Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 282 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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abends offen gehalten werde, auch wenn darin aus Mangel an der erforderlichen Zehnzahl ein gemeinsamer Gottesdienst nicht stattfinden kann. Man sollte damit nicht warten, die Türen des Gotteshauses zu offnen, bis eine Trauer in der Familie oder eine „Jahrzeit" dazu ruft, dort zu erscheinen, um „Kaddisch" zu sagen." (Seite 2, Abschnitt Gotteshaus). — „Das „Kaddischsagen" ist zu einer Macht im synagogalen Gottesdienst geworden, die aber in Wirklichkeit eine Ohnmacht bedeutet. Da ist der höchste und erhabene -Gedanke von der Erkenntnis Gottes rund in seiner Anerkennung vor aller Welt, bis zur Erstarrung, für eine leere Formel nämlich, geführt worden. So Paradox dies auch klingen mag, so läßt sich dies doch klar und sicher erweisen." (Seite 4, Abschnitt 2.) Der gelehrte Verfasser führt uns hier durch die ganze Literatur, welche das Kaddischgebet behandelt, belehrt uns über seinen Ursprung, sein Alter und seine Entwicklung, „daß man es jetzt . nur noch als einen Ausfluß der Pietät betrachtet: Das Kaddisch ist ein Totengebet geworden, auch in dem anderen Sinne, es ist zum toten Gebet sehr oft in den verschiedenen Riten herabgesunken." (Seite 7.)', „Freilich ist die Pietät eine schöne und edle Perle, die auch im jüdischen Jdeenkreis, die größte Hochschätzung und Verehrung verdient, aber es ist wesentlich, die wahre Pietät zu begreifen, um sie von der falschen zu unterscheiden." Wie wenig aber die Pietät in unserer modernen Zeit mit der jüdischen Religiosität harmoniert, wie oft sie ihr sogar feindlich gegenüber steht, dafür weiß der Verfasser einige das Gebiet des sogenannten Kaddischsagens streifende Beispiele anzuführen, die zum Lachen wären, wenn wir Veranlassung hätten, sie für geschickt erfunden zu halten: „Ein Arzt, der sich hatte taufen lassen, glaubte seine hierüber trostlose Mutter dadurch zu beruhigen, daß er ihr erklärte, er würde nach ihrem Tode doch das Kaddischgebet verrichten." — „In der alten Synagoge in Berlin erschien eines Tages, es war an einem Sonnabend — ein Besucher und machte Anstalt, die Tefillin anzulegen. Hierüber zur Rede gestellt, eröfsNete er ganz naiv: „Ich habe heute Jahrzeit." Er kannte diese Uebung nur noch von der Jahrzeit her." (Seite 8.) lieber einen ähnlichen Fall kann auch ich berichten. Ich traf einmal mit einem Bekannten an einem Sabbat in einer jüdischen Restauration zusammen. Wir ließen uns „Schalent" austragen und priesen den Weltenschöpfer, daß er dieses herrliche Gericht geschaffen hat. Mein Bekannter aber bekundete seine Dankbarkeit für diese „Götterspeise" dadurch, daß er für sich noch eine zweite Portion bestellte, die er sogar mit einer gewissen Andacht vertilgte. Als er mein Staunen über seinen gesegneten Appetit bemerkte, wandte er mir ein sehr ernstes Gesicht zu und sagte: „Ich habe heute Jahrzeit." Man kann' dem Verfasser nur zustimmen, wenn er bemerkt: „Andere Beispiele solcher Pietät ohne Religiosität gibts noch in großer Anzahl." Nur muß es heißen: Pietät ohne wahre Religiosität, die nicht minder bei den orthodoxen als bei den freidenkenden Juden anzutreffen und nichts weiter als eine traurige Folge der immer mehr um sich greifenden Unwissenheit ist. Dieses äußerst lehrreiche Kapitel, das besonders denen als Lektüre zu empfehlen ist, die sich für befugt halten, an eine Revision unseres Gebetsbuches heranzugehen, schließt der Verfasser mit folgenden Worten: „Die Wahrheit der göttlichen Verheißung wird das Kaddisch zum Lobhymnus für die gesamte Menschheit uuprägen, wie wir Juden es an den heiligen Tagen des Jahres bekennen. An uns aber ist es, zu allen Zeiten in unserm Leben und Streben zur Heiligung und Verehrung, des göttlichen Namens beizutragen, seinen Ruhm vor aller Welt zu