfremdet gewesen war, als er alternd und krank vergeblich Heilung suchte, gewann er noch jedes Herz durch sein lebhaftes und liebenswürdiges Erzählertalent und seinen feinen und reichen Geist. In dem bereits erwähnten Jubiläumsheft der „Grenzboten" heißt es zutreffend über die Persönlichkeit und die damalige publizistische und redaktionelle Tätigkeit des Begrün-' ders dieses Journals unter anderem: „Kurandas glänzende Eigenschaften gingen vielleicht nicht so in die Tiefe, aber auch bei ihm paarten sie sich mit gewinnender Liebenswürdigkeit, wie aus den zahlreichen Briefen hervorgeht, die noch von ihm vorliegen, und aus den Schilderungen derer, die damals mit ihm verkehrten. Er war klein und,zierlich, sein Kops nicht schön. aber rausdrucksvoll, und besonders waren, dies seine schönen und. großen dunklen Augen.. Mährend Kaufmann damals in seinem Aeußern den armen Schlucker nicht verbergen konnte, war Kuranda elegant und formgewandt, wohl auch, wie man ihm nachsagt, etwas eitel. Aber er war kein lässiger Dändh. Während ihn sein unruhiger Geist beständig hin und. her trieb und ihn in dem philisterhaften Leipzig nie für längere Zeit zur Rast kommen ließ, war er unausgesetzt und leidenschaftlich an seinen „Grenzboten" tätig.. Bald Monate lang in Brüssel, in Paris, Prag, Wien,-Berlin, Dresden und Hamburg oder auf längeren Reisen in Oesterreich und in Italien, lebte er nur für sie, sorgte für sie, schrieb für sie, knüpfte Fäden an für sie mit hervorragenden Leuten und machte fast jede Nummer selbst fertig, wo er auch war und während der ganzen Zeit, in der er das Blatt leitete bis in das Jahr 1848 hinein." Der Dichter Alfred Meißner, bekanntlich ein Prager Landsmann von Ignaz Kuranda, erzählte einmal in einem Jahrgang der „Grenzboten" einiges aus der alten Grenzbotenzeit ustd sagte dort zur Charakteristik des Herausgebers von ihm: „Kuranda warein geistreicher Mann und liebenswürdiger Redakteur. Seine Artikel schrieb er mit großer Sorgfalt, und sie waren so elegant wie seine Erscheinung .... Sein Auge wachte über jeder Nummer mit zärtlicher Sorgfalt, und er sprach am liebsten davon, was das letzte Heft enthalten habe oder das nächste bringen wird. Er war mit ganzer Seele bei der Sache. Man konnte.es ihm auf dreißig Schritte ansehen, wenn wieder einmal eine Feder ersten Ranges ihm ein Manuskript eingesandt hatte. Dann trug er sein Haupt mit besonderem Schwünge, die Hand führte noch kecker als sonst das zierliche Stückchen, die Augen strahlten von siegreichem Feuer." v Meißner berichtete bei dieser Gelegenheit auch, Kuranda habe damals etwas von einem kleinen Troubadour an sich gehabt. Auf seinem Zimmer, ganz allein, habe er Gitarre gespielt und mit angenehmer Tenorstimme dazu gesungen. In allen Lagen seines Lebens, ob die Sonne schien, oder ob der Horizont sich verdüsterte, verlor Ignaz Kuranda seinen klaren Blick, seine nüchterne Auffassung und vor allem seinen Humor nicht. Als im Anfang des Jahres 1846 die Abonnentenzahl der „Grenzboten" stieg, schrieb Kuranda seinem Verleger, der sich der Hoffnung hingab, daß man demnächst mit einer Zahl von 800 oder 1000 Abonnenten werde rechnen können, daß diese Hoffnung eines großen Mannes würdig sei: „Als Napoleon, der als kleiner Korporal begonnen, erster Konsul wurde, ist er nicht stehen geblieben und hat an die Kaiserkrone gedacht. Ich gratuliere Ew. Majestät, wenn wir erst ä la Napoleon diesen liebenswürdigen Kaiserzepter über 100 Abonnenten zwölf Jahre lang ausgestreckt haben, dann wollen wir uns höchst zufrieden nach Alba in Ruhestand versetzen und auf jede neue Landung verzichten, um kein Waterloo zu erleben, wie noch viele größere Männer als Napoleon es erlebten, z. B. August Lewald." feierte jüngst seinen 83. Geburtstag ‘"’w" Y? if** I 'ASÄ;&<J‘:> ^AM fflaSSutoi Jtot SgtuujfocjeH'-