Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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D,ie Unruhe Alfreds stieg aufs höchste, alser jetzt feinen Freund ins Auge faßte. Auf Leos fahlem Angesicht Prägte sich Plötzlich eine so finstere Entschlossenheit aus, daß Alfred > erschrocken seinen Arm erfaßte und rief: „Mein Gott, Leo, ermanne dich doch!" „Nein, Alfred/ entgegnete Leo, „ich kann es nicht länger ertragen! Ich bin am Ende meiner Kraft. Jeder Widerstand ist unmöglich. Und es bäumt sich alles, alles in mir auf! Jeder Tag bringt mir eine neue Schmach, und eine Demütigung reiht sich an die andere. Und nun noch die heutige Schmach! O, ich Unglücklicher! Was will man denn von-mir? Tue ich nicht meine Pflicht, mehr noch als meine Wicht? Und ich vermag als Untergebener diese Schmach nicht zu sühnen, muß sie still über mich ergehen lassen. Nein, nein, ich kann dies nicht! — Und warum dies alles? Nun — weil ich ein Jude bin!" Alfred versagte es sich, dem Freunde noch weiter beruhigend zuzusprechen. Wußte er doch, daß jedes Wort aus seinem Munde die Gluten der Erregung nur noch mehr entfachen würde. - , Er zog daher seinen Freund mit sich und sprach: „Komm, Leo,, wir wollen uns umkleiden und dann zu deinen Eltern gehen. Vertraue ihnen dein Leid an, und du wirst in eine andere Stimmung kommen." . ... Willenlos folgte Leo seinem Freunde. Da hörte Alfred seinen Namen rufen, und als er sich umschaute, bemerkte er, daß ihn sein Unteroffizier zu sich heranwinkte. ' Sofort eilte er auf seinen Vorgesetzten zu, Leo seinen trüben Gedanken überlassend. Dieser ging schweren Schrittes auf die Kaserne zu. — - Im Flur herrschte ein bewegtes Leben. Alles eilte der Küche zu, um die Mittagsration zu holen. Leo aber schaute weder nach rechts noch nach links. Für ihn hatte das pulsierende Leben um ihn keinerlei Wert und Bedeutung mehr. Erstorben war in ihm alles, was sein Augenmerk darauf hätte lenken können. Ihn beschäftigte in diesem Momente nur ein einziger furchtbarer Gedanke! — — Die Stube, welche der Putzer, bewohnte, war leer; Leo ging hinein und verriegelte sie.- Nur wenige Mnuten währte es, da erschien Alfred am Eingänge der Stube. Er erfaßte den Drücker, aber zu seinem Erstaunen gibt die Tür nicht nach! — Die Stube ist verschlossen. — Da—ein Schuß! Zu gleicher Zeit ein durttpfer Fall! — Ein entsetzlicher Schreck durchfährt Alfreds Glieder und mit bebenden Lippen ruft er: „Leo!" — ' >Er klopft, er ruft nochmals — vergebens! Verzweiflungsvoll blickt er um sich. Kein Ton dringt aus der Stube zu ihm. Totenstille herrscht um ihn. Und nun wird es ihm zur Gewißheit, was er geahnt hat. In dem Raum, den zu betreten ihm unmöglich - gemacht worden ist, hat sich Entsetzliches zugetragen! — — Inzwischen waren die Leute mit ihrem Mittagessen aus der Küche zurückgekehrt, um den'quälenden Hunger zu stillen. Sie wollten ihre Stube betreten, fanden sie aber zu ihrer Verwunderung verschlossen. Ahnte doch niemand von ihnen, was sich in dem nun verschlossenen Raume zugetragen hatte! Immer größer wurde die Zahl derjenigen, die fragend und allerlei Vermutungen aussprechend, Alfred umstanden,'der ratlos war. 'Da erschien der Unteroffizier. Sofort eilte Alfred auf denselben zu . und meldete ihm flüsternd, was er wahrgenommen und vermutete. Der Unteroffizier befahl den Leuten, sich auf die'Nachbarstube zu begeben und dort so lange zu verweilen, bis ihnen das Betreten ihrer Stube wieder gestattet werde. Sodann eilte er, von Alfred begleitet, aus den Kasernenhof, wo er den Hauptmann antras. — Als dieser von dem Geschehenen Kenntnis erhielt, erblaßte er und eiltegefolgt von seinen Untergebenen, der Unglücksstätte zu. Er ordnete sofort an, die Stube gewaltsam zu öffnen. Als die Tür nachgab, da bot sich den Eintretenden ein entsetzlicher Anblick dar: in seinem Blute lag Leo Grünfeld, neben ihm sein Dienstgewehr. — (Schluß folgt.) , ' ■ Literarische Mitteilungen. — Zionistisches Merkbuch von Hugo Schachtel. 