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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-06-07 · Heft 23 (7.6.1912) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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Doch fehlten auch nicht vornehmere Gründe, die dazu antrieben, die Judenheit aus dem Staube zu erheben. Den ersten bedeutsamen Vorstoß hatte, von Mendelssohn angeregt, schon Dohm unternommen, trotzdem er Kriegsrat Friedrichs des Großen war. Er ging von dem Gedanken aus, daß der Staat durchaus keine moralischen Eroberungen mache, wenn er für die Freiheiten und Rechte, die er gewährt, als Gegenleistung verlangt, daß man der inneren Freiheit und dem inneren Rechte entsage. Gerade unsere Standhaftigkeit erklärte er als unsere Ehre, gerade aus unserer Beharrlichkeit zog er einen Beweis für unsere Würde und Würdigkeit. Vernehmen wir seine eigenen Worte: „Ich wage es, selbst die standhafte Anhänglichkeit an die ihren Vätern verliehene Lehre von Gott dem jüdischen Charakter als einen guten Zug anzurechnen. Was der Christ Blindheit und verstockte Hartnäckigkeit nennt, ist beim Juden standhafte Beharrlichkeit bei dem, was er einmal als göttliches Gebot glaubt. Wer kann sich versagen, den Juden hochzuachten, den keine Marter* bewegen konnte, von seiner Religionsvorschrist abzugehen, und den Nichtswürdigen zu verachten, der um des Vorteils willen sich lossagt und den christlichen Glauben mit den Lippen bekennt? Schon allein die Anhänglichkeit an den uralten Glauben gibt dem Charakter der Juden eine Fähigkeit, die auch zur Bildung ihrer Moralität überhaupt vorteilhaft ist. Ihre Armen fallen dem Staate nicht zur Last; die ganze Gemeinde nimmt sich ihrer an. Das häusliche Leben genießen sie mit mehr Einfachheit. Sie sind meistens gute Ehemänner und Hausväter. Dem Staate sind sie überall ergeben, und sie haben oft in Gefahren einen Eifer bewiesen, den man von so wenig begünstigten Gliedern der Gesellschaft nicht erwarten sollte." Den Spuren Dohms folgten großzügige Männer. Aus allen leuchtet eine Gestalt hervor, lichtumflossen, frei und unbefangen. Es war Hardenberg. So oft wir seinen Namen nennen, fügen wir hinzu: „Das Andenken des Gerechten sei gesegnet!" Er setzte es sich, wie er ausdrücklich sagte, zur Ausgabe, „Deutschlands Schuld vieljähriger, zum Teil grausamer Unduldsamkeit zu sühnen." „Ich stimme für kein Gesetz der Juden, das mehr als vier Wörter enthält: „gleiche Rechte, gleiche Pflichten!" Seine Bemühungen waren endlich mit Erfolg gekrönt. Am 11. März 1812 genehmigte Friedrich Wilhelm III. das Edikt, das die Emanzipation der Juden aussprach; sie, bisher als Fremde geduldet und als solche Schutzjuden genannt, sie waren über Nacht gleichberechtigte Staatsbürger geworden. Die ungeheuerliche Schmach und Entehrung, die man ihnen bis dahin angetan hatte, war mit einem Schlage abgewendet. Ein allgemeiner Jubel brach unter den Juden aus, der bald einen mächtigen Widerhall fand in der Begeisterung, mit der sie an den Freiheitskriegen teilnahmen. Unsere Männer und Jünglinge scharten sich zu den Reihen der Freiheitskämpfer, und unsere Frauen übten Werke der Menschlichkeit. II. So tiefe Dankgefühle auch der Tag unserer Befreiung in uns weckt, wir empfinden dabei ' doch eine gewisse Wehmut, wenn wir auf die heutigen Zustände in unserer eigenen Mitte blicken. Da die Juden trotz des Ediktes von 1812 und des späteren erweiternden Gesetzes von 1869 in der Praxis einer Ausnahmestellung unterworfen blieben, so häuften sich in erschreckender Zahl jene Schwachmütigen, die keinen anderen Ausweg sahen, als ihren Glauben zu verleugnen, um Amt und- Stellung zu erkaufen. Sie zahlten einen hohen Preis: die Verzichtleistung aus das. angeborene Menschenrecht. Ihre Entschuldigung war: die Verhältnisse sind stärker als wir. Damit haben