verkünden." Nicht minder instruktiv sind die Abschnitte: Das Weltgericht, vom Buche des Lebens und von der Metapher; aus letzterem sei nur die Korrektur der Benediktion für das Trauungs-Ritual erwähnt, nach der das Waw on vor Dbm zu setzen und somit ttVOSf"! auf den Menschen zu beziehen ist. Von besonderer Bedemung ist Abschnitt VII, in dem der Verfasser^ die Geschichte-und das Ritual des siebenten Tages des Hüttensestes behandelt und hochinteressante Mitteilungen macht. Er zitiert u. et. Elasar ben Jehuda in Worms (starb 1238), der in seinem Buche Rokeach Nr. 221 schreibt: Was am Neujahr beschlossen und am Sühnseste besiegelt wurde, wird im Schatten des „Hoschana Rabba gezeigt"- und verweist daraus, daß dieser Aberglaube in jener Zeit auch bei den , Christen für die Johannisnacht vorherrschend gewesen war. (Grimm in seinem Werke Aberglaube usw.) In einem Schlußwort zu diesem Abschnitt kommt der Verfasser aus das beim Gottesdienst an diesem Tage noch jetzt gebräuchliche Abschlagen der Weide zu sprechen und verweist auf Raschi, der an einer diesbezüglichen talmudischen Stelle mit Bewegung übersetzt. (Seite 30.) Indessen beweist das wenig. D2N beißt ebenso gut schlagen, klopfen, stoßen. Der Würde des Gotteshauses aber dürste es sicherlich mehr entsprechen, wenn an Stelle des lärmenden „Hoschana's-Klopsen", die vom Verfasser empfohlene einfache schüttelnde Bewegung der Hoschana treten würde. — Die folgenden Abschnitte behandeln das Ausheben der Thora, das erhabene jüdische Bewußtsein, die Gottesfürchtigen, Sprachliches, Inkorrektheiten, zur Pessach Hagadah (die hier vorgeschlagene Lesart. für halte ich für gewagt), Einzelbemerkungen zum Gebetbuch, zum Machsor sowie Ergänzungen und Nachträge, die alle in ethymologischer, religionswissenschaftlicher und kulturhistorischer Beziehung, viel des Neuen, Interessanten und Lehrreichen bieten und den ehrwürdigen Nestor der Wissenschaft des Judentums in seiner bewundernswerten Meisterschaft zeigen. — Ich muß es mir leider versagen, auf den umfangreichen Inhalt dieser Publikation auch nur referierend einzugehen. Auch fürchte ich, daß die Wiedergabe einiger, aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen den Eindruck des-ganzen abschwächen und zu Mißverständnissen führen könnte. Das eine aber - darf ich nicht verschweigen: Aus den Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuch, im zweiten wie im ersten Teil, spricht zu uns die Stimme eines auf ein erfolg- und segenreiches literarisches Leben zurückblickenden hervorragenden Gelehrten, der die Er-, gebnisse seiner liturgischen Forschung nicht in den Dienst einer, bestimmten religiösen Richtung, sondern in den des Gesamtjudentums stellt, und der es verdient, daß sein mahnender Nus zur Beseitigung aller in unser Gebetbuch eingeschlichenen Käbbalismen, sprachlichen Fehler und sonstigen Inkorrektheiten von allen Juden gehört und beherzigt wird. Professor Verl in er hat sich mit der Herausgabe seiner Randbemerkungen, denen. ich den Untertitel DiT"OK „Segen Abrahams" verleihen.möchte, ein nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst um die Geschichte unserer Liturgie erworben, und er darf mit Sicherheit auf die Dankbarkeit aller derjenigen rechnen, die es gleich ihm empfinden und wissen, daß der Grundton, aus den unsere alten. Gebete gestimmt sind, der Ausdruck der Wünsche und- Hoffnungen ist, die der gemeinsame Gottesglaube, die gemeinsame Väterlehre und die gemeinsame Leidensgeschichte in unser Herz gepflanzt haben. — Zum Andenken Mns? Kursnds's. Von Dr. Adolph Kohut. 'V “ II. \ . . ' s ist hier nicht meine Absicht eine Geschichte der „Grenz-/ boten" zu schreiben. Für diejenigen, die sich dafür interessieren, verweisen wir aus den 50. Jahrgang dieser Zeitschrift' bzw. auf das Jubelheft vom 1. Oktober 1891, wo. -Eingehendes über die Entwicklung dieses Organs „Für Politik, Literatur