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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-07 · Heft 23 (7.6.1912) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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gesprochen, veranlaßt Holtzmann — und das ist nicht weniger als seine mangelnde Sprachkenntnis zu bedauern — diese Schüler „der öden Gesetzlichkeit und der rein formalen Frömmigkeit" zu beschuldigen." Er vergißt bei. dieser ungerechten Behauptung, daß doch die Mischna die Frage der Schüler und die Antwort des Lehrers trotz der angeblichen,, aber in der modernen christlichen Theologie bereits dogmatisch gewordenen Anschauung von der „öden Gesetzlichkeit und rein formalen Frömmigkeit der Schristgelehrten" für würdig der Aufnahme in den Gesetzkodex erachtet hat. Wäre die „öde Gesetzlichkeit und rein formale Frömmigkeit" eine Tatsache, so würden die Schriftgelehrten diese Mischna nicht in den Kodex ausgenommen haben. - Ich komme zum Schluffe. Die neue Mischnabearbeitung bedeutet nach, dem Prospekt weder textlich noch inhaltlich eine Bereicherung der Wissenschaft. Die Herausgeber sind in alten Vorurteilen befangen. Herrn Prof. D. Holtzmann-Gießen fehlt sogar die elementare ^Kenntnis der Mischnasprache. Auf keinem anderen Gebiet der Wissenschaft wäre ein derartiges Dilettantentum denkbar. Weshalb sich dieses einzig und allein auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums hervorwagt, wissen alle ^Einsichtsvollen." Prediger Dr. Nieger-Hamburg. dfa* ■ '• Lum Andenken tJgna? kurands's? Von Dr. Adolph Kohut. I. (Nachdruck verboten.) as Wort des Dichters, das dem Mimen die Nachwelt keine Kränze flicht, gilt auch für den Journalisten. Der Tagesschriftsteller schreibt nicht für die Ewigkeit, auch hat er nur selten den Ehrgeiz, auch nach seinem Tode literarisch fortzuleben. > Und doch hat es einzelne hochbegabte und geniale Publizisten gegeben, deren journalistische Leistungen sich die Unsterblichkeit errungen haben. Zu diesen berufenen und aüserwählten Helden der Feder zählte auch der gerade vor einem Jahrhundert, am 1. Mai 1812 in Prag geborene und am 4. April 1884 verstorbene Ignatz Kuranda, der Schöpfer der einst sehr einflußreichen und verbreiteten Zeitschrift „Grenzboten" und anderer politischer Zeitungen. Sind auch die von ihm geschriebenen zahlreichen Artikel noch nicht in selbständigen Werken gesammelt und sind auch feine übrigen politischen Schriften, wie z. B. „Belgien in feiner Revolution", Leipzig 1846, und feine Dramen wie „Die letzte weiße Rose" dem Gedächtnis der Gegenwart entschwunden, so hat er doch feinen Namen in die Annalen der Geistesarbeit des vorigen Jahrhunderts mit goldenen Lettern verzeichnet. Ignaz Kuranda war jedoch — um das oft angeführte Wort zu gebrauchen — nicht nur ein Talent, sondern auch ein Charakter. Er gehörte nicht zu den Penny k liners, auch verkaufte er seine Ueberzeugung und Gesinnung nicht so frivol und gewissenlos wie so manche Soldschreiber der Regierungen und der Parteien ä la Friedrich von Gentz, sondern er bewährte sich von seinem ersten Auftreten bis zu feinem letzten Atemzuge als ein rechtschaffener, lauterer und nur das Beste und Edelste wollender Schriftsteller, als ein aufrechter Mann, der nie mit feiner Ueberzeugung scha- . ,1) Der Abdruck des Aufsatzes über Kuranda ist durch Schuld der Redaktion verzögert worden. Die Arbeit war schon längst in . den Händen der Redaktion, das ungeheure vorliegende Material zwang bestäjndig zur Verschiebung des Artikels, der infolgedessen einige Wochen nach dem Säkulartage veröffentlicht wird. Den Verfasser des Aufsatzes trifft keine Schuld. ' L. G. cherte und feilschte und sich nie auf faule'Kompromiße einließ, sondern das von ihm als richtig und wahr Anerkannte mit eiserner