Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Auch die diettstrechtlichen Verhältnisse der 'Rabbiner, -der Religionslehrer und sonstiger Kultusbeamten bedürfeneinerklareren Regelung und Sicherstellung. Wenn ich dies gleich meinem Herrn Vorgänger wiederum anerkenne, so muß ich mir aber auch die beiden Vorbehalte aneignen, die er seinerzeit beigefügt hat. Der eine ist in der Geschäftslage begründet. Solange die Kirchengemeindeordnung noch nicht unter Dach und Fach ist, kann nicht daran gedacht werden, die Revision des Judenedikts in Angriff zu nehmen. Außerdem werden wohl auch auf anderen Gebieten umfangreiche Aufgaben zu-lösen fein, die die Inangriffnahme des Judenedikts etwas erschweren. Ich kann, daher bezüglich des Zeitpunktes, bis zu dem ich in der Lage sein könnte, einen Gesetzentwurf über die Verhältnisse der israelitischen Glaubensgesellschaft in Bayern vorzulegen, heute noch kein bestimmtes Versprechen geben. Dann besteht noch ein weiteres Hindernis für die alsbaldige Vorlage des Gesetzentwurfs. Auch Herr v. Wehner hat sich einen Erfolg nur dann versprochen, wenn innerhalb der israelitischen Glaubensgesellschaft eine größere Klärung der Anschauungen und" eine gewisse Übereinstimmung darübererzielt sein würde, was erreicht werden soll. Bis jetzt ist dies nicht gelungen. Die Kommission, die im Jahre 1908 vom „Landesverein für israelitische' Kultusgemeinden" zum Zwecke -der Ausarbeitung von Grundsätzen für die Revision eingesetzt worden war, wurde von vornherein durch den Austritt der Rabbinermitglieder und ihrer Stellvertreter wegen grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten lahm gelegt. Es wurden zwar Grundsätze aufgestellt, die aber nicht als. das Ergebnis gemeinsamer Beratungen und Vereinbarungen unter den Vertretern der neologen und der orthodoxen Richtung' sowie der Rabbiner gelten konnten. Inzwischen hat die Vorstandsschast des, Vereins für die Interessen des gesetzestreuen Judentums in Bayern Vorschläge für eine neue gesetzliche Regelung , zugleich mit einer Denkschrift dem Kultusministerium unterbreitet. Vor einigen Wochen ist ferner auf einer Versammlung der Vorstände der größeren Kultusgemeinden Bayerns wiederum eine Kommission gewählt' worden, die die Frage der Revision Prüfen soll. Auch die- Herren Rabbiner sind unter sich noch nicht vollkommen einig. ' Ich werde die weiteren Versuche einer Verständigung über Ziele und Wege einer Revision mit Interesse verfolgen und hoffe aus ein brauchbares Ergebnis. Es wird unter allen Umständen von Wert sein, die Wünsche der verschiedenen Beteiligten genauer kennen zu lernen und zu erfahren, in welchen Punkten Uebereinstimmung besteht. Davon wird es jedenfalls auch mit abhängen, nicht nur wann, sondern auch in welchem Umfange eine Revision gemacht werden kann." ,; *. Ueber den 13. Delegierten tag der Zionistisch tz n V er e i n i g u n g für Deutschland bringt das „Bert. Tagebl." nachstehenden Bericht: Am 27. und 28. Mai fand in Posen in den „Reichshallen" der dreizehnte Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt. Diese Vereinigung ist ein Teil der zionistischen Weltorganisation, die in allen Ländern über eigene Landesverbände verfügt. Es waren als Vertreter der zionistischen Ortsgruppen Deutschlands Hundertunddreißig Delegierte erschienen. In seiner Eröffungsrede gab der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Arthur H antke-Berlin, einen Ueberblick über die Lage der zionistischen Gesamtorganisation. Die Arbeit in Palästina schreitet immer mehr vorwärts. Die zionistische Organisation verfügt dort über eine Bank (Anglo Palestine Company), die ihren Sitz in Jaffa und Filialen in allen größeren Städten Palästinas hat. Der jüdische Nationalsonds, der zum Landkaus in Palästina bestimmt ist, verfügt bereits über'ein Vermögen von drei Millionen Mark, wovon sechzig Prozent in Palästina angelegt sind. Durch eine Anleihe des Nationalsonds wurde in Jaffa ein modernes jüdisches Stadtviertel geschaffen, in Jerusalem und Haifa entstehen durch die privatwirtschaftliche Tätigkeit zionistischer Gesellschaften (Jmmobiliengesellschäst Palästina) Ebenfalls neue Stadtteile. In der fruchtbaren Ebene Jesreel wurden in ^letzter Zeit größere Landkäufe gemacht. Alle jüdischen Wirtschaften und Institute in Palästina befinden sich in erfreulicher