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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-14 · Heft 24 (14.6.1912) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 24 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
Seite 279 (sequence 3)
Language
German
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Ungarn sich ' damit einverstanden erklärt haben, daß in der Resolution statt orthodox die Worte „traditionell-gesetzestreu" gesetzt werden. Die Resolution würde, ins Hebräische übersetzt und gelangte in folgender Form zur Annahme: Resolutio n: Die heute in Kattowitz versammelten Vertreter der Lraditionellgesetzestreuen Judenheit aus allen Ländern der Diaspora erklären nach Anhörung des vorgeträgenen Referats die „Agudath Jisroel" für begründet und verpflichten sich, für den Aufbau der Organisation mit allen Kräften zu arbeiten. Die Agudath, Jisroel dient der Förderung aller jüdischen Interessen auf religiöser Grundlage, unter Ausschluß jeder Politischen Tendvnz. Die Abstimmung ergab unter ungeheurem Beifall der Versammmelten die einstimmige Annahme der Resolution. - Dr. M u n k - Lemberg führte aus, daß die Gegensätze zwischen den Ost- und Westjuden leicht zu überwinden seien. Meist handele es sich um Vorurteile. Er ladet zu einer Versammlung ein, die morgen abend in Krakau stattfindet. Rach Ausführungen von Wolf-Möller-Altona, und Aron Markus- Krakau wurde die Diskussion geschlossen. Rvsenheim erklärte, daß alle organisatorischen Arbeiten bis jetzt nur ein P r v v i s o r i u m seien. Nun nnißten Männer aller Lander in Kommissionen zusammentreten, um die Vorarbeiten bis zu d'er bevorstehenden allgemeinen Versammlung vorzubereiten. Zunächst ist ein rabbinischer Rat zu wählen, dem Thoragelehrte aus allen Ländern angehören. Gewühlt wurden e i n st w e i l e n die Rabbinen aus: Brisk, Wilna, Dvinsk, Ponewies, Der Rebüe von Gor, Die Rabbiner Dr. treuer -Frankfurt a. M. Dr. Ho ffm arrn-Berlin, Dr. Feilchenfeld - Posen, Jsae Halevy-Hamburg, Oberrabbiner Koppel Reich-Budapest. Weitere Herren aus..verschiedenen Ländern sollen noch kooptiert werden.. Hieraus wurden Arbeitskommifsionen gebildet. Das provisorische Komitee erhielt die Vollmacht, in Gemeinschaft mit dein Rnbbinischen Rat die weiteren Arbeiten vorzunehmen, insbesondere Ort und Zeit der ersten Hauptversammlung sestzufetzen. Hieraus wurde zur kräftigen Propaganda aufgesvrdert. Bis jetzt sind 25 000 Mark in Beträgen von 500 bis 2500 Mark aufgebracht. Am Schluffe, der Versammlung wurden in die aufgelegte Beitragsliste weitere große Betrüge gezeichnet. Außerordentlichen Beifall fand'es, als Herr Pfeffer-Warschau 25 000 Mark für Erziehungszwecke zeichnete. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten und einer Einladung zum Besuch der Versammlung in. Krakau wurde die. Versammlnng mit warmen Schlußworten des Vorsitzenden geschlossen. Rabb. Schn u r - Tharnow forderte in warmen Worten die Versammlung auf, dem provisorischen Komitee ein kräftiges Hoch ausznbringen. Die Versammlung stimmte darin begeistert ein. Besonderen Dank verdient aber auch das Lokalkomitee, das unter der aufopfernden Leitung des Herrn Siegfried W i e n e r Bedeutendes geleistet hat. Schluß der Versammlung 5 Uhr nachmittags. Unsere Zeitung steht aus streng liberalem Boden. Aber gerade weil sie das tut, läßt sie Andersmeinende gelten und tritt ihnen nur in ehrlichem Kampfe entgegen. Darum bespöttelt sie in keiner Weise das Zusammentreten der Orthodoxen und wünscht, da sie jede Stärkung wirklich jüdischer Gesinnungen willkommen heißt, der auf Belebung jüdischen Geistes gerichteten Bestrebung Gedeihen. Nur einige Bemerkungen seien gestattet: 1. Es ist nicht billig, daß die Gemeinschaft und ebenso die einzelnen Redner behaupten, sie stehen auf dem Boden der Thora, Pas ist, wie sie