Beharrlichkeit und Folgerichtigkeit bis in feine letzten Konsequenzen betätigte. Publizisten wie er flößen überall Respekt ein und selbst seine erbittertsten politischen Widersacher mußten vor ihm den .Hut ziehen. Was speziell Ignaz Kuranda den Lesern unserer Zeitung und dem Judentum überhaupt Wert und Bedeutung 'verleiht, ist noch der Umstand, daß er, ein geborener Jude, me seine Konfession verleugnete, auch dann nicht, als er wegen seiner Abstammung und seines religiösen Bekenntnisses Schwierigkeiten und Hindernisse aller Art begegnete, die, wenn er seine Religion hätte „changieren" wollen, leicht überwunden worden wären. Auch dann nicht, als er aus der Höhe, seines Einflusses und feiner so fruchtbaren Tätigkeit stehend, und von aller Welt anerkannt, der Verführung entging, nach berühmten Mustern die Spuren seines Ursprungs zu verwischen. Ihm gebührt der Ruhm, daß er schon lange vor der Judenemanzipation als Publizist sich gleich treu blieb und daß er auch nach der Gleichberechtigung, nachdem er in das parlamentarische Leben eingetreten war, feine Charakterfestigkeit und sittliche Reinheit sich bewahrte. Jedes Strebertum, jede Karrieremacherei und jedes Haschen und Geizen nach der Gunst'der .Mächtigen dieser Erde war ihm vollständig fremd, er würde eS als Entweihung seiner Manneswürde betrachtet haben. Mit Recht wurde an seinem Grabe von all denjenigen, die die Bedeutung des Publizisten, Politikers und Menschen würdigten, hervorgehoben, daß er durch seine Person ein Zeugnis von dem sittlichen Element gegeben hat, das in dem jüdischen Stamme enthalten und lebenskräftig sei und daß er stets warmes Interesse an seiner Glaubensgenossenschaft bekundet habe. So sagte z. B. der berühmte österreichische Jurist und Staatsmann, ehemaliger Minister und Führer der verfassungstreuen Deutschen Linken im Abgeordnetenhaus Dr. Eduard Herbst, daß Ignaz Kuranda zu den besten und patriotischsten Männern gehört und daß er sich um die Publizistik unvergängliche Verdienste erworben habe. Besonders habe er durch seine so oft bekundete Unabhängigkeit und Gesinnungstreue der österreichischen Publizistik die Anerkennung und Achtung des Auslandes erworben, und aus^ feiner Schule seien viele der hervorragendsten politischen Schriftsteller hervorgegangen. Ein allgemein geachteter und geliebter Mann, sei er nach Anbruch der Aera des Parlamentarismus in Oesterreich durch das Vertrauen der Bürger der ersten Kommune des Reiches, der österreichischen Reichs-, Haupt- und Residenzstadt, in den Landtag und Reichsrat entsandt worden, und dieses ehrenvolle Vertrauen sei ihm bis ans Ende seines Lebens treu geblieben. Auch habe er für Wien im Gemeinderate viele Jahre hindurch gewirkt^ wofür ihm durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechts die höchste Auszeichnung dieser Stadt zuteil geworden. Noch nie sei ein Vertrauen so verdient gewesen, wie das in Kuranda gesetzte. Gleich bei seinem ersten Eintritt in das Parlament habe er durch seine umfassenden Kenntnisse, durch seine reichen Erfahrungen und durch feine glänzende Beredsamkeit zu dessen hervorragendsten Mitgliedern gehört; er werde für alle Zeiten als eine Zierde des österreichischen Abgeordnetenhauses anerkannt bleiben. Herbst rühmte an ihm, mit dem er jahrelang gemeinsam gewirkt hqt, nicht bloß den hochbegabten stets konsequenten Politiker und den glänzenden Redner, sondern vor allem seinen edlen Charakter, und das Wohlwollen, das er stets jedem ernsten Streben entgegengebracht habe, sowie seine neidlose Anerkennung fremder Erfolge und fremder Tätigkeit. Er habe jenen liebenswürdigen Charakter besessen, der nur jenem eigen sein könne, der mit dem Reichtum des Geistes auch wahre Herzensgüte verbinde. „So wird denn

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