sie den jüdischen Charakter eingebüßt und verschwinden aus unfern Annalen. Ausgestrichen, ausgelöscht aus dem Buche einer viertausendjährigen Geschichte! .. Oder sollte-gar die Zeit gekommen sein, die Staatsmänner und Professoren so sehnlich erwarten, die Zeit, da das Judentum in der Auslösung begriffen ist? Darauf können wir von unserer hohen Warte nach geschichtlicher Umschau nur eines erwidern: Nicht unsere Schwächlinge und Müden > und Unwissenden geben den Ausschlag? Die Blätter bedeuten noch nicht den Baum; die Blätter hängen lose an ihm, ein Windhauch treibt sie in den Staub; das Beharrliche bildet nur der Stamm, der festgewurzelte Stamm, der gegen die Glut wie gegen die Kälte geseib ist. Wie sich bei der Anbetung des goldenen Kalbes nur ein Bruchteil des Volkes vergangen, wie der Herr zur Zeit des Elia aus dem götzendienerischen Reich Israel siebentausend ausnehmen konnte, deren Knie sich nicht vor Baal gebeugt hatten, so. verblieb uns in jeder Zeit ein „gottgeweihter Stamm"^), der, von der Lebensquelle getränkt, stark genug war gegenüber allen irdischen Gewalten. Diese Wetterfesten beweisen der Welt: Seht, wir, wir sind stärker als die Verhältnisse; wir sind unbeugsam oder, um mit dem Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" zu reden: „Wir lassen uns durch nichts, auch nicht durch die Judenhetze, unser Leben abkränken." Nur das ehrliche Ringen, wie es, nach dem Vorbilde Ludwig Philippsons, beispielsweise im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und im „Verband der deutschen Juden" zutage tritt, führt zum Ziele. Obgleich wir mehr Gewicht daraus legen, daß wir die Rechte verdienen, als darauf, ob sie uns zuteil werden, so ist es doch auch eine Sache des Ehrgefühls, die Verwirklichung der Gleichheit zu erkämpfen und dadurch auch die Ehre des Staates zu retten. Wir halten uns an die Worte des tapfern Gabriel Riesser, der uns in die Ohren rief: „Es gibt nur eine Taufe, die zur Nationalität einigte: die des Bluts im gemeinsamen Kamps für Freiheit und Vaterland. Die deutschen Juden haben sich diesen vollgültigen Anspruch; aus Nationalität vollgültig erworben." „Wir wollen dem deutschen Vaterland angehören. Es kann und darf und mag von uns alles fordern,-was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir ihm alles opfern — nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird!" Und nun das goldene Wort: „Wenn ungerechter Haß an unserem Namen haftet, sollen wir ihn dann verleugnen, anstatt alle unsere Kraft daranzusetzen, ihn zu Ehren zu bringen?" In anderen Rechtsstaaten sind bereits unsere Glaubensgenossen bis zn den höchsten Politischen und militärischen Stellungen ausgestiegen; wir werden deshalb nicht unwillig aus unser Vaterland blicken, das, seiner Eigenart gemäß, langsamer und bedächtiger vorgeht. Wir ziehen es vor, immer und immer wieder in unsere eigene Mitte zu blicken und an unseren Charakteren einen Halt zu finden. Und da gewährt uns aus letzter Zeit wieder ein Wetterfester eine Genugtuung, der große Forscher itt; Frankfurt a. M., der, ohne sich zu einem demoralisierenden Abfall zu erniedrigen, die höchste Ehrung in Preußen erreicht hat. Auf allen Kulturgebieten regen sich die Kräfte unserer Glaubensbrüder. Wenn kurzsichtige Wirtschastsp.olitiker sich nicht davon freimachen können, den Juden vermöge ihrer Erfolge das Streben nach der Weltherrschaft zuzuschreiben, so entgegnen ihnen die Abwehrvereine — nicht bloß die in unserer eigenen Mitte, sondern auch, die auf nichtjüdischer Seite —: wenn die Juden nur Bürger und immer nur Bürger ihres Vaterlandes sein wollen, so kommen ihre Errungenschaften doch dem Vaterlande zugute. Jeder, der durch seine Leistungen die Kraft und die Ehre des Vaterlandes erhöht, jeder, der *) Jesaja 6, 13.

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