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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-07 · Heft 23 (7.6.1912) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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Mitarbeitern zählte, wurde unter der geschickten und zielbewußten Leitung ihres Herausgebers zu einer Politischen Macht und galt Jahrzehnte hindurch für das wichtigste und einflußreichste deutsche Politische Organ. Erst als es Jahrzehnte später, als Kuranda von der Redaktion längst zurückgetreten war, sich dem A n ti s e m itismus in die Arme warf, verlor es seine gewaltige Machtstellung und erlitt auch Einbuße an seiner Verbreitung und Volkstümlichkeit. lFonsetzunq folflt.) BESTES Lin Martyrium. Skizze' aus dem Leben von I. H e r z b e rg B romber g. (Nachdruck verboten.) ie dritte Korporalschaft der sechsten Kompagnie des in Bodenberg garnisonierenden Jnsanteriebataillons war eben von der letzten Schießübung heimgekehrt und'stand auf dem Kasernenhofe. Nun erging das Kommando: „Weggetreten!" Sofort eilten die feldmarschmäßig ausgerüsteten Mannschaften dem Kaserneneingange zu, um sich schleunigst aus ihrer „Stube" der Ausrüstungsgegenstände zu entledigen und den knurrenden Magen, der nach dem anstrengenden Dienste gebieterisch. Befriedigung forderte, zum Schweigen zu bringen. Heiteren Gesichts neckende Scherzworte einander zurufend, durcheilten sie den Korridordenn die überstandenen Strapazen hatten es nicht vermocht, ihren Frohmut zu brechen. Zwei Leute der Korporalschaft aber blieben zurück. Es waren dies die beiden Einjährig-Freiwilligen Leo Grünseld und Alfred Heimburg. Beide verband eine innige Freundschaft, obwohl sie. verschiedenen Glaubens waren: Leo Grünfeld war Hude, Alfred Heimburg Christ. Diese Verschiedenheit des Glaubens hatte aber nie ihre Freundschaft beeinträchtigen, nie störend auf ihr gegenseitiges Verhältnis einwirken können. Sie standen während ihrer Dienstzeit, die nun bald ihr Ende erreichen sollte, treu zueinander und halsen sich gegenseitig über die Miseren des- Militürlebens hinweg. Sie waren Bodenberger Kinder und waren von frühester Jugend an Nachbarskinder und Spielkameraden gewesen. Beide hatten eine und dieselbe Schule besucht, und als sie die Berechtigung zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst erlangt hatten, da hatten sie miteinander verabredet, dereinst in der heimatlichen Garnison ihrer Dienstpflicht zu genügen. Während Alfred elternlos war, erfreute sich Leo noch des hohen Glückest Vater und Mutter zu besitzen, die mit Stolz auf ihn blickten. ^Alfred war nach beendeter Schulzeit in ein Bankhaus eingetreten, wo er bis zu seinem Diensteintritte tätig war. Leo war Chemiker geworden und hatte in einer bedeutenden Fabrik eine hervorragende Stelle bekleidet. '"-''-''Änd'nun'dienten sie ihr Jahr ab, das in wenigen Wochen zst Ende ging, während welcher noch die Strapazen des Mastovers zu überstehen waren. .