Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Man hat nicht nötig; sich über solche Tiraden sonderlich aufzuregen. Denn glücklicherweise haben wir eine Verfassung, die auch der Kaiser weder ausheben kann, noch will. Traurig ist es nur, daß solche Sätze überhaupt ausgesprochen werden können; doppelt traurig, daß sich unter dem Namen des Verfassers ein Führer der Nationalliberalen verbergen soll. # . Der Hilfsverein der deutschen Juden veröffentlicht die'vierte Liste der Beiträge, die ihm zur gerade jetzt dringend notwendigen Fortsetzung seiner bisherigen Tätigkeit und zur Linderung der Not der Geschädigten in Fez zugegangen find. Dazu schreibt uns der Hilssverein weiter: „Durch die neuen Wirren in Marokko ist die Lage der ohnehin schwer Betroffenen in Fez noch viel bemitleidenswerter geworden, so daß die Hilfsaktion, die in Deutschland vom Hilssverein und der Großloge des Ordens Bnei Brith geleitet wird, einen größeren Umfang annehmen muß, als nach den ersten traurigen Geschehnissen angenommen worden war. Zu den 60 000 Franks, die Hilssverein und Großloge bisher abgeführt haben, sind daher noch weitere 40 000 Franks zur Verfügung gestellt worden. # , Aus Italien wird uns geschrieben: Um das patriotische Gefühl der italienischen Israeliten zu beweisen, veröffentlicht die Sektimana Isiaelitiea eine Serie von Daten, welche der Lorriere della Sera zu Mailand, das am höchsten stehende italienische Tagesblatt, weitergibt. ' Die Juden in Italien bilden 1% der Bevölkerung, ihr Verhältnis im stehenden Heere ist ein bedeutend höheres, eine große Anzahl von ihnen nimmt eine führende Stellung ein.- Der Ex-Kriegsminister Ottvlenghi ist Jude, der General Eoen aus Livorno und der General Earpi aus Bologna bekennen sich zum mosaischen Glauben. Als der gegenwärtige Krieg erklärt wurde,, stellten sich viele Juden freiwillig zum Heere. . Namen werden genannt von Jungen und Reiferen, die alles daran setzten, um mit Hintenanstellung ihres bürgerlichen Berufes nach Afrika geschickt zu werden. Viele sind gefallen oder haben sich durch Tapferkeit ausgezeichnet. Leutnant Achille Levi Bianchini tat sich bei dem Angriff auf das Blokhouse B. in Bengasi hervor, Kapitän Angelo Frank bewies großen Mut bei dem Seeangriff aus Tobruk. Kapitän Emanuele Pugliese, der schon eine Tapferkeitsmedaille erhalten hatte, übermittelte bei Bengasi Depeschen unter dem ununterbrochenen Feuer der Feinde. Verwundet, blieb er im Sattel und nahm teil an der letzten Phase der Schlacht. Leutnant Del Vecchio starb Gewehr am Arm im Gefecht von Ain-Zara. In der Synagoge zu Rom gedachte man der fünf im Kriege gefallenen Soldaten aus Livorno, Ferrara, Genua und Turin. Die jüdischen Gemeinde in Turin setzte eine Prämie von 1000 Livre für den jüdischen Soldaten oder Offizier aus, welcher die goldene Medaille für militärische Tapferkeit erringen würde. Alle Rabbiner Italiens beten von der Kanzel herab für den guten Ausgang des Krieges und das Wohl Italiens. ' ■ * Unter der Ueberschrift „Eine Iudenh etze mit untauglichen MittelN" ' veröffentlicht der Petersburger Herold vom 23. Mai folgenden Artikel: Die „Nusskoje Snamja" bringt heute einen Leitartikel über das Thema, daß die russischen Juden den russischen Namen im Auslande diskreditieren. Die Juden seien besonders zahlreich an der preußischen und österreichischen Grenze angesiedelt und gelten so den Grenznachbarn gewissermaßen als Vertreter des „russischen Stammes". Die russische Diplomatie habe es nicht leicht, zum Schutze der russischen Untertanen einzutreten, denn ein Teil derselben — die russischen Juden — stelle ja den Hauptprozentsatz des verbrecherischen Gesindels. „Russkoje Snamja" will an einem konkreten Fall Nachweisen, wie unter der verdienten Mißachtung, welche die russischen Juden im Auslande genießen, auch waschechte Russen zu leiden haben. Der Chef des Post- und Telegraphenkontors in Wershbolowo, Falk, sei kürzlich aus deutschem Boden verhaftet worden; man habe ihn 24 Tage im Gefängnis gehalten, ihn grob behandelt und ihm nicht einmal die Gründe zu seiner Verhaftung mitgetei'lt. Die russische Diplomatie habe Genugtuung gefordert, aber die deutschen Behörden hätten erklärt, daß sie den Postbeamten für einen Juden gehalten hätten und daß die Juden aus Rußland so viele Verbrechen begehen, daß sie nichts anderes als eine grobe Behandlung