1912. 3. stark vermehrte und verbesserte Ausl. Preis 25 Psg. Herausgegeben vom Aktions-Komitee der Zionistischen Organisation. Das muß man den Zionisten lassen: sie sind rührig und praktisch in ihrer Werbetätigkeit. Das beweist auch'der Inhalt und die Art der Zusammenstellung in dieser kleinen Schrift. In 8 Abschnitten wird alles zusammengestellt, was man wissen muß. Die Abschnitte lauten: Die zionistische Organisation, Zionistische Institutionen, Palästina, Jüdischer Nationalismus, Historisches, Adressen der zionistischen Landes- und Sonderverbände, Einzelne Landesverbände, Propagandamaterial, Kalender und Inhaltsverzeichnis. Der bei weitem aussührlichste ist der dritte: Palästina, der sich nach folgenden Abteilungen gliedert: Das Land; in Palästina arbeitende Organisationen; Land- und Pflanzungsgesellschaften; Genossenschaften; Schulwerk; Palästinawissenschaft; Bibliotheken; Volksbildung; Waisenhäuser in Jerusalem, Hospitäler und Kliniken; Altersheime; Volksküchen. Das Büchlein, so klein es ist, muß als nützliches Nachschlagebuch gelten. L. G. * — Juden taufen von Werner Sombart und namhaften Profesioren deutscher Universitäten. 1912. Georg Müller, Verlag, München. Ich könnte statt einer Besprechung dieses Buches einfach aus meinen Leitartikel im vorigen Jahrgang dieser Zeitung Nr. 42 verweisen, den der Herausgeber des Buches Herr Dr. A. Landsberger, der sich bescheidenerweise auf dem Titel nicht nennt, aus S. 42—48 abgedruckt hat. Sombarts Anschauung braucht um so weniger hier behandelt zu werden, als sie, wie er selbst sagt, nur ein Auszug aus seinem Buche „Die Zukunft der Juden" ist, das ich bereits in diesen Blättern ausführlich besprochen habe. Unter den übrigen, die aus die von dem Herausgeber verschickte Rundfrage geantwortet haben, und deren Antworten abgedruckt sind, sollen/nur einzelne erwähnt werden. Hermann Bahr faßt sich kurz. Er scheint an einen Judenstaat zu glauben. Richard Dehmel wünscht Mischehen, betrachtet diese als sehr gesund für die Deutschen , und verlangt, obwohl er sehr viel an dem jetzt herrschenden Christentum auszuseßen hat, von den Juden das Ablegen der mosaischen Konfession;. da er Dissident ist und zweimal mit Jüdinnen verheiratet war, so ist das' eine etwas eigentümliche Forderung. M. Erzberger ist für einen Judenstaat, obgleich er eine Erschütterung der ganzen Gesellschaftsordnung dadurch befürchtet. Mahbaum spricht sich energisch gegen den Zionismus aus. Friedrich Naumann sehr lebhaft gegen Mischehe und Taufe. M. Nordau begründet eigentlich nur, warum er nicht antwortet. Zangwill äußert sehr utopistische Ideen über den Judenstaat in Palästina, wenn er zustande käme. Herr Niebergale schreibt/ mehr als einen Druckbogen. -Sehr kurz und recht vernünftig spricht. , sich H. Eulenburg aus. Was Heinz Ewers, L. Gurlitt, Frank Wedekind und andere, sagen, ist mir nicht recht klar geworden; ich kann auch nicht behaupten, daß ihre Ausführungen oder die des Herrn' Staudinger und andere mich sonderlich interessieren. Ich muß bei dieser Sammlung mehr oder weniger geistreicher und bedeutender Aussprüche, mein altes Diktum wiederholen: „Weg mit den .Rundfragen". Es kommt dabei absolut garnichts heraus, außer daß zu vielen, überflüssigen Büchern noch ein neues unnötiges hinzutritt. L. G.