-.Während die Dienstzeit für Alfred ruhig verlaufen war unddiesem mancherlei Anerkennungen seitens seiner Vorgesetzten gebracht hatte, war sie bisher für Leo eine schier endlose Kette von Widerwärtigkeiten gewesen. Leo Grünseld war von Anfang an bei seinem Hauptmann auf eine tiefe Abneigung gestoßen. Hauptmann von Born konnte es ihm nicht verzeihen, daß er Jude.war, obwohl Leo in seiner ganzen äußeren Erscheinung dies in keiner Weise erkennen ließ. Bei jeder Gelegenheit gab Born seine Abneigung dem jüdischen Untergebenen gegenüber zu erkennen. Mochte dieser noch so großen Eifer zeigen, nie ward ihm irgendein Wort der Anerkennung gesagt. Vielmehr wurde allezeit und bei jeder passenden und nichtpassenden Gelegenheit aus seine jüdische Stammesangehörigkeit mit verletzenden Worten angespielt. Solche Schmähungen wiederholten sich fast täglich. Sein Dienstleben gestaltete sich dadurch geradezu zu einem unausgesetzten Martyrium! Und dabei war Leo mit Leib und Seele Soldat. Es gab wohl kaum einen, der pflichteifriger und gewissenhafter gewesen wäre, als' er. Mit Stolz trug er seines Königs Rock. Anfangs hatte er alle Demütigungen mit Ruhe und Gleichmut ertragen, hatte geduldig alle Schmähungen über sich ergehen lassen. Er hatte gehofft, durch sein vorwurfsfreies Verhalten die ihm begegnende Abneigung zu besiegen. Es war vergebliches Hoffen gewesen. Da war denn allmählich eine Mutlosigkeit in sein Herz gezogen, so daß er oft der Verzweiflung nahe war. Sein Freund Alfred, der wegen feiner Neigung für den jüdischen Kameraden manches Wort des Spottes hören mußte, redete ihm gar oft ermunternd zu, wenn er über die ihm widerfahrene lieblose und ungerechte Behandlung sich bitter beklagte. — Auch heute hatte man Leo Grünfeld wieder arg zugesetzt. Es war ihm trotz aller Aufmerksamkeit und Anspannung seiner Kräfte nicht gelungen, die vorschriftsmäßigen Schießbedingungen zu erfüllen. Die Aufregungen der letzten Zeit, die ihm besonders Schweres gebracht hatte, hatten Arm und Auge unsicher gemacht, so daß er ganz unbefriedigende Schießresultate zu verzeichnen hatte. Dies erbitterte den Hauptmann ganz besonders und er diktierte Leo eine Arreststrase zu. — Das ertrug dieser nicht! Er, der alles, alles aufbot, seine Pflichten getreu zu erfüllen und den Anforderungen, die man ihm stellte, nach Möglichkeit gerecht zu werden, sollte eine in seinen Augen als entehrend geltende Strafe erleiden, dafür, daß er ohne direktes Verschulden Ungenügendes geleistet hatte?! Das brachte ihn vollends zur Verzweiflung und raubte ihn den letzten Rest seines Selbstvertrauens. Wie konnte er, der bisher vorwurfsfrei gelebt, es ertragen, späterhin mit dem Makel einer erlittenen Strafe einhergehen zu müssen? O, was würden nun die guten, alten Eltern sagen, wenn sie von der Schmach hören würden, die ihrem einzigen Sohne, auf den sie alle ihre Hoffnungen gesetzt hatten, widerfahren? Kann er je wieder in ihre treuen, lieben Augen schauen, die stets vor Glück und Wonne wie verklärt dreinschauten, wenn sie seiner ansichtig wurden? Kann er jemals wieder vor sie treten, ohne vor Scham zu vergehen?- Stumm und in sich gekehrt hatte Leo Grünseld den Marsch vom Schießplätze nach der Kaserne zurückgelegt. Während die anderen Leute frohe Lieder angestimmt hatten, war Leo verstörten Blickes, gesenkten Hauptes dahergeschritten. Mit Besorgnis hatte Alfred Heimburg auf seinen Freund Leo geschaut, und er hatte wiederholt versucht, ihm Trost llnd Mut zuzusprechen. Aber vergebens war sein Bemühen. Er erhielt aus seine eindringlichen Worte keine Antwort. Und als die Korporalschast auf dem Kasernenhofe angelangt war und sich die Leute in die Kaserne begaben, blieb Leo gebeugten Hauptes stehen, unschlüssig, was er beginnen sollte. Er zögerte, die Stube seines Putzers aüszusuchen, um diesem die Ausrüstungsgegenstände zu übergeben. —

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