verdienen. Wir wollen uns hier nicht mit den Beschuldigungen der „Russkoje Snamja" gegen die russischen Juden beschäftigen, die in ihrer blinden Verallgemeinerung auf jeden ernsten Menschen abstoßend wirken. Hier möchten wir nur verzeichnen, daß der Versuch des Dubrowinschen Blattes, die „deutschen Behörden" zu Genossen seiner Iu denh etze zu m ach en, ein sehr stark e s St ü ck von a u ß e r o r d e n t l i ch e r .F r i v o l i t ä t ist. Wie uns bekannt ist, haben die deutschen Behörden überhaupt niemals zugegeben, daß sie den russischen Postbeamten in einer Weise behandelt hätten, die zu Beschwerden Anlaß geben könnte. Die Schauergeschichten, die z. B. von einem ehemaligen Polizeiagenten in der „Nvwoje Wremja" erzählt wurden, sind deutscherseits stets als reine Erfindung bezeichnet worden. Die Hauptsache aber ist, daß das Dubrowinsche Blatt über die deutsche Justiz ganz verkehrte Begriffe verbreitet und behauptet, dieselbe nehme es mit dem Recht nicht so genau, wenn es sich um Juden handle." * Ueber I u d e n k o l o n i s a t i o n in Portugiesisch West-Afrika schreibt die „Franks. Ztg." Dem portugiesischen Parlament ist ein Kolonisationsprojekt unterbreitet worden, das eine eingehende Besprechung verdient. Es handelt sich um die Ansiedelung jüdischer B a u e r n in Angola, und zwar auf der gesunden und fruchtbaren Hochebene Benguelns, ungefähr bei Kilometer 340 der Lobito-Bähn beginnend. Das Projekt sieht vor, jüdischen Familien Land im Umfang von 250 Hektar kostenlos zu überlassen, unter der Bedingung, daß sie sich portugiesisch naturalisieren lassen, sich der Militärpflicht unterziehen und in den Schulen die portugiesische Sprache lernen. Wenn die erste Konzession völlig bebaut ist, kann die Regierung den Umfang der Plantage verdoppeln. Das ist in großen Zügen der Gesetzentwurf, der den Beifall vieler bedeutender Mitglieder des Hilfsverbandes und d'er „I. C. A." gefunden hat. Die jüdische Besiedelung Palästinas hat ja den Beweis erbracht, daß sich der Jude gut zum Bauern eignet, so daß das Projekt an und für sich Beachtung verdient. Bis heute haben wir aber noch' keine Beispiele dafür, wie sich der Jude zum farbigen. Eingeborenen stellt. Diese Frage ist wohl eine der wichtigsten für eine subtropische Kolonisation, denn selbst eine alttestamentarische zahlreiche Familie wird wohl ohne schwarze Arbeiter kaum ein Terrain von 250 Hektar rationell urbar machen und ausbeuten können. Nur die Praxis wird diese Frage beantworten können. Die Idee, die dem Plan zugrunde liegt, erscheint mir etwas verworren. Man denkt in Portugal schon seit längerer Zeit daran, ausländisches Kapital nach den Kolonien zu Ziehen. Man hat aber immer dabei di'e geheime Angst, irgendeine fremde Großmacht könne die Gelegenheit benutzen und sich die betreffende Kolonie aneignen. Da scheint denn einem findigen Kopf die Idee gekommen zu sein, die Baron Hirsch' und Nothschildschen Millionen in die Kolonien zu leiten oder wenigstens den Versuch hierzu zu machen. Die Presse spricht in ihren Abhandlungen über die Frage auch stets von „kapitalkräftigen" Ansiedlern. Man scheint hier nicht zu wissen, daß die meisten jüdischen Auswanderer kaum das Hemd auf. dem Leibe besitzen und fast ausnahmslos auf Kosten eines der großen Hilfsverbünde reisen. Der Ueuernannte Generalgouverneur von Angola äußerte sich einem Mitarbeiter des „Seculo" gegenüber, er'fei im Prinzip mit dem Gesetzentwurf einverstand'en, er spricht aber auch von „Familien, die über Kapital verfügen." Allerdings befürwortet er kleinere Kon-- zessionen von 100 respektive 200 Hektar und ist auch Gegner, der völlig kostenlosen Ueberlassung des Bodens. Um den Präzedenzfall der kostenlosen Konzession zu vermeiden und um eine greifbare Anerkennung der portugiesischen Herrschaft zu erzielen, schlägt er einen, Grundzins von 10 Reis (4 Pfennig) für den Hektar vor,'der ja in der Tat keine nennenswerte Belastung darstellt. Es ist nun-allerdings hier die Rede davon, daß jüdische Hilfsvereine eine große Vereinigung bilden wollen, die, mit den Rechten einer juristischen Person versehen; eine riesige Konzession von einigen Millionen Hektar erhalten soll, um dann ihrerseits die Weiterverteilung an-die Auswanderer vorznnehmen. Man glaubt auch, daß die Bemühungen zum Teil von zionistischen Elementen ausgehen, die hierdurch ihren Wunsch nach einem