Entwickelung. Neben der Palästinaarbeit steht als wichtigste Ausgabe die nationale Organisation der Judenheit der ganzen Welt. In Deutschland wurden in den letzten Jahren durch intensive schriftliche und mündliche Propaganda große Fortschritte erzielt. Die Zahl der . organisierten deutschen Zionisten beträgt rund 9000: Innerhalb der letzten zwei Jahre wurden in Deutschland über 350,000 Mark für zionistische Zwecke ausgebracht. Das zionistische Gesamtvermögen beträgt etwa '10 Millionen Mark, die Jahreseinnahmen der Gesamtorganisation belaufen sich auf 800 000 Mark/ Nach verschiedenen Begrüßungsansprachen, darunter der' des greisen Oberrabbiners Feilchenfeld -Posen, erstattete Herr. Leo •DFotzkin-Berlin ein Referat über die „zionistische Palästinapolitik". Er erörterte die prinzipielle Stellungnahme der zionistischen Organisation zur kolonisatorischen Arbeit in Palästina. Es sei nicht das Ziel, Philanthropie zu treiben oder in einigen Punkten des Landes kulturelle Institutionen zu gründen, sondern das Ziel sei und bleibe die Lösung der Judenfrage durch geschlossene Ansiedlüng jüdischer Massen in Palästina. Es würden naturgmäß nicht alle zwölf Millionen Juden nach Palästina gehen, "wohl aber sei das Land zur Ausnahme großer jüdischer Ntassen bestimmt, die heute keine wahre Heimat haben. - Hieraus erstattete der Generalsekretär der zionistischen Organisation, Herr Kurt Blumenfeld- Berlin, ein Referat über „Erziehung zum Zionismus", worin er die prinzipiellen Unterschiede zwischen dem Zionismus als einer-national-politischen Bewegung und allen anderen jüdischen Organisationen 'kennzeichnete. - Letztere könnten das Judentum nicht erhalten; sie verfügten über Vorstände und Beiträge, nicht aber über aktiv tätige Mitglieder. Die zionistische Propaganda müsse daher im Sinne des Programms die Unterschiede zu dem nicht zionistischen Judentum-stark unterstreichen, wenngleich naturgemäß in Einzelfragen eine Zusammenarbeit möglich sei. An die Referate schloß sich eine lebhafte Debatte, die in allen wesentlichen Punkten völlige Uebereinstimmung ergab. Dem Zentralkomitee und dem geschästsführenden,Ausschuß wurde das vollste Vertrauen votiert. Am zweiten Tage hielt Herr Dr. Sichel- Chemnitz ein Referat über die Organisation der Nationalfondssammlungen, Herr Dr. Becker-Berlin referierte über Statutenänderungen. Spezielle Debatten fanden über die Mitarbeit der Zionisten in den jüdischen Gemeinden und Vereinen sowie über die Jugendpropaganda statt. Die Gründung besonderer zionistischer Jugendvereine wurde empfohlen. Auf ein an den deutschen Kaiser gerichtetes Hüldigungstelegramm traf folgende Antwort ein, die mit stürmischem Beifall begrüßt wurde: „Seine Majestät der Kaiser und König lassen den dort versammelten Delegierten der deutschen Zionisten für den Huldigungsgruß danken. Der Geheime Kabinettsrat v. Valentini." Das bisherige Zentralkomitee wurde wiedergewählt und durch einige Neuwahlen auf neunundzwanzig Mitglieder ergänzt. Den geschästsführenden Ausschuß in 'Berlin bilden die Herren: Rechtsanwalt Dr. Hantke (Vorsitzender), Kurt Blumenfeld, Dr. H. G. Heymann, Rechtsanwalt Dr. Klee, Leo Motzkin. Aus Kiew bringt das „Berl. Tagebl." u. d. T. „Der ausgeklärte Ritualmord " folgendes Telegramm: Der Journalist Brasul, der, wie gemeldet, vor kurzem der Staatsanwaltschaft bestimmte Angaben über die wirklichen Mörder des Knaben Juschtschinsky machte, ist gestern von der Staatsanwaltschaft vernommen worden. Das Verhör dauerte den ganzen Tag. Auch die Vernehmung der von Brasul angegebenen Zeugen hat bereits wichtige Resultate ergeben. Man rechnet bereits mit der Möglichkeit, daß der zu Unrecht beschuldigte Beilis gegen Stellung einer Bürgschaft sreigelafsen wird. Nach den Angaben Brasuls sind nicht weniger als neun Personen an dem Morde beteiligt. : Aedrrblick über dir heutige Lage der Milchen Lehrer Süddeutlchlands. man hört und liest so oft, so viel und so ernst von den mannigfach unbefriedigenden, endlich einmal durchgängig veränderungsbedürftigen Verhältnissen der jüdischen Lehrerschaft Norddeutschlands, insbesondere des Königreichs Preußen. Die wesentlich anders gearteten- Umstände ihrer Wirksamkeit nebst deren Vorbedingungen in Süddeutschland stehen weit weniger im Mittelpunkte der allgemeinen Erörterung, mögen zwar Besprechung und Behandlung der auch