Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229039--68526-3280789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
sein Name", fo sagte Herbst wörtlich, „in der Geschichte der österreichischen Publizistik und des österreichischen Parlamentarismus stets ein ehrenvolles Blatt aussüllen. Die Heranwachsende Jugend möge in ihm ein Muster und das Vorbild eines Mannes erblicken, der den Idealen seiner Jugend treu blieb bis an das Ende seiner Tage. Wir aber, seine vieljährigen Freunde und Genossen, die säst ein Aierteljührhun- . dert gemeinsam in nie gestörter Harmonie zusammenwirkten, werden stets eine wehmütige Erinnerung bis an das Ende unseres Lebens bewahren dem braven Kameraden, dem treuen, allzeit bewährten Genossen, dem liebevollen, wohlwollenden, teuren Freunde." Ganz in ähnlichem Sinne äußerte sich der damalige Präsident des in Wien so mächtigen und einslußreichen Journalisten- und Schriftsteller-Vereins „Concordia", Ritter von Weilen, über Kuranda in seiner Eigenschaft als Journalist. Er sei stets rastlos bemüht gewesen, seine Gedanken in die klarste und bezeichnendste Form zu kleiden. Den Glanz seines Stils habe er von den Franzosen geborgt und die Gedrungenheit und Phrasenlosigkeit habe er der deutschen Prosa entlehnt, und durch diese Eigenschaften sei er Vorbild und Lehrer für eine jüngere Schriftstellergeneration geworden. Der Inhalt alles dessen, was er schriftstellerisch geschaffen und von der Rednertribüne herab gesprochen habe, sei Wahrheit, Freiheit und Vaterlandsliebe gewesen. Er habe sein Leben darangesetzt, diese seine Ideale in die Tat umzusetzen. Der Mensch Kuranda, der Schriftsteller Kuranda und der Politiker Kuranda seien eins und unzertrennlich und ununterscheidbar gewesen. Der Redner schloß seine zündenden Ausführungen mit den Worten: „Und was gab ihm die Kraft in so mancher wetterschwülen Stunde äuszuharren in schweren politischen Kämpfen; was gab ihm, einerweichen, empfindsamen Natur, den Mut, dem Spotte der Feinde die Stirne zu bieten und bis zum letzten Atemzuge den Idealen seiner Jugend treu zu bleiben? Weil er auch ein Poet gewesen, weil er aus einer Zeit stammte, wo nicht nur der Kops mit Wissen gefüllt und der abwägende zersetzende Verstand geübt, sondern auch das Herz mit den Flammen der Begeisterung genährt wurde. Können wir Ueberlebenden etwas Höheres, des unvergeßlichen Abgeschiedenen Würdigeres von dieser seiner letzten Ruhestätte mit uns nehmen, als indem wir unter uns, sortzeugend, sein Andenken voll wirken lassen, indem wir als Schriftsteller und Journalisten gleich ihm jederzeit männlich einzutreten für das Recht,-die Ehre und die Zukunft des Vaterlandes. Und wenn sich jetzt Scholle um Scholle auf seinen'Sarg legt und ihn menschlichen Augen für alle Zeit entrückt, sein Beispiel, wenn es in unserer Mitte fortckebt und sortwirkt, wird ein bleibender, sichtbarer Zeuge seiner Unsterblichkeit sein." - Ignaz Kuranda war der Sohn eines unbemittelten israelitischen Antiquariatsbuchhändlers, der tüchtige biblische und talmudische Kenntnisse besaß und aus seinem Sohn einen jüdischen Theologen machen wollte, so daß er ihn in Bibel und Talmud gründlich unterweisen ließ. Doch zeigte der Knabe und Jüngling keine besondere Vorliebe für den theologischen Beruf. Die Bücher im Laden seines Vaters interessierten ihn mehr als die rabbinischen Disziplinen; er, las viel und vielerlei bunt durcheinander; Ohne Leitung, ohne Wahl und ohne regelrechte Stupien gemacht zu haben, eignete er sich bald ein vielseitiges und bewunderungswürdiges Wissen am Ein Autodidakt in des Wortes bester Bedeutung, trat er schon frühzeitig in die Journalistik ein, für die er von jeher schwärmte. Als 23 jähriger verließ , er seine Vaterstadt undging nach Wien, wo er mit berühmten Dichtern, wie Nikolaus Lenau, Franz Grillparzer, Anastasius Grün u. a., Umgang pflog und auch selbst in die Saiten der Leier griff. Unermüdlich an seiner eigenen Ausbildung arbeitend, wurde er fleißiger Mitarbeiter einer schöngeistigen Zeitschrift, „Der Telegraph", für die er Rezensionen über Theater, Literatur und Kunst sowie Skizzen aus dem Wiener- Leben usw. verfaßte. Auch als dramatischer Dichter trat er mit einem Trauerspiel hervor, betitelt „Die letzte weiße Rose", zu dem er den Stoff den Schillerschen Bruchstücken „Marbeck" entlehnte. Das Stück wurde auf einzelnen Bühnen Süddeutschlands, später auch in Wien, ausgeführt und errang lebhaften Beifall. Da er in Wien kein rechtes Feld für die Betätigung seiner publizistischen Begabung fand, schüttelte er den Staub der Heimat von seinen Füßen und ging nach Deutschland und zwar nach Stuttgart und Tübingen, wo er mit Männern wie David Friedrich Strauß, Ludwig Uhland, dem Dichter Graf Alexander von Württemberg, dem Kirchenhistoriker Gfrörer und dem Buchhändler Cotta — dem Verleger unserer Klassiker — in nahe Beziehungen trat. Im Aufträge des letzteren besuchte er 1838 Paris, und dieser Aufenthalt trug wesentlich dazu bei, seinen literarischen und politischen Gesichtskreis zu erweitern und ihm jene großzügige Lebens¬ und Weltanschauung zu verschaffen, die ihm allezeit eigen blieb. Dann begab er sich nach Brüssel, Belgien war damals das Ideal der Liberalen. In der Hauptstadt des Landes hielt er vielbesuchte und gerngehörte Vorlesungen über die deutsche Literatur. Ein geborener Publizist, beschäftigte ihn schon seit längerer Zeit der Gedanke, ein deutsches literarisches Organ ins Leben zu rufen, das nach dem Vorbild der französischen Revuen das 'ganze geistige Leben der Gegenwart durch berufene und ausgezeichnete Schriftsteller besprechen und beleuchten sollte. Speziell sollte diese Zeitschrift die Beziehungen zwischen dem belgischen und dem deutschen Liberalismus eifrig pflegen. Belgien fühlte sich damals durch das kriegslustige französische Ministerium von Thiers ebenso bedroht als Deutschland, und so schien der Zusammenschluß der beiden Länder durch die gemeinsame Gefahr geboten zu sein. Namentlich war es die vlämische Bevölkerung, die in der Anlehnung an den östlichen stammverwandten Nachbar eine Stärkung gegen Franzosen und Franzosenfreunde erblickte; daher , fand denn auch sein Plan bei den belgischen Nationalen lebhaften Anklang und Unterstützung. Das Wochenblatt, dessen erstes Heft Ignaz Kuranda am 1. Oktober 1841 herausgab, betitelte sich, der Tendenz des Unternehmens entsprechend, „Die Grenzbot en". Diese „Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst", die bald Männer aus den vornehmsten und höchsten Gesellschaftskreisen zu ihren Ignaz Auranöa geb. 1. Mai 1812, gest. 4. April 1884.