ebensogut wie ich wissen, eine Unwahrheit .oder eine Verschleierung. Es ist ein Schlachtruf, um die Massen zu fangen, kein Programm, weil es an Unklarheit leidet und die Wahrheit verbirgt. Die neue Organisation sollte sich nicht scheuen, sich orthodoxzu nennen. Das ist ein Wort, mit dem man einen bestimmten Begriff verbindet; es ist in dem Munde und im Geiste wirklich liberaler Männer kein Schimpf-, sondern ein Ehrenname, 2. Der neue Bund sollte es sich zur Pflicht machen, nur wirklich Orthodoxe in seinen Reihen zu dulden. Wirklich orthodox ist nur derjenige, bei dem Glauben und Tun eins ist, der nicht aus Opportunitätsrücksichten, dem Schwachen zu Liebe, um der sog. Einheit willen, alte Einrichtungen aufrechtzuerhalten, dem Fortschritt entgegenzutreten sucht, . während er selbst im Leben und vielleicht auch im Glauben über alles hinaus ist. Orthodox ist nur der, für den Säbbat- und Speisegebote, um nur zwei zu nennen, die dem Mödernen die schwersten. Entbehrungen auferlegen, unbedingt bindende Kraft haben.' 3. Der neue Verein hüte sich vor Polemik. Das tut er leider nicht. Denn in der Hauptrede kommen die Worte vor: „Denn die anderen großen Vereinigungen, wie die A. I. U. oder der Zionismus werden bei ihrer Tätigkeit nicht von dem Geiste der Thora geleitet." . Das Wort über den Zionismus begrüße ich mit Freude. Würden die Orthodoxen erkennen, daß die Zionisten überall ihre schlimmsten Feinde sind, dann stärrde es besser um das Judentum. Aber das andere Wort ist bedenklich, ja fast verbrecherisch. Die großen Organisationen, wie die „Alliance", der „Zentralverein", der „Hilfsverein", der „D. I. G. B." — ihre Namen sind nicht genannt, aber sie sind wahrscheinlich gemeint — wirken gewiß im Dienste der Lehre, d. h. der jüdischen Idee,' des jüdischen Einheitsbewußtseins. Sie schaffen für das Judentum, für die einzelnen Juden in Deutschland und in allen Ländern, ohne Berücksichtigung der religiösen Parteistellung. Es ist eine grobe Verletzung der Wahrheit, diesen Institutionen vorzuwerfen, daß sie nicht im Geist der Wahrheit wirkten. 4. Die neue Vereinigung behauptet, keine Kampforgani- - sation zu sein. Wir wollen es glauben, warten wir ihre Taten ab. Uns aber will bedünken, daß der Zusammenschluß erfolgt aus Furcht, , daß ihre Reihen sich lichten, aus Angst vor dem Anwachsen des Liberalismus.' Die Liberalen sollten sich rüsten. Ein liberaler Bund umfaßt ganz Deutschland, der Weltbund der Orthodoxen sollte die Liberalen ermahnen, auch an einen Zusammenschluß der Freisinnigen aller Länder zu denken. L. G. Dir Woche. Berlin, 11. Juni 1912. ürzlich ist ein Buch erschienen, das viel Staub ausgewirbelt hat, von Frymann (wahrscheinlichPseudonym) unter dem Titel: „Wenn ich der Kaiser wäre"i Seine politischen Ansichten haben mit den Tendenzen unseres Blattes nichts zu tun. Aber zu erwähnen ist die. Schrift, weil der Verfasser ein rabiater Gegner des Judentums ist. Er verlangt Sperrung der Grenzen gegen jüdische Einwanderung, Ausweisung aller Juden, die noch nicht das Bürgerrecht erworben haben, Stellung der landansässigen Juden unter Fremdenrecht. Wie radikal sein Rafsenantisemitismus ist, geht aus folgenden Forderungen hervor: „Den Juden bleiben alle öffentlichen' Aemter verschlossen. Zum Dienst in Heer und Flotte werden sie nicht zugelassen. Sie erhalten weder aktives noch passives Wahlrecht. Die Leitung von Theatern ist ihnen untersagt. Zeitungen, an denen Juden Mitarbeiten, sind als solche kenntlich zu machen. Banken dürfen keine jüdischen Leiter haben. Ländlicher Besitz darf in Zukunft weder in jüdischem Eigentum stehen, noch mit solchen Hypotheken belastet werden. Als Entgelt für den Schutz,- den die - Juden als Volksfremde genießen,-' entrichten sie doppelte Steuern wie die Deutschen."

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